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DELIVERY HERO IM FOKUS: Dax-Neuling profitiert von Corona und kämpft mit Kosten

·Lesedauer: 7 Min.

BERLIN (dpa-AFX) - Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben dem Essenslieferdienst Delivery Hero <DE000A2E4K43> ein deutliches Plus bei Bestellungen und Umsatz beschert - und das seit August im Dax notierte Unternehmen ohne operatives Geschäft in Deutschland noch weiter in die tiefroten Zahlen rutschen lassen. Während der Berliner Konzern weiter expandiert, bleibt nach wie vor die Frage ungeklärt, wann das Unternehmen Gewinne machen will. Was bei Delivery Hero los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

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Angetrieben durch die Corona-Beschränkungen wie Zwangsschließungen von Restaurants und Cafés verzeichnete im ersten Halbjahr Delivery Hero mit 519 Millionen Bestellungen weltweit fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Der Umsatz legte um 94 Prozent auf 1,13 Milliarden Euro zu - und das, obwohl das öffentliche Leben zum Sommer hin wieder etwas auflockerte. Delivery Hero profitierte klar von der Corona-Pandemie.

Doch das Wachstum hat auch Schattenseiten - es ist alles andere als profitabel. Denn während die Bestell- und Umsatzzahlen in die Höhe schießen, vergrößerte sich der um Sonderposten bereinigte Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im Vorjahresvergleich um 87 Prozent auf 320 Millionen Euro. Unter dem Strich stand im ersten Halbjahr im fortgeführten Geschäft ein Verlust von 445 Millionen Euro und damit fast doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Wann der Essenslieferdienst den Sprung in die Gewinnzone machen will, bleibt unterdessen unklar. Ende Juli antwortete Firmenchef Niklas Östberg in einem "Handelsblatt"-Interview auf die Frage, wann das Unternehmen profitabel werde: "Ich weiß es wirklich nicht. Als ich letztes Mal ein Datum genannt habe, habe ich mich geirrt." Er wolle sich nicht mehr auf ein fixes Ziel festlegen, damit Delivery Hero flexibel bleibe. "Was ich sehe: Der Markt erwartet, dass wir in zwei bis drei Jahren so weit sind." Schließlich sei der größte Teil des Geschäfts bereits profitabel.

Zudem will Delivery Hero auch das Angebot erweitern. So wolle man den Fokus künftig auch auf den sogenannten "Quick Commerce" (Q-Commerce) legen. Neben Lebensmitteln könnten etwa auch Medikamente über die eigene Plattform zum Kunden gebracht werden, sagte eine Sprecherin. Zudem setzt das Unternehmen mit derzeit rund 27 000 Mitarbeitern seine Shoppingtour fort und expandiert weltweit.

Mitte September baute er sein Geschäft in Lateinamerika mit dem Kauf des spanischen Online-Marktplatzes Glovo aus und erweiterte so die Aktivitäten auf Peru, Ecuador, Costa Rica, Honduras und Guatemala. Nur einen Tag später gab Delivery Hero den Start seines Japan-Geschäfts bekannt.

Die Tochter Foodpanda operiert bereits in knapp einem Dutzend anderer asiatischer Länder, unter anderem Singapur, Hongkong, Thailand, Pakistan und den Philippinen. Nach eigenen Angaben bietet Delivery Hero Dienstleistungen in mehr als 600 Städten in Lateinamerika, Asien, dem Nahen Osten, Nordafrika sowie Europa an.

Doch in Europa haben sich die Berliner größtenteils zurückgezogen, sie agieren zumeist noch in Ost- und Nordeuropa. Den Westen gab der Konzern an den niederländischen Konkurrenten Just Eat Takeaway <NL0012015705> ab - so wie auch sein Deutschlandgeschäft, in dem er einst mit Marken wie Pizza.de, Lieferheld und Foodora vertreten war. All dies firmiert nun als dominierendes Lieferando.

DAS MACHT DIE AKTIE

Nachdem die seit Juli 2017 an der Börse notierte Aktie bis zum Sommer vor allem technologiebegeisterten Investoren ein Begriff war, befindet sie sich seit August im stärkeren Rampenlicht. Denn ausgerechnet das defizitäre Unternehmen ohne operatives Geschäft in Deutschland rückte im August für den im Strudel eines Bilanzskandals untergegangenen Zahlungsdienstleister Wirecard <DE0007472060> in den deutschen Leitindex auf.

Das brachte der Deutschen Börse <DE0005810055> von vielen Experten heftige Kritik ein, einige Analysten sehen darin aber auch einfach ein Zeichen für eine zeitgemäßere Zusammensetzung des Dax. Der Börsenbetreiber nahm das Wirecard-Debakel und den Delivery-Hero-Aufstieg zum Anlass, die Regeln für die Indexzusammensetzung zu überarbeiten. Künftig müssen Unternehmen wohl dauerhaft profitabel sein, wenn sie in den Dax aufsteigen wollen. Für Mitglieder soll dies aber wohl nicht gelten.

