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Das deutsche Exportmodell gerät unter Druck

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Deutsche „Hidden Champions“ und mit ihnen die gesamte Ausfuhrwirtschaft sehen sich international mit gewaltigen ökonomischen und geopolitischen Umbrüchen konfrontiert. Was bedeutet das für die Exportnation Deutschland?

Die Hochzeiten der Globalisierung sind vorbei. Der zunehmende Protektionismus, die Autarkiebestrebungen Chinas und die technologische Entwicklung stellen das traditionelle deutsche Exportmodell in Frage. Umso dringender ist es, die Standortbedingungen in Deutschland zu verbessern.  Foto: dpa
Die Hochzeiten der Globalisierung sind vorbei. Der zunehmende Protektionismus, die Autarkiebestrebungen Chinas und die technologische Entwicklung stellen das traditionelle deutsche Exportmodell in Frage. Umso dringender ist es, die Standortbedingungen in Deutschland zu verbessern. Foto: dpa

Gabriel Felbermayr hat keine Zweifel: „Die Welt der frühen Neunzigerjahre, als die Idee des Multilateralismus noch Hochkonjunktur hatte, ist passé“, sagt der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Fakt ist: Das weltwirtschaftliche Umfeld für die deutschen Mittelständler und Weltmarktführer mit ihrer starken Exportorientierung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig verändert. Und das ist nicht allein der Tatsache geschuldet, dass mit Donald Trump vier Jahre ein Handelskrieger im Weißen Haus residierte, der den Freihandel als Ursache allen Übels betrachtet. Auch China, Indien, Russland und nicht zuletzt die EU setzen seit Jahren auf mehr statt auf weniger Zölle, auf Abschottung statt auf Freihandel.

Von 1960 bis 2008 nahm der Anteil des Welthandels and der globalen Wirtschaftsleistung von 25 auf 60 Prozent zu. Doch dann kam die Finanzkrise. Sie brachte das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in Misskredit. China mit seiner staatlichen Lenkung von Industrie und Handel kam besser durch die Krise als der Westen. Unter dem Druck der um ihr Überleben kämpfenden Unternehmen setzten auch die Regierungen im Westen vermehrt auf Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse. Die Anzahl der von den G20-Ländern beschlossenen handelshemmenden Maßnahmen hat sich seit der Finanzkrise von 200 auf 800 im Jahr erhöht. Die Folge: Der Anteil des Welthandels am Welt-BIP sank auf aktuell nur noch 56 Prozent. Die Ökonomen der Commerzbank gehen davon aus, dass er in den nächsten zehn Jahren weiter auf 50 Prozent schrumpft.

Dabei ist der Protektionismus nicht der einzige Bremsfaktor für den weltweiten Handel. Er ist noch nicht einmal der dominierende. Studien zeigen, dass lediglich 10 bis 15 Prozent der De-Globalisierung auf das Konto des Protektionismus gehen. Bedeutsamer ist der Strukturwandel: Zwischen 80 und 85 Prozent des globalen Güterhandels bestehen aus Industriewaren. In vielen Ländern schrumpft der Anteil der Industrie an der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Dagegen steigt die Bedeutung des Dienstleistungssektors.

China wird vom Kunden zum Konkurrenten

In den vergangenen Jahrzehnten hat der wirtschaftliche Aufholprozess in China und Osteuropa die Nachfrage nach Industriewaren steigen lassen. Das hat den deutschen Mittelständlern – viele sind Hersteller von Investitionsgütern – volle Auftragsbücher und blendende Geschäfte beschert. Doch damit ist es nun vorbei. China ist nicht mehr das Schwellenland, das dringend auf westliche Investitionsgüter angewiesen ist. Im Gegenteil. Es stellt Investitionsgüter zunehmend selbst her.

Der Handelskonflikt mit den USA dürfte die Autarkiebestrebungen Pekings verstärken. Um seine Abhängigkeit von westlichen Importen zu verringern, muss China innovieren und qualitativ hochwertige Maschinen und Anlagen selbst herstellen. Das schmälert langfristig die Absatzchancen der deutschen Hersteller von Investitionsgütern in China. Das Reich der Mitte wird vom Abnehmer zum Konkurrenten des deutschen Mittelstands.

