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Dax schließt über 13.000 Punkten – Anleger hoffen auf US-Wahlrally

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Für das deutsche Börsenbarometer geht es weiter aufwärts. Vor allem Luftfahrt-Aktien sind gefragt. Der Verfall der türkischen Lira setzt sich ungebremst fort.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Der deutsche Aktienmarkt ist nicht zu bremsen. Zum Handelsschluss gewinnt der Dax am Donnerstag 0,9 Prozent und schließt beim Stand von 13.042 Punkten. Das Tageshoch lag bei 13.101 Zählern. Am Mittwoch war der Handel noch ruhig verlaufen, der Dax schloss 0,2 Prozent im Plus bei 12.928 Zählern.

Auch die immer noch hohe Zahl an Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe in den USA hatte keine negativen Auswirkungen. Wegen der anhaltenden Coronakrise in den USA haben erneut mehr als 800.000 Menschen einen Neuantrag gestellt. In der Woche bis zum 3. Oktober lag die Zahl der Erstanträge wie auch in der Vorwoche bei rund 840.000.

Die Neuanträge spiegeln die kurzfristige Entwicklung des Arbeitsmarkts in der weltgrößten Volkswirtschaft wider. Vor der Corona-Pandemie hatte die Zahl selten über 100.000 pro Woche gelegen. Die offizielle US-Arbeitslosenquote sinkt allerdings seit Monaten wieder. Im September war sie auf 7,9 Prozent zurückgegangen.

Zu den größten Gewinnern am heutigen Handelstag zählen die Bankwerte sowie die Reise- und Touristikaktien. Die Deutsche Bank legt 2,3 Prozent zu, die Commerzbank 2,2 Prozent.

Bei den Luftverkehrsaktien stiegt das Lufthansa-Papier um 5,2 Prozent, auch die Aktionäre des Billigflieger Ryanair erfreuten sich an einem Wertzuwachs in Höhe von 1,9 Prozent. Unterstützung kommt aus den USA, wo die Airline-Aktien deutlich zulegen. US-Präsident Trump pocht auf ein 25 Milliarden Dollar Hilfspaket für Fluggesellschaften, das die Jobs von Zehntausenden Mitarbeitern sichern soll.

Mit den Dax-Kursgewinnen am heutigen Donnerstag ergibt sich eine Perspektive für eine mögliche US-Wahlrally, die in den meisten Fällen einige Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin startet. 2020 wird am 3. November gewählt.

Aus charttechnischer Sicht sind dafür Kurse oberhalb von 13.116 Punkten notwendig. „Wir favorisieren aktuell einen Ausbruchsversuch auf der Oberseite“, meinen die technischen Analysten der Bank HSBC in ihrem Morgenkommentar am heutigen Donnerstag.

An turbulenten Nachrichten fehlte es in den vergangenen Handelstagen nicht. Zuerst die Covid-19-Erkrankung von US-Präsident Donald Trump, anschließend die Absage eines erhofften Stimulus-Pakets in den USA bis zur Präsidentenwahl am 3. November.

Trotz dieser wichtigen und tendenziell negativen News: Von Panik ist an den Märkten nichts zu sehen. Nach der vorläufigen Absage eines US-Konjunkturpaketes betrug die Dax-Handelsspanne am Mittwoch nur 120 Punkte. Das ist eindeutig positiv zu werten und könnte die Grundlage für weitere Kurssteigerungen sein

Verändert haben sich in den vergangenen Handelstagen aber die Positionierungen der Anleger. Einige institutionelle Investoren haben den kurzzeitigen Rutsch am vergangenen Freitag auf 12.539 Punkte genutzt. Das zeigt das Umfrageergebnis der Börse Frankfurt unter mittelfristig orientierten Anlegern.

Denn die Anlageprofis waren zuvor mehrheitlich eher auf der Bärenseite zu finden und hatten sich mit Short-Produkten gegen einen erneuten Rückschlag abgesichert. Doch während des Kursrutsches am Freitag verkauften einige Profis ihre Short-Produkte wieder.

Anders die Privatanleger, die mutig auf eine baldige Jahresendrally gesetzt hatten. Sie haben zwischenzeitlich einige ihrer Long-Positionen verkauft. Laut der Umfrage hat jeder Zehnte Gewinne mitgenommen, die meisten von ihnen sind gleich ins Bärenlager gewechselt.

Damit hat sich die Stimmung zwischen den institutionellen Investoren und den Privatanlegern wieder angenähert. „Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich die Situation des Dax gegenüber der Vorwoche leicht verbessert hat“, meint Verhaltensökonom Joachim Goldberg nach Auswertung der Umfrage.

Im Falle eines Rücksetzers dürften erneut bei 12.550 und 12.600 Zählern wieder Käufer in Aktion treten. Auf der Oberseite scheint aber zwischen 13.200 und 13.250 Punkten der Index gedeckelt zu sein.

Blick auf die Einzelwerte

Pro Sieben Sat 1: Die Aktien des Medienkonzerns legen rund 3,6 Prozent zu. Händlern zufolge haben die Experten von Goldman Sachs die Papiere auf „buy“ hochgestuft.

