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Deutsche-Bank-Aktie: Was Anleger wissen sollten

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Ausgerechnet in der Coronakrise könnte dem Geldhaus die Wende gelingen. Etliche Analysten loben die Fortschritte – während andere misstrauisch bleiben.

Verschwende niemals eine gute Krise“ – man kann der Deutschen Bank nicht vorwerfen, dass sie sich dieses angelsächsische Motto nicht zu Herzen genommen hätte. Das Frankfurter Geldhaus müsste fast ein bisschen dankbar für die Corona-Pandemie sein, denn die heftigen Kursschwankungen bescherten den Investmentbankern eine robuste Sonderkonjunktur.

Das Geld, das vor allem die Anleihehändler der Bank derzeit scheffeln, kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Bringen die 2,6 Milliarden Euro, die die Investmentbank in diesem Jahr vor Steuern verdient hat, doch die nötige Stabilität, um die Sanierung des größten heimischen Geldhauses voranzutreiben.

Die vergangenen Wochen bescherten der Bank und ihrem Vorstandschef Christian Sewing eine ganz ungewohnte Serie von Erfolgsmeldungen. In den ersten neun Monaten verdiente das Geldhaus vor Steuern rund 850 Millionen Euro und damit deutlich mehr als von Analysten erwartet.

Das bedeutet, dass Sewing wahrscheinlich doch noch sein Versprechen erfüllen kann, am Ende des Jahres einen Vorsteuergewinn zu präsentieren. Ein Versprechen, an das im Januar kaum ein Analyst geglaubt hatte.

Gerade erst hat die Ratingagentur Moody’s den Ausblick für die Deutsche Bank auf stabil heraufgestuft und dann empfahl Andrew Lim, Bankenanalyst der französischen Großbank Société Générale, die Aktie der Frankfurter auch noch zum Kauf.

An sich nichts Besonderes, aber für die Deutsche Bank war es die erste Kaufempfehlung seit vielen Monaten. Lims Schritt kommt fast ein bisschen spät, immerhin hat die Deutsche-Bank-Aktie seit Ende letzten Jahres mehr als 28 Prozent gewonnen, mehr als jedes andere im Stoxx-600-Bankenindex vertretene europäische Geldhaus.

Anleger, die überlegen, ob sie Lims Empfehlung folgen wollen, stellen sich drei Fragen: Wie nachhaltig ist der Aufschwung bei der Deutschen Bank? Lohnt es sich überhaupt, in europäische Bankaktien zu investieren, und gehört die Deutsche Bank zu diesen Kandidaten?

Andreas Thomae, Fondsmanager bei der Deka, legt sich fest: „Die Deutsche Bank ist über den Berg“, sagte Thomae bei der Präsentation der Zahlen für das dritte Quartal vor Kurzem. Das Geldhaus liefere seit nunmehr vier Quartalen solide Ergebnisse. Es sei beeindruckend, „wie stringent Sewing die Strategie umsetze“.

Aber längst nicht alle Experten sind von der endgültigen Wende bei der Deutschen Bank überzeugt. Tatsächlich ist die Kaufempfehlung von Andrew Lim noch immer die einzige. Von den 30 Analysten, die der Informationsdienst Bloomberg erfasst, raten noch immer 17 zum Verkaufen und zwölf zum Halten der Aktie. Im Schnitt liegt das Kursziel für die kommenden zwölf Monate bei 7,06 Euro, also deutlich unter dem aktuellen Kurs von rund knapp neun Euro.

Wie sehr die Deutsche Bank die Analystengemeinde polarisiert, zeigt die Tatsache, dass die Experten trotz ähnlicher Schätzungen zu Erträgen und Gewinnen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen können: Analyst Lim hat seine Studie mit den Worten „time to believe“ überschrieben.

Offenbar hat er den Glauben an Sewings Sanierungsplan gefunden, zu dessen Kernpunkten der Ausstieg aus dem Aktienhandel und der Abbau von insgesamt 16.000 Stellen gehört. Lim war nicht immer so optimistisch. Im Sommer 2019, kurz bevor Sewing seine neue Strategie verkündete, hatte der Analyst sein Kursziel für das Frankfurter Geldhaus auf vier Euro gesenkt.

So pessimistisch war damals keiner seiner Kollegen. Jetzt traut er der Aktie der Deutschen Bank einen Kurs von zehn Euro zu – deutlich mehr als sein altes Ziel von 7,30 Euro. Lim geht davon aus, dass die Marktanteilsgewinne der Frankfurter im Investmentbanking dauerhaft sind und dass die Frankfurter mit der mächtigen Konkurrenz von der Wall Street mithalten können.