Von daher dürfte Delivery Hero keine Abstiegsgefahr drohen. Für Investoren wäre das aber vielleicht auch nicht das Schlechteste - schließlich ging es Delivery Hero wie so vielen Dax-Aufsteigern <DE0008469008> davor. Die Aufnahme führte zu fallenden Kursen - das Papier gab seitdem rund drei Prozent nach und damit etwas mehr als der Dax. Ganz anders sieht es aber bei der Entwicklung seit Ende 2019 aus.

Mit einem Plus von etwas mehr als 30 Prozent gehört das Papier gemeinsam mit dem Chiphersteller Infineon <DE0006231004> zu den besten Dax-Titeln in diesem Jahr, auch wenn die Aktie mit knapp 93 Euro rund zwölf Prozent unter dem Rekordhoch von Anfang Juli in Höhe von 106,20 Euro liegt. Delivery Hero ist seit Juni 2017 an der Börse. Damals wurde das Papier für 25,50 Euro je Stück ausgegeben. Nach einer anfänglichen Berg- und Talfahrt entwickelt sich der Kurs seit Ende 2018 positiv.

Größter Aktionär von Delivery Hero ist der südafrikanische Medienkonzern Naspers <ZAE000015889> mit gut 22 Prozent der Anteile, die Investmentfirma Baillie Gifford kommt auf rund 10,6 Prozent. Gut 50 Prozent befinden sich im Streubesitz.

Aktuell bringt es Delivery Hero auf eine Marktkapitalisierung von etwas mehr als 18 Milliarden Euro und lässt damit im Dax derzeit die Deutsche Bank <DE0005140008> (17 Mrd), Deutsche Wohnen <DE000A0HN5C6> (17 Mrd), HeidelbergCement <DE0006047004> (10,5 Mrd), MTU <DE000A0D9PT0> (knapp 9 Mrd) und Covestro <DE0006062144> (etwas mehr als 8 Mrd) hinter sich. Der Rivale Just Eat Takeaway kommt auf etwa 15 Milliarden Euro.

DAS SAGEN ANALYSTEN

Die meisten Analysten sind mit Blick auf die weitere Entwicklung der Aktie optimistisch. Acht der neun im dpa-AFX Analyser erfassten Experten empfehlen das Papier zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 114 Euro und damit fast ein Viertel über dem aktuellen Niveau.

Das höchste Kursziel kommt von der Royal Bank of Canada (RBC). RBC-Analystin Sherri Malek hatte erst Mitte Oktober das Kursziel um 15 Euro auf 130 Euro erhöht. Sie geht davon aus, dass Delivery Hero den Umsatz in diesem Jahr auf etwas mehr als 2,8 Milliarden Euro steigern kann. Das entspräche dem oberen Rand der Jahresprognose, die Delivery Hero erst im Sommer bei der Vorlage der Halbjahreszahlen erhöht hatte.

Demnach soll der Umsatz 2020 auf 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro wachsen. 2019 hatte der Konzern im fortgeführten Geschäft etwas mehr als 1,2 Milliarden Euro umgesetzt. Die um Investitionen in Übernahmen bereinigte operative Marge (ber. Ebitda) sieht Delivery Hero 2020 weiter bei minus 14 bis minus 18 Prozent nach knapp minus 35 Prozent davor.

Mit den Größenvorteilen sollte sich die Marge aber nach und nach bessern, sagte Delivery-Hero-Finanzchef Emmanuel Thomassin. RBC-Analystin Malek rechnet auch damit. So kalkuliert sie 2022 derzeit mit einem Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro und einem deutlich sinkendem operativen Verlust - fast an die Gewinnschwelle heran.

Auch Barclays-Analyst Julien Roch glaubt an den mittelfristigen Erfolg. Aufgrund der überdurchschnittlichen Menge an Bestellungen und weiterer Expansionen in Lateinamerika und Asien rechnet er 2025 bei Delivery Hero mit einem Brutto-Warenvolumen von 70 Milliarden Euro. Der Börsenwert des Unternehmens sollte dann auf mehr als 50 Milliarden Euro steigen.

Größtes Risiko sei das Scheitern der Woowa-Übernahme in Südkorea - allerdings geht er nicht davon aus. Sollte es dennoch so kommen, könnte die Aktie auf 60 Euro zurückfallen. Da er allerdings nicht davon ausgeht, erhöhte er erst vor Kurzem sein Kursziel von 110 Euro auf 115 Euro.

Victoria Petrova von Credit Suisse sieht die Corona-Pandemie als wesentlichen Treiber für Online-Essenslieferdienste, da weiter unklar ist, wann das normale Leben wie vor Corona wieder einkehren wird. Zudem geht sie davon aus, dass sich Kunden an ihr neues Bestellverhalten gewöhnen und dabei bleiben werden. Deutsche-Bank-Analystin Silvia Cuneo teilt diese Einschätzung und sieht zudem die Geschäfte in Asien und Lateinamerika als wesentliche Wachstumstreiber.

Auch Lars Lusebrink von Independent Research ist von den Wachstumschancen des Unternehmens überzeugt. Da sich die hohen Investitionen jedoch weiter auf die Ergebnisentwicklung auswirken wird, setzt er das Kursziel nur auf 96 Euro und stuft das Papier mit "Halten" ein.