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Deutsche Chemiebranche steht vor einem Abschwung

Die schwache Konjunktur in Europa belastet die deutsche Chemiebranche. Nach einem Produktionsrückgang im Jahr 2018 zeichnen sich für 2019 weitere Einbußen ab.


Vor einem Jahr sah vieles noch nach einem stabilen Höhenflug aus. Doch inzwischen hat sich das Bild in der deutschen Chemiebranche drastisch gewandelt. Die Stimmung habe sich zuletzt deutlich eingetrübt, heißt es im jüngsten Konjunkturausblick des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Seine Prognosen für 2019 hat der Branchenverband gegenüber den letzten Schätzungen von Anfang Dezember deutlich nach unten korrigiert.

„Mit der aktuellen Lage zeigen sich immer weniger Chemie- und Pharmaunternehmen zufrieden“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann zu den neuesten Zahlen. „Auch für die weiteren Aussichten nimmt der Pessimismus zu.“

Die Aussagen des Verbandes reflektieren die Erfahrungen etlicher großer Chemiekonzerne wie BASF und Covestro, die im vierten Quartal ihre Gewinnerwartungen revidieren mussten und zum Teil mit verhaltenen Prognosen ins neue Jahr starteten.

Die Chemiebranche wird damit einmal mehr ihrer Rolle als Frühindikator für die Konjunkturentwicklung gerecht. Da viele Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes bei nachlassenden Auftragseingängen ihre Materialbestellungen zügig drosseln, spürt die Chemie eine Konjunkturabkühlung relativ früh. Hinzu kam das extreme Niedrigwasser des Rheins, das die Branche im Oktober und November spürbar beeinträchtigte.

Der VCI rechnet nun für 2019 für die Branche insgesamt mit einem Produktionsrückgang um beachtliche 3,5 Prozent. Das würde auf die stärksten Einbußen seit der Finanz- und Konjunkturkrise 2008 hinauslaufen. Noch im Dezember hatten die Statistiker des Verbandes ein moderates Plus von 1,5 Prozent für 2019 in Aussicht gestellt.


Der Umsatz der Branche (inklusive Pharma) dürfte nach VCI-Schätzung um 2,5 Prozent auf 198,5 Milliarden Euro sinken, und damit wieder unter die Schwelle von 200 Milliarden Euro zurückfallen, die man 2018 erstmals überschritten hatte.

Allerdings werden die Zahlen des Branchenverbandes dabei durch einen Sondereffekt im Pharmabereich überzeichnet, der traditionell in der Statistik des VCI mit enthalten ist. Der Pharmasektor trägt etwa ein Drittel zum gesamten Produktionswert der chemisch-pharmazeutischen Industrie bei. In diesem Bereich ist laut VCI gegen Jahresende die Produktion eines Blockbuster-Wirkstoffs ausgelaufen, der zuvor für kräftige Zuwächse gesorgt hatte.

Zum anderen hat sich aber auch die Situation in der eigentlichen Chemie (ohne Pharma) in den letzten Monaten verschlechtert. Hier erwartet der Branchenverband nach einer bereits schwachen Entwicklung im Vorjahr nun für 2019 ein Minus von 1,5 Prozent in der Produktion, während der Umsatz dank steigender Preise nur leicht sinken dürfte. Im Dezember hatte man noch Chancen gesehen, dass die Chemieproduktion 2019 stabil bleiben könnte. Im vergangenen Jahr ist die Chemieproduktion, bedingt vor allem durch das besonders schwache Schlussquartal um 2,2 Prozent geschrumpft.

VCI-Geschäftsführer Tillmann führt den schwachen Ausblick in erster Linie auf die ungünstige Entwicklung bei wichtigen Abnehmern der Chemie zurück. „Die Industrie in Deutschland und Europa befindet sich im Abschwung. Wichtige Kundenindustrien drosseln ihre Produktion“, so Tillmann. In der für uns wichtigen Automobilindustrie halten Probleme an.“ Dies wiederum habe negative Effekte für die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen.

Zudem bereite auch das wirtschaftspolitische Umfeld in der EU Sorgen, Tillmann verweist etwa auf die neu aufkeimende Schuldenkrise und den Brexit. Auch aus Übersee sei kein starker Impuls für die deutsche Chemie zu erwarten.


Insgesamt führte das vor allem im vierten Quartal 2018 zu einem unerwartet markanten Einbruch. Die Produktion der Branche sank in diesem Zeitraum laut VCI um rund ein Zehntel gegenüber dem Vorquartal und um gut sechs Prozent im Vergleich zum Schlussquartal 2017.

Die Chemie im engeren Sinne (ohne Pharma) lag um vierten Quartal sogar um acht Prozent unter Vorjahr, wobei Petrochemikalien und Kunststoffe zweistellige Einbußen verbuchten. In diesen Bereichen machte sich das Niedrigwasser des Rheins besonders stark bemerkbar.

Für das Gesamtjahr 2018 dagegen fallen die Produktionszahlen dank des – bis November anhaltenden – Booms in der Pharmaproduktion alles in allem noch positiv aus. Die Produktion legte um 3,6 Prozent zu, der Umsatz wuchs um vier Prozent auf 203 Milliarden Euro. Dazu indessen trug nach Analyse des Branchenverbandes ausschließlich die Pharmabranche mit rund 17 Prozent Produktionsplus bei, während die eigentliche Chemie um gut zwei Prozent schrumpfte.

Die Aussagen des Verbandes spiegeln sich teilweise in den Zahlen der führenden Chemiekonzerne. Branchenführer BASF und der Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro etwa verzeichneten im vierten Quartal deutliche Absatz- und Ertragseinbußen und mussten ihre ursprünglichen Prognosen im Spätherbst nach unten korrigieren. Andere Firmen wie Evonik und Wacker Chemie entwickelten sich relativ stabiler.

Auch die Prognosen der Chemiefirmen sind insgesamt nicht so düster. Zwar richtet sich der Kunststoffhersteller Covestro nach zwei Boomjahren auf einen spürbaren Ertragsrückgang ein. BASF dagegen stellt für 2019 einen leichten Umsatz- und Ergebnisanstieg in Aussicht. Der Spezialchemiekonzern Evonik erwartet einen nahezu stabilen Umsatz und operativen Gewinn.