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Debatte um längere Atom-Laufzeiten: Wie viel Gas ließe sich dabei überhaupt sparen?

Ab Mittwoch fließt durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nur noch 20 Prozent der möglichen Gasmenge. Der russische Staatskonzern Gazprom begründete die Drosselung damit, dass noch eine Turbine repariert werden müsse. Ein politischer Vorwand, sagt Klima- und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen). "Die 40 Prozent Wiederaufnahme nach der Wartung von Nord Stream 1 waren nie eine Sicherheit", sagte der Grünen-Politiker in den „Tagesthemen.“ Die Regierung sei vorbereitet, aber die Situation ernst.

Atomkraftwerk Isar 2. - Copyright: picture alliance/dpa | Armin Weigel
Atomkraftwerk Isar 2. - Copyright: picture alliance/dpa | Armin Weigel

Angesichts der angespannten Lage und einem drohenden Komplett-Stopp russischer Gaslieferungen gewinnt deshalb auch die Debatte über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke wieder an Bedeutung.

FDP für Langzeitverlängerung der AKW bis 2024

Michael Kruse, energiepolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, hatte sich gegenüber der „Bild"-Zeitung für eine Langzeitverlängerung der Atomkraftwerke bis 2024 ausgesprochen. Der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hingegen verhält sich in der Debatte noch zurückhaltend. Man wolle zunächst die Ergebnisse eines zweiten Stresstests zur Sicherheit der Stromversorgung abwarten, hieß es am vergangenen Montag von einer Regierungssprecherin.

Die Opposition aus der Union macht dennoch Druck bei dem Thema: "Die Bundesregierung muss sich jetzt um neue Brennstäbe bemühen", sagte CDU-Chef Friedrich Merz den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es könne nicht nur ein vorübergehender Streckbetrieb mit alten Brennstäben aufrechterhalten werden. "Wir müssen einen Weiterbetrieb so lange ermöglichen, bis die Gefahr eines Engpasses beseitigt ist."

Bislang hatten sich insbesondere die Grünen in der Regierung vehement gegen eine Verlängerung der Atomkraftwerke ausgesprochen. Jetzt kommt so etwas wie ein Signal, dass sie in einer Notlage möglicherweise doch kompromissbereit wären.

Im ARD-Talk „Anne Will“ erklärte Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, dass es eine Langzeitverlängerung nicht geben würde, dass aber ein "Streckbetrieb" der letzten drei deutschen Atommeiler Isar 2 (Bayern), Neckarwestheim (Baden-Württemberg) und Emsland (Niedersachsen) über das Jahresende hinaus möglich wäre. Die drei Meiler produzieren nach Angaben des Fraunhofer-Instituts bislang noch 6,4 Prozent der in Deutschland verbrauchten Strommenge.

Grüne halten AKW-"Streckbetrieb" für möglich

Obwohl das Atomgesetz eigentlich vorsieht, dass in Deutschland bis zum 31. Dezember dieses Jahres keine Kernkraftwerke mehr laufen sollten, liegt eine mögliche Verlängerung der AKW nun auf dem Tisch. Wenn es zu einer wirklichen Notsituation käme, in der Krankenhäuser nicht mehr arbeiten können, so Göring-Eckardt, sei über ein Weiterlaufen der drei Meiler zu sprechen. Eine Langzeitverlängerung schließe sie aber aus. Ein "Streckbetrieb" bedeutet vereinfacht, dass die Leistung der Brennstäbe gedrosselt und dann nach und nach über das geplante Abschaltdatum Ende des Jahres hinaus der Betrieb heruntergefahren würde.

In den vergangenen Wochen hatten sich immer Politiker angesichts der Krise für einen Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke ausgesprochen – auch aus dem Ausland. Der niederländische Energieminister Rob Jetten hat „Bloomberg“ zufolge die Bundesregierung gefragt, ob die Atomkraftwerke über das Jahresende hinaus betrieben werden könnten, um damit in den Niederlanden den Gasverbrauch für die Stromerzeugung zu senken. Er habe damit auf eine Bitte aus Berlin reagiert, die Erdgasförderung in der niederländischen Stadt Groningen wieder zu steigern. Das wäre in den Niederlanden wegen der dabei möglicherweise entstehenden Erdbeben allerdings sehr umstritten.

Experten schätzen das Einsparpotential durch einen "Streckbetrieb" als gering ein

Experten schätzen allerdings, dass sich nicht allzu viel fehlendes Erdgas zur Stromgewinnung durch den "Streckbetrieb" ersetzen ließe. „Der über einen Streckbetrieb zu generierende Beitrag zur Einsparung von Erdgas im Strombereich ist begrenzt, aber sicher auch nicht Null. Schätzungen zufolge liegt das insgesamt zu erreichende Einsparpotential etwa bei rund einem Prozent des deutschen Erdgasbedarfs“, erklärte Manfred Fischedick vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie. Der Aufwand eines "Streckbetriebs" sei seiner Einschätzung nach gering.

Eine darüberhinausgehende Verlängerung würde allerdings ganz andere Maßnahmen erfordern. Es müssten weitergehende sicherheitstechnische Maßnahmen getroffen und neue Brennelemente angeschafft werden. Das würde Geld und Zeit erfordern und angesichts einer kurzfristig nötigen Lösung nicht sinnvoll sein.