Südzucker: Europas größter Zuckerproduzent hat dank der Zugewinne im Geschäft mit Spezialitäten im ersten Halbjahr einen Ergebnissprung verbucht. Dennoch verliert die Aktie fast zwölf Prozent.

Nemetschek: Die Aktien des Softwareunternehmens Nemetschek legen sieben Prozent zu und sind damit stärkster Wert im MDax. Die Experten von Barclays hoben ihre Einstufung auf „overweight“ von „equal weight“ an.

Blick auf andere Assetklassen

Der Verfall der türkische Lira geht ungebremst weiter. Im Gegenzug klettert der Euro in der Spitze auf 9,34 Lira, der Dollar auf 7,94 Lira. Seit dem Jahresanfang hat die Lira gegenüber der Gemeinschaftswährung fast 40 Prozent verloren.

Die Liste der Faktoren, die die türkische Währung belasten, ist immens. Am gestrigen Mittwoch forderten ein republikanischer und ein demokratischer US-Senator die Regierung von Präsident Donald Trump auf, Sanktionen gegen die Türkei wegen des Kaufs des russischen Flugabwehrsystems S-400 zu verhängen.

Und es gibt eine neue interessante Entwicklung: Laut der Commerzbank hat Birol Aydemir, vormals Chef des türkischen Statistikamts Turkstat, öffentlich behauptet, dass die amtlichen türkischen Daten „frisiert würden“ und das Statistikamt keine wirklich unabhängige Institution sei.

Konkret warnte er, manipulierte Daten würden letztlich zu einem gefährlichen Abgleiten in den vollständigen Einbruch führen. Zur Einordnung: Aydemir gründete im März eine neue Partei und zählt zur Opposition zur Regierungspartei AKP.

Bereits vor einigen Jahren hatten die Commerzbank-Devisenanalysten die Frage nach der Zuverlässigkeit der türkischen Daten gestellt. So wurde insbesondere im 3. Quartal 2016 eine Reihe von Anpassungen an der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vorgenommen, in deren Nachgang das durchschnittliche BIP-Wachstum der letzten Jahre rückwirkend kräftig nach oben korrigiert wurde.

„Sollte in diesen Behauptungen auch nur ein Funke Wahrheit stecken, wäre dies unseres Erachtens ein unüberwindbares Hindernis für ein Türkei-Engagement“, schreibt Commerzbank-Devisenanalyst Tatha Goose.

Die Furcht vor weiteren Angebotsausfällen treibt den Ölpreis in die Höhe. Ein Barrel Nordseeöl der Sorte Brent kostete am Donnerstag mit 42,65 Dollar 1,6 Prozent mehr, leichtes US-Öl verteuerte sich um 1,4 Prozent auf 40,51 Dollar.

Dabei spielten die Streiks in der norwegischen Ölbranche eine wichtige Rolle, sagte Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Dort könnte sich der Ausstand auch auf das größte Ölfeld Johan Sverdrup ausweiten, damit könnten die Produktionsausfälle auf allen bestreikten Feldern insgesamt 941.000 Barrel pro Tag erreichen.

Dazu kommt der Wirbelsturm Delta im Golf von Mexiko, der am Donnerstag in Louisiana auf Land treffen könnte. „Dann dürfte es auch für die Raffinerien in der Küstenregion kritisch werden“, sagte Fritsch.

Was die Charttechnik sagt

Die charttechnische Ausgangslage ist positiv: Die deutschen Standardwerte bleiben oberhalb der 50-Tages-Linie, die aktuell bei 12.887 Punkten liegt. Diese Linie gibt den mittelfristigen Trend vor.

Auf der Oberseite ist die Abwärtskurslücke von Mitte September wichtig. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.

Laut Chartanalyse gilt dies als wichtiger Widerstand. Mit dem heutigen Handelstag hat der Dax begonnen, diese Lücke zu schließen. Denn der tiefste Kurs am 20 September lag bei 13.116 Zählern, der höchste Kurs am 21. September bei 12.999 Punkten. Der Widerstand wäre also überwunden, wenn der Dax über 13.116 Zähler klettern würde.

„Wir definieren eine nachhaltige Rückeroberung der Marke von 13.000 Punkten als Startschuss für die klassische Wahlrally beziehungsweise als Steilvorlage für eine verfrühte Jahresendrally“, schrieben die technischen Analysten der Bank HSBC am Montag dieser Woche.

Auf der Unterseite ist eine kleine Aufwärtskurslücke vom Anfang der Woche von Bedeutung. Solche Lücken entstehen, wenn der höchste Stand eines Handelstags unter der tiefsten Notierung des Folgetags liegt. Konkret: 12.690 war der höchste Stand am Freitag, 12.728 der tiefste Kurs am Montag.

Kurzfristig agierende Anleger könnten die Lücke als Stop-Loss-Marke nehmen. Laut Charttechnik sind Aufwärtskurslücken wichtige Unterstützungen.

Sollte das Börsenbarometer allerdings unter die Marke von rund 12.200 Zählern fallen, wäre der gesamte positive Trend aus charttechnischer Sicht in Gefahr. Dort liegt unter anderem mit 12.168 Punkten die für langfristige Investoren wichtige 200-Tage-Linie.

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