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Dax schließt nach turbulenter Woche kaum verändert – Wirecard größter Verlierer

Das deutsche Börsenbarometer steigt am Freitag auf das dritte Rekordhoch. Auf Wochensicht gelingt dem Leitindex ein Zuwachs von rund 1,7 Prozent.

Blick auf die Dax-Kurve im Frankfurter Handelssaal. Foto: dpa

Der deutsche Leitindex beendet den Handelstag nahezu unverändert bei 13.744 Punkten. Dabei hat der Dax eine turbulente Woche hinter sich, mit einem Tiefstwert am Montag von 13.445 Punkten und insgesamt drei Rekordhochs an Dienstag, Mittwoch und Freitag. Lediglich am Donnerstag war der Dax erneut eingebrochen – Anleger haben ihre Gewinne mitgenommen. Der Höchststand des Dax liegt seit dem heutigen Freitag bei 13.788 Zählern.

Einen neuen Höchststand gab es zudem beim MDax zu vermelden. Der Index für mittelgroße Unternehmen legte letztlich um 0,14 Prozent auf 29 214,88 Punkte zu. In der Gesamtwoche kam er damit auf einen Gewinn von 1,8 Prozent.

Eine interessante Frage ist: Kommt es in der nächsten Woche zu einem „Short-Squeeze“ am deutschen Aktienmarkt, wie es Verhaltensökonom Joachim Goldberg in Aussicht stellt? Bei solch einem „Short-Squeeze“ handelt es sich um einen sprunghaften Anstieg, weil viele Anleger auf fallende Kurse gesetzt haben und sich neu orientieren müssen.

Die Zutaten für solch einen Sprung nach oben sind vorhanden. Nicht nur die institutionellen Investoren setzen mittlerweile auf fallende Kurse, wie Goldberg bei der wöchentlichen Anlegerumfrage der Börse Frankfurt ermittelt hat, auch die Privatanleger werden skeptischer.

Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt: Privatanleger haben mittlerweile deutlich mehr Short-Hebelprodukte auf den Dax in ihren Depots als Long-Derivate.

Bei solchen Short-Positionen handelt es sich um Leerverkäufe, die die Anleger bei der Bank in Auftrag geben. Um die Aktien dem Verleiher wieder zurückzugeben, muss das Papier wieder gekauft werden. Und die Anleger stehen bei weiter steigenden Kursen mit ihren risikoreichen Short-Hebelprodukten vor einem Problem: Je höher der Kurs ist, desto größer wird das Minus.


Das Thema Coronavirus spielt seit längerem keine große Rolle an den Aktienmärkten. Der massive Anstieg der Infektionsfälle hängt mit neuen Untersuchungsmethoden zusammen. Und solange die Infektionsrate sinkt, also die Anzahl der Personen, die von einem Infizierten angesteckt werden, wird das auch kein Thema mehr werden.

Die deutsche Konjunkturampel steht hingegen offenbar mehr auf Gelb als Grün. Denn Ende 2019 ist die deutsche Wirtschaft nicht vom Fleck gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte von Oktober bis Dezember im Vergleich zum Vorquartal. Die konjunkturelle Lage bleibt schwierig, da die Industrie sich wohl nicht rasch aus der Rezession lösen kann, meinen die Ökonomen.

Der Euro ist auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gefallen und notiert vor der Veröffentlichung der jüngsten Daten zur Wirtschaftsleistung in der Europäischen Union bei 1,0840 Dollar.

Blick auf die Einzelwerte

Wirecard: Der beliebteste Dax-Wert aller Spekulanten hat vorläufige Unternehmenszahlen vorgelegt und hat trotz der Turbulenzen wegen Vorwürfen um die Bilanzierung seinen Umsatz im vergangenen Jahr überraschend deutlich gesteigert. Der Erlös kletterte dank des Booms bei elektronischen Zahlungen um 38 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Die Aktie lag etwa 3,5 Prozent im Minus.

Renault: Die Krise bei Nissan macht sich nun auch beim französischen Partner Renault bemerkbar: Unter dem Strich steht erstmals seit 2009 ein Minus, was die Anleger mit einem Aktienminus von rund einem Prozent quittieren.

Fielmann: Eine Herabstufung lastet auf den Aktien. Die Papiere verloren 5,7 Prozent, weil die Experten von Berenberg die Fielmann-Aktie auf „Sell“ von „Hold“ herabgestuft haben.

Metro: Um zeitweise drei, bei Handelsschluss noch ein Prozent, ging es für die Metro-Aktie bergauf. Die Experten von Bernstein stuften die Papiere auf „market perform“ von „underperform“ nach oben. Zudem hat der Handelsriese den Verkauf seines China-Geschäfts unter Dach und Fach gebracht. Der Vertrag zum Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an eine Tochter des chinesischen Einzelhändlers Wumart sei unterzeichnet worden.

Darüber hinaus hat der Konzern eine kommerzielle Einigung zum Verkauf der angeschlagenen Supermarktkette Real an das Investorenkonsortium um die SCP Group geschlossen, die allerdings noch finalisiert werden muss. „Der bei Vollzug der Transaktionen erwartete Netto-Mittelzufluss von mehr als 1,5 Milliarden Euro schafft neuen finanziellen Spielraum und ermöglicht Dividendenkontinuität, gezielte Akquisitionen sowie eine weitere Reduzierung der Nettoverschuldung“, erklärte Metro-Chef Olaf Koch.