Ein weiterer Grund, warum China als Absatzmarkt für deutsche Unternehmen mittelfristig an Attraktivität verliert, ist die Demografie. Die chinesische Gesellschaft altert rasch. Das bremst das Wachstum. Die OECD erwartet, dass der Aufholprozess Chinas in den 2040er Jahren ausläuft. Chinas Anteil an der Weltproduktion wird dann nicht mehr steigen. Das sind schlechte Nachrichten für deutsche Mittelständler mit starker Ausrichtung auf China.

Ob andere Schwellenländer in die Lücke springen und sich als neue Absatzmärkte anbieten, ist unsicher. Länder wie Indien streben den direkten Übergang von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft an. Den Umweg über die Industrialisierung wollen sie sich sparen. Als künftige Absatzmärkte für deutsche Hersteller von Investitionsgütern fallen sie daher eher aus. Viele Mittelständler exportieren nicht nur nach China, sie produzieren auch dort. Allerdings verliert China als Produktionsstandort an Attraktivität. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass die Regierung ausländischen Unternehmen das Geschäft durch Bürokratie, Diskriminierung und wachsende politische Kontrolle schwer macht. China verliert durch die anhaltend steigenden Löhne auch seinen Kostenvorteil. In Zukunft könnte dieser durch die steigenden Transportkosten überkompensiert werden.

Die technologische Entwicklung fördert die De-Globalisierung

Dazu kommt: Die technologische Entwicklung erleichtert den Unternehmen die Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland. Dank des 3D-Drucks lässt sich am Standort Deutschland künftig wieder zu wettbewerbsfähigen Konditionen produzieren. In den vergangenen Jahren haben sich 3D-Drucker um ein Drittel verbilligt. Die WTO schätzt, dass die 3D-Technologie den Welthandel bis 2060 um 20 Prozent senkt. Seit 2011 nehme der heimische Wertschöpfungsanteil an den Exporten zu, sagt IfW-Chef Felbermayr.

Und so schnurren die Wertschöpfungsketten, die die Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten rund um den Globus aufgebaut haben, zusammen wie ein Gummiband, das man zuvor gedehnt hat. Der Anteil der aus dem nahen Ausland stammenden Wertschöpfung an der inländischen Nachfrage ist in Asien von 44 Prozent im Jahr 2012 auf aktuell knapp 49 Prozent gestiegen. Für Europa hat sich die Relation von 54 auf fast 59 Prozent erhöht. Die Regionalisierung des Handels ist nicht unbedingt schlecht. Vor allem dann nicht, wenn sie das Ergebnis veränderter Faktorpreisrelationen ist. Anders sieht es aus, wenn die Rückverlagerung der Wertschöpfungsketten in heimische Gefilde politischem Druck etwa in Form von Importverboten folgt. Dann schmälert sie das Wachstum und kostet Wohlstand.

Deutschland braucht mehr Ludwig Erhard

Die Neuausrichtung der Arbeitsteilung, die Renaissance der heimatlichen Produktion lässt den Standortbedingungen in Deutschland eine wachsende Bedeutung zukommen. Dabei geht es nicht allein um die Höhe von Steuern, Abgaben und Energiekosten. Ebenso wichtig ist das grundsätzliche Verhältnis von Markt und Staat, von unternehmerischer Freiheit und staatlichen Anweisungen.

„Die Coronapandemie birgt die Gefahr, dass sich Deutschland weiter von den marktwirtschaftlichen Grundlagen und Konzepten Ludwig Erhards entfernt“, warnt Dietrich Thielenhaus, Beiratsvorsitzender der Thielenhaus Technologies, Weltmarktführer für hochpräzise Oberflächenbearbeitung aus Wuppertal.

Deutschland brauche „keinen schleichenden Übergang zur Planwirtschaft, sondern die Stärkung der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Unterlassung kontraproduktiver Eingriffe durch die Politik“, so Thielenhaus. Die Erwartungen, die die Mittelständler an die Politik haben, seien ohnehin nicht allzu groß. „Man wäre mittlerweile auch für eigentlich selbstverständliches Regierungshandeln dankbar“, so Thielenhaus. Unternehmer müssen sich darauf verlassen können, dass geltendes Recht „nicht aus Opportunitätsgründen eingeschränkt oder ganz außer Kraft gesetzt wird“.

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