Aber auch im Privatkundengeschäft und im Asset-Management attestiert Lim der Bank Fortschritte. Seine Ertragsschätzung für 2020 hat der Analyst von 22,6 Milliarden Euro auf 24,1 Milliarden Euro angehoben und die Prognose für den Vorsteuergewinn auf 720 Millionen Euro nach oben geschraubt. Lims Fazit: Die Deutsche Bank sei auf dem Weg, eine „normale Bank“ zu werden.

Barclays findet die Aktie teuer

Amid Goel von der britischen Großbank Barclays sieht das ganz anders. Zwar hebt auch er sein Kursziel für die Aktie an – aber lediglich auf sechs Euro. Goel findet die Deutsche Bank bereits auf dem aktuellen Niveau teuer, und das, obwohl seine Ertragsprognose für 2020 ähnlich hoch ausfällt wie die seines Kollegen Lim und er sogar von einem höheren Vorsteuergewinn von 781 Millionen Euro ausgeht.

Goel betont, dass die Rendite auf das materielle Eigenkapital auch im dritten Quartal nur bei 1,5 Prozent lag, weit entfernt von den acht Prozent, die Sewing für 2022 verspricht. Außerdem geht der Barclays-Analyst davon aus, dass die Sonderkonjunktur im Investmentbanking spätestens im kommenden Jahr auslaufen wird.

Auch wenn sich die Situation der Deutschen Bank in den vergangenen Monaten deutlich gebessert hat, steht die endgültige Antwort auf die Frage, wie nachhaltig der Aufschwung ist, noch aus. Zumal die Aktie der Frankfurter zu einer Anlageklasse gehört, die in den vergangenen Jahren nicht gerade attraktiv war.

Fast schon traditionell hinken die europäischen Bankaktien dem Markt hinterher. Egal, ob man sich fünf Jahre (minus 49 Prozent), drei Jahre (minus 46 Prozent) oder ein Jahr (minus 29 Prozent) anschaut, die Banken im Euro-Stoxx-600-Index schneiden deutlich schlechter ab als der breite Index, der in den vergangenen fünf Jahren quasi stagnierte.

Schuld an der Misere ist die chronische Ertragsschwäche vieler Großbanken in Europa. Die extrem niedrigen Zinsen, der von den Regulatoren verordnete Aufbau dickerer Kapitalpuffer und hausgemachte Probleme haben die Profitabilität deutlich belastet.

Langfristige Folgeschäden

Dazu kommen jetzt noch die Belastungen der Coronakrise. Im Investmentbanking sorgen die Folgen der Pandemie zwar für Hochbetrieb, aber Investoren und Aufseher beunruhigen die mittel- und langfristigen Folgeschäden.

Bislang haben die staatlichen Hilfen für die Gesamtwirtschaft die befürchtete Pleitewelle verhindert, die als faule Kredite auf die Bankbilanzen durchzuschlagen droht. Aber die Experten von Bearing Point befürchten, dass die Schäden nur aufgeschoben und nicht aufgehoben sind, und die Analysten der Deutschen Bank selbst sagen für die deutschen Banken für dieses Jahr die höchsten Verluste seit der Finanzkrise voraus.

Wie eng das Schicksal der Banken mit der Coronakrise verbunden ist, zeigt die Kursreaktion auf die Ankündigung von Biontech und Pfizer, schon bald einen Impfstoff auf den Markt zu bringen. Am vergangenen Montag, als die Nachricht die Märkte erreichte, schoss die Deutsche-Bank-Aktie um bis zu sechs Prozent in die Höhe.

Die Analysten von Barclays warnen aber davor, zu viel Hoffnung in eine rasche Erholung der Bank-Aktien zu stecken. Die meisten Analysten hätten bereits eine Entspannung bei der Kreditvorsorge in ihre Schätzungen eingepreist. Aber natürlich sei ein wirksamer Impfstoff generell positiv für die Branche, auch weil eine Entspannung der Coronakrise das von den Aufsehern verhängte Dividendenverbot beenden könnte.

Nach Berechnungen von Barclays werden die europäischen Banken derzeit im Schnitt mit nur 50 Prozent ihres materiellen Buchwerts gehandelt. Zwar werde sich an den strukturellen Problemen der Geldhäuser so schnell nichts Grundlegendes ändern, aber auf diesem Niveau seien einige Aktien „zu billig, um sie zu ignorieren“.

Deshalb empfehlen die Experten den Investoren, langsam und selektiv wieder Positionen aufzubauen. Zu den aussichtreichsten Kandidaten zählen die Analysten allerdings nicht die Deutsche Bank, sondern Konkurrenten wie die niederländische ABN Amro, die britische Lloyds und die spanische Santander.