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Deutsche Fintech-Ikone am Abgrund – kann diese Aktie Turnaround?

Börsencrash
Börsencrash

Nixdorf entwickelte bereits vor 45 Jahren Fintech, da gab es diesen Begriff noch gar nicht. Heute stößt man in fast allen Städten dieser Welt auf innovative Geldautomaten, Selbstbedienungsterminals und Kassensysteme mit dem Schriftzug des Computerpioniers. Sie sind aus dem Alltag von vielen Millionen Bankkunden nicht wegzudenken.

Der kombinierte Konzern Diebold Nixdorf (WKN: 856244) beherrscht dieses Geschäftsfeld heute mit rund einem Drittel Marktanteil. Es gibt wohl nur wenig andere globale Infrastrukturen von dieser Bedeutung. Und doch schlingert das Unternehmen von einer Krise zur nächsten. Wie kann das sein? Und gibt es Hoffnung für das Unternehmen und seinen verprügelten Aktienkurs?

Eine Hochzeit im Himmel wurde zur Hölle

Als vor sechs Jahren der Zusammenschluss von Diebold und Wincor Nixdorf bekannt gegeben wurde, war ich sicher, dass dies der Anfang einer großen Erfolgsgeschichte sein würde. Es entstand ein globaler Marktführer mit starker Präsenz in Nordamerika und Europa. Gemeinsam würden sie die Kraft haben, in Asien erfolgreich zu bestehen und den Wandel in Richtung digitaler Services zu stemmen.

Die Größenvorteile versprachen jede Menge Synergien und die schnell wachsende Mittelschicht in vielen Schwellenländern eröffnete gute Absatzchancen. Zudem konnte die Stärke von Nixdorf bei den Lösungen für den Einzelhandel auf Nordamerika und andere Regionen ausgeweitet werden.

Das Management schob viele Digitalinitiativen an und zeigte sich innovationsfreudig. All das erschien vielversprechend. Wenn alles optimal gelaufen wäre, dann könnte sich Diebold Nixdorf heute wahrscheinlich bei den großen Fintech-Unternehmen einreihen, die alle viele Mrd. US-Dollar wert sind.

Stattdessen ist die Marktkapitalisierung in den letzten Wochen auf geradezu groteske 210 Mio. US-Dollar geschrumpft (zum 10. Juni). Dem steht ein Umsatz von 3,8 Mrd. US-Dollar über die letzten vier Quartale gegenüber, was einem mickrigen KUV von 0,06 entspricht. Diese Aktie hat selbst die geduldigsten Langfristanleger arm gemacht.

Die Ursachen der Misere von Diebold Nixdorf

Zuallererst wird im Rückblick deutlich, dass Diebold sich mit der Akquisition von Wincor Nixdorf übernommen hat. Die Aktionäre der deutschen AG mussten zu einem stolzen Preis mit Barmitteln abgefunden werden. Das zehrte an den Eigenmitteln der Amerikaner.

Da gleichzeitig im operativen Geschäft Sand ins Getriebe kam und die asiatische Konkurrenz den Wettbewerb intensivierte, gelang es auch nicht, nachhaltig profitabel zu wirtschaften. Schon bald driftete das Eigenkapital in den negativen Bereich ab – höchste Alarmstufe! Zum 31. März waren es beängstigende minus 1,0 Mrd. US-Dollar. Die Nettofinanzschulden belaufen sich sogar auf 2,0 Mrd. US-Dollar.

Das Management hatte über all die Jahre viel damit zu tun, Strukturen zu vereinfachen, Randgeschäfte abzugeben und die Kostenbasis zu senken. Zwischenzeitlich sah es auch so aus, als ob es gelingen würde, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Doch die Misere hält an. Hoffnungsträger Gerrard Schmid hat zwar viel bewegt, aber am Ende das Ruder nicht herumreißen können.

Seit März führt Octavio Marquez das Unternehmen als CEO und Präsident an. Er musste gleich schlechte Nachrichten verkünden und den Ausblick für das Gesamtjahr deutlich zurückschrauben. Als Hersteller von IT-getriebener Hardware ist das Unternehmen stark von den Turbulenzen in den Lieferketten betroffen.

Gibt es noch Hoffnung für Diebold Nixdorf?

Operativ sieht es abseits von den temporär schwierigen Marktbedingungen eigentlich weiterhin gar nicht so schlecht aus. Treue Kunden wie McDonald’s (WKN: 856958) lieben die Selbstbedienungsterminals. Weltweit verlassen sich unzählige Banken auf die Automaten und profitieren, indem sie sich beim Kundenservice auf höherwertige Dienstleistungen konzentrieren können. Die Nachfrage ist da.

Zudem hat Diebold Nixdorf vor einigen Monaten einen interessanten Vorstoß in Richtung Ladenetze gewagt, um seine Stärken im Management von dezentraler Technologie-Infrastruktur zu nutzen. Als erster Partner konnte der innovative Ladesäulenbauer Compleo (WKN: A2QDNX) gewonnen werden. Das sieht für mich nach einer komplementären Verbindung aus.

Zwischenzeitlich konnte Diebold Nixdorf weitere Kunden für den neuen Service akquirieren, sodass die Anzahl der betreuten Ladepunkte schon in die Zehntausende geht. Und auch die neue cloudbasierte Einzelhandelsplattform Vynamic scheint gute Potenziale zu bieten.

Chairman Gary Greenfield gibt sich jedenfalls überzeugt, dass der Mexikaner Marquez das Zeug hat, Diebold wieder in die Erfolgsspur zu bringen: „Octavio ist eine hervorragende, kundenorientierte Führungspersönlichkeit und hat maßgeblich zum strategischen, operativen und finanziellen Fortschritt von Diebold Nixdorf beigetragen. Er ist in einer einzigartigen Position, um Diebold Nixdorf auf einen spannenden Weg zu führen.“

Hier ist Vorsicht angesagt!

Wie bereits seine Vorgänger, will der neue Chef bessere Prozesse implementieren und sich auf die aussichtsreichsten Werttreiber fokussieren. Damit sollen die Kosten bis Ende 2023 um über 150 Mio. US-Dollar sinken, das Wachstum zurückkommen und der Barmittelabfluss gestoppt werden.

Zunächst verbrennt das Unternehmen aber viele Mio. US-Dollar, was die Liquiditäts- und Schuldensituation noch verschlimmert. Allein im ersten Quartal mussten 48 Mio. US-Dollar für Zinsen aufgebracht werden. Da sich aktuell im Zuge der Inflation und der Leitzinserhöhungen das Finanzierungsumfeld verschlechtert, stehen große Fragezeichen hinter der Sanierungsfähigkeit des Unternehmens.

Die Aktie von Diebold Nixdorf sieht wie ein Superschnäppchen aus, aber die Risiken sind groß. Hier greifen nur hartgesottene Anleger mit viel Optimismus zu.

Der Artikel Deutsche Fintech-Ikone am Abgrund – kann diese Aktie Turnaround? ist zuerst erschienen auf The Motley Fool Deutschland.

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Ralf Anders besitzt keine der genannten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2022

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