Sascha Gentes, Leiter der Abteilung für Rückbau am Institut für Technologie und Management, hält eine zeitlich befristete Laufzeitverlängerung hingegen für sinnvoller als einen "Streckbetrieb". Er ist der Meinung, Deutschland könne sich angesichts der angespannten Situation nicht erlauben, die sichersten Kernkraftwerke der Welt abzuschalten, ohne dann ausreichenden Ersatz vorzuhalten. Bei der Beschaffung von Brennelementen und bei der Einstellung von zusätzlichem Personal, welches den sicheren Betrieb der Kernkraftwerke ermöglicht, ist Gentes optimistisch.

Neue Brennstäbe zu organisieren, könnte ein Jahr dauern

Ginge es nach Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie, würden die Kernkraftwerke für weitere fünf Jahre weiterlaufen, wenn sich die Lage nach einem "Streckbetrieb" über den kommenden Winter nicht entschärft. Die drei verbliebenen Kernkraftwerke hätten laut Tromm letztes Jahr circa 33 Terawattstunden Strom erzeugt. Bei einem angenommenen Wirkungsgrad der Gaskraftwerke von 50 Prozent müssten circa 6,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas eingesetzt werden. Damit könne man etwa drei Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr beheizen.

Für eine Laufzeitverlängerung spricht seiner Einschätzung nach außerdem, dass Brennelemente von westlichen Herstellern besorgt werden könnten. Weil das aber ungefähr ein Jahr dauern würde, müssten die drei Kernkraftwerke in einem "Streckbetrieb" bis dahin betrieben werden, mit etwas verringerter Leistung.

Andreas Löschel, Nachhaltigkeitsforscher an der Ruhr-Universität Bochum, findet nicht, dass eine Laufzeitverlängerung die Situation in Deutschland wirklich verbessern würde. "Die drei verbleibenden Kernkraftwerke haben eine Leistung von gut vier Gigawatt. Das entspricht etwa sechs Prozent der gesamten Stromerzeugung in Deutschland. Kernkraft macht heute also nur noch einen kleinen Anteil an der Energieversorgung aus. Früher war sie ein sehr wichtiger Baustein, vor 15 Jahren lieferten sie fünfmal so viel Strom. Heute ist sie nicht mehr von überragender Bedeutung", sagte Löschel in einem "Capital"-Interview. Aber: AKW könnten durch ihre Stromerzeugung dabei helfen, die schwierige Situation auf den Strommärkten abzuschwächen.

"Die Strompreise explodieren gerade, diese Woche kostete die Kilowattstunde fast konstant mehr als 30 Cent, das ist Wahnsinn. Zusätzlich gibt es temporäre Knappheiten, die die Preise auf fast 70 Cent hochschießen lassen. Da sind dann flexible Gas- und Kohlekraftwerke gefragt", sagt er weiter. Die könnten solche Preisspitzen abfedern. Sie werden zugeschaltet, wenn es eng wird, und wieder runtergefahren, wenn sich die Lage entspannt. Kernkraftwerke könnten diese Funktion seiner Einschätzung nach kaum übernehmen.

Was man jetzt stattdessen brauche, sei eine massive Senkung der Gasnachfrage. „Wenn klar wäre, dass die Kosten für eine Laufzeitverlängerung – und ich meine da auch die politischen Kosten – im Vergleich zum Nutzen klein sind, dann könnte man diese Diskussion führen. Aber das sehe ich gerade überhaupt nicht. Wir sollten uns darum kümmern, Gas einzusparen,“ sagte Löschel. Anstatt die Laufzeit der Atomkraftwerke zu verlängern, sollten die erneuerbaren Energien rasch ausgebaut und die Kohlekraftwerke genutzt werden, die den Markt eigentlich verlassen müssten oder in Reserve gehalten werden.

TÜV-Chef: Drei bereits abgeschaltete AKW könnten wieder ans Netz gehen

Aber könnten die AKW in Deutschland überhaupt schnell und sicher wieder ans Netz gebracht werden?

Der Geschäftsführer des TÜV-Verbands, Joachim Bühler, hält das für die Atommeiler in Brokdorf (Schleswig-Holstein), in Grohnde (Niedersachsen) und in Gundremmingen (Bayern), die Ende vergangenen Jahres stillgelegt wurden, für möglich. Der "Bild"-Zeitung sagte Bühler, dass eine Wiederinbetriebnahme eine Frage von wenigen Monaten oder Wochen wäre. „Die drei Kraftwerke befinden sich nach unserer Überzeugung in einem sicherheitstechnischen Zustand, der es möglich machen würde, sie wieder ans Netz zu nehmen“, sagte er. Die Kernkraftwerke würden zu den sichersten und technisch besten weltweit gehören.

Die Bundesregierung will jedoch weiterhin das Ergebnis eines erneuten Stresstests der Kraftwerke abwarten. Nach einer ersten Prüfung im Frühjahr war die Ampel-Koalition zu dem Ergebnis gekommen, die Kraftwerke nicht wieder hochzufahren.

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