Deutsche Bank/Commerzbank: Die Rally bei den deutschen Bankaktien geht weiter. Seit Jahresanfang ist das Papier der Deutschen Bank um mehr als 45 Prozent gestiegen, am heutigen Freitag lag sie zeitweise im Plus, trat aber später nur noch auf der Stelle. Der MDax-Wert Commerzbank stieg am Donnerstag zwischenzeitlich um mehr als acht Prozent, bei Handelsschluss 2,9 Prozent im Plus.

Godewind: Die französische Immobilienfirma Covivio hat die Aktien des Bürovermieters Godewind mit einem Übernahmeangebot auf ein Rekordhoch getrieben: Covivio will 6,40 Euro pro Aktie zahlen und Godewind zwei Jahre nach dem Debut wieder von der Börse nehmen. 35 Prozent an Godewind hält Covivio bereits. Mit der Übernahme wächst der Immobilienbestand von Covivio auf 2,1 Milliarden Euro, so das Unternehmen. Das Godewind-Papier legte in der Spitze um gut 15 Prozent auf ein Rekordhoch zu – der größte Kurssprung in der Firmengeschichte.

Hugo Boss: Die Holding der italienischen Unternehmerfamilie Marzotto hat ihre Beteiligung an dem schwäbischen Modekonzern kräftig aufgestockt. Die Zignago Holding halte nun 15,45 Prozent der Stimmrechte, teilte Hugo Boss am Freitag mit. Vorher hatten die Marzottos 10,13 Prozent ausgewiesen. Das trieb die Hugo-Boss-Aktie um bis zu 5,5 Prozent – später lag sie noch zwei Prozent im Plus. Das Anteilspaket der Italiener hat einen Börsenwert von fast 500 Millionen Euro.

Was die Charttechnik sagt

Der Handelstag am Donnerstag, Tag eins nach dem alten Rekordhoch von 13.758 Punkten, verlief sehr konstruktiv und hat den Weg für neue Rekordhochs gebahnt. Das Tagestief lag bei 13.576 Zählern und ist damit die erste Unterstützung, die es zu beachten gilt. Dieser Stand passt mit dem Jahreshoch 2018 mit 13.596 Zählern zusammen.

Ein Zeichen für die Stärke ist, dass die Aufwärtskurslücke vom Dienstag dieser Woche noch nicht geschlossen wurde. Solche Kurslücken (Fachjargon: Gap) entstehen, wenn der höchste Kurs eines Tages unter dem des Folgetages bleibt. Sie dienen anschließend als wichtige Unterstützung.

Im konkreten Fall heißt das: Der Leitindex hatte am Montag dieser Woche den höchsten Kurs bei 13.502 Zählern, am Dienstag lag die niedrigste Notierung bei 13.588 Punkten. Kurzfristig handelnde Investoren können diesen Bereich als Absicherung für bestehende Long-Positionen nehmen oder auch als mögliche Wiedereinstiegsmarke, wenn die Lücke geschlossen wird.

Die neuen Kursziele oberhalb der Rekordhochs sind schwer zu beziffern, weil es ein sogenanntes „uncharted territory“ ist. Die technischen Analysten der Düsseldorfer Bank HSBC erwarten 13.895 Punkte als nächstes Anlaufziel mit einem Anschlusspotential bis gut 14.200 Punkte. Mittelfristig erwarten technische Analysten, so ihre Prognose Anfang des Jahres, im Börsenjahr 2020 ohnehin Dax-Kurse von mindestens 15.000 Punkten.



Handelsblatt-Analystencheck: Kaufempfehlung für die Thyssen-Krupp-Aktie

Das Analysehaus Jefferies hat das Kursziel für Thyssen-Krupp nach Zahlen zum ersten Geschäftsquartal von 14,95 auf 14,80 Euro gesenkt, die Einstufung aber auf „Buy“ belassen. Der Stahl- und Industriekonzern habe wie erwartet schwach abgeschnitten, schrieb Analyst Alan Spence in einer am Donnerstag vorliegenden Studie.

Spence schraubte seine Prognosen für das bereinigte operative Ergebnis (Ebit) etwas nach unten. Während Thyssen-Krupp derweil bei der Trennung von seinem lukrativen Aufzuggeschäft kurz vor der Entscheidung stehe, habe das Unternehmen noch weitere Möglichkeiten, sein Portfolio zu optimieren.

Insgesamt 28 Studien im Handelsblatt-Analystencheck beschäftigen sich mit der Thyssen-Krupp-Aktie. 13 Kaufempfehlungen steht zehnmal der Rat „halten“ gegenüber. Fünf Analysen empfehlen, das Papier zu verkaufen. Das gewichtete Kursziel sämtlicher Analysen liegt bei 13,02 Euro und damit über dem aktuellen Kurs von rund 11,50 Euro. Bei einem gewichteten Kursziel haben jüngere Studien einen höheren Einfluss.

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