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Der Inszenierungskünstler aus Bayern: "Markus Söder: Die andere Biographie" von Anna Clauß

Konstantin Delles
·Editor
·Lesedauer: 3 Min.

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Markus Söder beim Online-Parteitag der CSU am 26. September 2020 (Bild: Sven Hoppe/Pool via Reuters)
Markus Söder beim Online-Parteitag der CSU am 26. September 2020 (Bild: Sven Hoppe/Pool via Reuters)

Auch im noch frischen Superwahljahr 2021 sind wir nicht viel schlauer: Will Markus Söder nun Kanzler werden, oder sind seine auffällig hartnäckigen Dementis doch wörtlich zu nehmen? Dass sich diese Frage überhaupt stellt, ist schon ein Phänomen in sich: Der einst unbeliebteste Ministerpräsident Deutschlands hat sich in der Coronakrise zu einem der bundesweit populärsten Entscheider gemausert. Entsprechend groß ist seitdem das Interesse an seiner Person und seinen Motiven - zumal Söder sich eben nicht gerne in die Karten schauen lässt.

Einen Blick hinter die Kulissen bietet nun auch Journalistin Anna Clauß an. “Söder: Die andere Biographie” lautet der Untertitel - das vielbeachtete “eine” Söder-Buch hatten Roman Deininger und Uwe Ritzer im vergangenen Jahr mit “Der Schattenkanzler” vorgelegt. Clauß geht eine Spur frecher zu Werke: “Niemand kann ihn besonders gut leiden. Trotzdem folgen ihm alle”, bringt sie schon in der Einleitung das Phänomen Söder auf den Punkt.

Clauß verzichtet darauf, Söders politischen Werdegang im Detail nachzuzeichnen. Mit 175 Seiten stellt ihr Buch eher eine Skizze dar, die die Karriere des CSU-Manns anhand einiger Schlaglichter beleuchtet. Den Rahmen bilden oftmals denkwürdige Pressetermine, auf denen Clauß Söder als Bayern-Korrespondentin des “Spiegel” begleitet hat. Schließlich ist Söder wie kaum ein anderer Politiker erpicht auf große Inszenierungen, die Clauß mit mit ebenso großer Hingabe zerpflückt.

So seziert sie brillant, wie Söder, dem der unmittelbare Kontakt zum Bürger eigentlich so gar nicht liegt, diese Schwäche mit durchgetakteten Events und aufpeitschender Rhetorik ausgleicht - oder wie er etwa als Finanzminister die Scheckübergabe auf Lokalebene zur politischen Kunstform erhob. Manchmal wirkt Söder in ihrer Schilderung fast wie ein fränkischer Sheldon Cooper, der Volksnähe am liebsten in der Onlineschalte simuliert, am eigenen Schreibtisch und die obligatorische “Star Trek”-Tasse vor sich.

Die Analyse von Söders gerne ins Überzeichnete kippenden Auftritten wird ergänzt durch Interviews und Stimmen aus seinem Umfeld, die die Stimmungslage in einer CSU spiegeln, die sich lange gegen den ehrgeizigen Außenseiter Söder gewehrt hatte und sich nun mit dem “Unvermeidlichen” abfinden musste. Interessante Einblicke gibt es vor allem in die langjährige Fehde mit Vorgänger Horst Seehofer und zu den Vorwürfen, Söder habe einst dessen Affäre in Berlin geleakt.

Plastisch wird auch Söders atemberaubender Slalom der politischen Positionen, vom Asylhardliner und Kreuze aufhängendem Abendlandretter zum Bienenpatron und Baumumarmer und schließlich zum dauerbesorgten Corona-Mahner. Clauß zeichnet Söder als ehrgeizigen Machtmenschen, für den der Aufstieg gegen alle Widerstände fast schon Selbstzweck war - der nun aber auch an seinem Amt zu wachsen scheint. Der Privatmann Söder bleibt auch hier weitgehend nebulös. Man gewinnt immerhin den Eindruck, dass der Politiker Söder diesem nicht besonders viel Raum lässt.

Alles in allem ist Clauß hier eine äußerst unterhaltsame Momentaufnahme Söders gelungen, die sich gerade auch für Nichtbayern lohnt und erahnen lässt, was man - vielleicht - 2021 noch von ihm erwarten kann.