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Was das Rekordhoch des Dax für die Märkte bedeutet

Der Deutsche Leitindex erreicht zu Handelsbeginn 13.640 Zähler – ein Rekord. Für den neuen Höchststand im Dax gibt es vor allem einen Grund.

Nach fast zwei Jahren hat der Dax ein neues Rekordhoch markiert. Foto: dpa

Der 22. Januar 2020 wird in die Dax-Annalen eingehen. Fast exakt zwei Jahre nach dem Aufstellen der letzten Rekordmarke von 13.597 Punkten hat der deutsche Leitindex ein neues Allzeithoch erreicht.

In der Spitze stieg er am Mittwoch auf 13.640 Zähler. Später fiel er zwar wieder zurück, dennoch gilt die neue Rekordmarke als wegweisend für die weitere Entwicklung.

„Der deutsche Aktienmarkt sollte sich auch in den nächsten Wochen solide entwickeln“, sagt Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für Deutschland bei der Schweizer UBS Global Wealth Management. Auch Christoph Ohme, Fondsmanager für Deutsche Aktien bei der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, hält den deutschen Aktienmarkt für „langfristig weiter gut unterstützt“.

Für deutsche Aktien spricht aus ihrer Sicht vor allem, dass der Dax zum Beispiel im Vergleich zu den US-Börsen Nachholpotenzial hat. Der breite US-Leitindex S & P 500 hatte schon im Herbst 2018 neue Rekordhochs markiert.

Danach fiel zwar auch er zurück. Seit Monaten jagt aber an der Wall Street erneut ein Rekordhoch das nächste. Bemerkenswert ist zudem, dass der Abstand zwischen S & P 500 und Dax im fairen Vergleich noch größer ist.

Betrachtet man wie im S & P 500 den reinen Kursverlauf, liegt der Dax noch gut fünf Prozent unter seinem Allzeithoch. Im Dax werden jedoch auch die Dividenden einberechnet, das lässt ihn optisch höher aussehen.


Dax günstiger bewertet als US-Aktien

Der schnellere Anstieg der US-Aktien hat sie im Vergleich zu deutschen Werten sehr teuer gemacht. Im S & P 500 notieren die Aktien beim 19-Fachen der Gewinne, die Analysten für das laufende Jahr erwarten.

Im Dax beträgt das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis dagegen nur 14. Dieser Wert liegt zwar ebenfalls über dem historischen Durchschnitt, aber eben unter der Bewertung der US-Aktien.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man die Kurs-Buchwert-Verhältnisse (KBV) betrachtet. Das KBV setzt den Aktienkurs eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen Eigenkapital.

Für alle Unternehmen im S & P 500 liegt das KBV bei 3,7, im Dax sind es 1,5. Auch das zeigt, dass die deutschen Aktien verhältnismäßig günstig sind.

Dax-Werte sind niedriger bewertet, weil in dem Index konjunktursensible Unternehmen aus der Auto- und Chemiebranche dominieren. Die Autokonzerne BMW, Daimler, VW und der Autozulieferer Continental sowie die Chemiekonzerne BASF, Bayer und Covestro haben einen Anteil von fast einem Viertel am Gewicht des Dax.

Hinzu kommt, dass viele Dax-Konzerne stark vom Export abhängig sind. Das hat dafür gesorgt, dass der Dax der Wall Street zuletzt erneut deutlich hinterherhinkte.

Die schwächere deutsche Konjunktur und die Auswirkungen des Handelsstreits belasteten den Dax besonders – und das schon lange: 2018 verlor der deutsche Leitindex mit gut 18 Prozent dreimal mehr als der S & P 500.

Jetzt hält Kunkel von der UBS die Ausrichtung der deutschen Börsenschwergewichte aber für einen Vorteil: „Mit seiner internationalen, prozyklischen Ausrichtung profitiert der Dax überdurchschnittlich von den jüngsten positiven Entwicklungen im Handelsstreit.“

US-Präsident Donald Trump und Chinas Vizeministerpräsident Liu He hatten vergangene Woche einen „Phase-1-Deal“ im Handelsstreit unterzeichnet. „Das Abkommen wird generell positiv wirken und mit dem Umweg über verschiedene Wertschöpfungsketten auch europäischen Unternehmen guttun“, betont Martin Lück, der beim Fondshaus Blackrock die Kapitalmarktstrategie für den deutschsprachigen Raum und Osteuropa leitet.

Die USA verzichten auf weitere Strafzölle und nehmen einen Teil der Zollerhöhungen auf chinesische Waren zurück. Im Gegenzug wird China unter anderem in den nächsten beiden Jahren US-Industriegüter für 85 Milliarden Dollar kaufen.

Für europäische Unternehmen ist das indes nicht uneingeschränkt positiv. Wenn China mehr Waren aus den USA einführt, könnte das europäische Exporte nach China belasten, fürchtet Lück.

Außerdem ist der Handelsstreit zwischen den USA und Europa noch nicht beigelegt. Beim Dinner mit Konzernchefs am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos drohte Trump nach Informationen des Handelsblatts erneut höhere Zölle auf europäische Autoexporte an.


Autoindustrie hat noch Probleme

Hinzu kommen die hausgemachten Probleme der deutschen Autoindustrie. Daimler hat am Mittwoch vor weiteren 1,1 Milliarden bis 1,5 Milliarden Euro Aufwand für Verfahren im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Manipulation der Abgasreinigung gewarnt.

Der operative Konzerngewinn fällt 2019 nach vorläufigen Zahlen mit 5,6 Milliarden Euro außerdem noch gut eine Milliarde Euro niedriger aus als zuletzt am Markt erwartet.

Die Daimler-Aktie war von daher am Mittwoch mit einem Verlust von in der Spitze knapp zwei Prozent das Schlusslicht im Dax und sorgte mit dafür, dass der Index seinen Rekordstand nicht halten konnte.

Gleichwohl sehen Strategen noch mehrere Anhaltspunkte dafür, dass die Rekordjagd zumindest kurzfristig weitergehen kann. „Die Börsenampeln stehen alle auf Grün“, betont Jochen Stanzl, Chefanalyst beim Onlinebroker CMC Markets.

Ermutigend findet er zum Beispiel, dass der Dax seine Bestmarke erreicht hat, obwohl die Ängste vor einem neuen Virus in Asien zunehmen.

Hinter dem Ausbruch einer neuartigen Lungenerkrankung steht ein neuer Stamm des Coronavirus, dessen Ursprünge auf einen Fischmarkt im chinesischen Wuhan zurückgeführt werden. Bis Mittwoch meldeten die chinesischen Gesundheitsbehörden neun Tote, zudem wurden 473 Erkrankungen bestätigt.

Die Angst vor einer Pandemie ähnlich dem Ausbruch des schweren akuten Atemwegssyndroms (Sars), der in China begann und in den Jahren 2002 bis 2003 fast 800 Menschen tötete, hat die Börsen bislang aber nur kurz erschüttert. „Wenn solche Risiken schnell abgeschüttelt werden, deutet das auf einen starken Aktienmarkt hin“, erläutert Stanzl.

Ähnlich war es mit den Sorgen über eine Kriegsgefahr zwischen dem Iran und den USA gleich zu Beginn des neuen Jahres, als der Konflikt zwischen beiden Ländern eskalierte. Die USA hatten den hochrangigen iranischen General Ghassem Soleimani mit einem Drohnenangriff getötet, der Iran griff daraufhin einen US-Militärstützpunkt an.

Immerhin verzichtete US-Präsident Trump auf weitere Vergeltungsmaßnahmen – das ließ die zwischenzeitlich gesunkenen Börsen rasch wieder steigen. Bei UBS Global Wealth Management heißt es dazu: „Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran werden wohl noch anhalten, aber an einer militärischen Auseinandersetzung hat keine Seite Interesse.“

Das meinen auch andere Strategen. Angesichts der augenscheinlichen Beruhigung der Lage gingen Anleger typischerweise schnell wieder zur Tagesordnung über, betonen die Strategen der Landesbank Baden-Württemberg.

Auch die Stimmung an den Börsen spricht für weiter steigende Kurse. Die Mehrheit der deutschen Käufer hat sich nach Ansicht von Joachim Goldberg bislang zurückgehalten.

Zu dieser Aussage kommt der Verhaltensökonom durch eine Umfrage unter privaten und institutionellen Anlegern für die Börse Frankfurt.

Dazu kommt: Das neue Rekordhoch dürfte die vielen Investoren, die auf Absicherung gegen Kursverluste bedacht waren, unter Zugzwang setzen.

Dann müssten viele Pessimisten Aktien kaufen, egal für welchen Preis. Solch ein Verhalten kommt häufig vor und befeuert Rallys weiter.

Unabhängig davon hellt sich die wirtschaftliche Lage insgesamt auf. „Die gute Nachricht lautet, dass global betrachtet die Zeichen auf Wachstumsbeschleunigung stehen“, heißt es bei Blackrock.

Das meinen viele Strategen und gehen deshalb davon aus, dass auch die Börsen weiter steigen werden – wenn auch nicht so deutlich wie 2019.


Geldpolitik stützt

2019 hatte der Dax um 25,5 Prozent zugelegt. Hauptgrund dafür war die überraschende Kehrtwende der Notenbanken. Die US-Notenbank senkte die Zinsen, und die Europäische Zentralbank schraubte den negativen Einlagensatz für Banken weiter herunter und nahm ihr Anleihekaufprogramm wieder auf.

Die Liquiditätsflut der Notenbanken schwemmte die Angst der Anleger vor einer Rezession fort. Zugleich lassen die Aussichten auf noch lange niedrige Zinsen Investoren wieder verstärkt zu Aktien greifen – obwohl die Wirtschaft langsamer wächst und Unternehmen weniger verdienen.

Das gilt besonders für die Dax-Konzerne. „Ihre Gewinne sinken seit gut drei Jahren“, betont Christian Kahler, Aktienchefstratege bei der DZ Bank.

Auch deshalb sind die deutschen Aktien jetzt hoch bewertet – die Kurse sind den Gewinnen weit vorausgelaufen. Nach Ansicht der Strategen der US-Bank Goldman Sachs können die Bewertungen aber noch lange auf dem hohen Niveau bleiben.

Hauptgrund dafür sind die niedrigen Zinsen und Anleiherenditen. Auch Fondsmanager Ohme von der DWS sagt: „Im Niedrigzinsumfeld sind Aktien weiter eine sehr attraktive Anlageklasse, weil es nur sehr wenig renditestarke Alternativen gibt.“

Die meisten Banken erwarten, dass die Dax-Konzerne in diesem Jahr im Schnitt die Rückkehr in die Gewinnzone schaffen. Auch deshalb sehen sie für den Dax noch Potenzial.

Knapp 14 000 Punkte zum Jahresende erwarten im Schnitt die 30 Banken, die das Handelsblatt Ende 2019 befragt hat. Optimisten wie die Bank of America rechnen sogar mit 14 800 Punkten.

Mehr: Große deutsche Vermögensverwalter setzen 2020 vor allem auf Aktien. Langfristig rechnen sie mit Erträgen von fünf bis sieben Prozent pro Jahr.