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Dax setzt seinen Höhenflug fort – Alle 30 Einzelwerte schließen im Plus

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Die wichtigsten Börsen weltweit verzeichnen am Dienstag deutliche Zuwächse. Anleger greifen auch bei Dax-Werten zu. Der Lira-Verfall nimmt hingegen kein Ende.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

An den Finanzmärkten herrscht vor der wegweisenden Entscheidung in der Nacht Optimismus. Der deutsche Leitindex setzte seinen Höhenflug fort und schloss am Dienstag 2,5 Prozent höher bei 12.088 Punkten. Alle 30 Dax-Werte notierten in der Gewinnzone, die Hälfte wies Kurszuwächse von über zwei Prozent auf.

Bereits am gestrigen Montag hatte das deutsche Börsenbarometer mit einem Plus von rund zwei Prozent den größten Tagesgewinn seit fünf Wochen erzielt. Die Schlussnotierung lag bei 11.788 Punkten.

Ähnlich sah es in den weiteren Reihen aus. Der MDax der mittelgroßen Werte und der TecDax gewannen 1,9 Prozent. Der Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 legte, ähnlich wie am Vortag, 2,6 Prozent zu. Die wichtigsten Börsen Europas bestätigten also den deutschen Trend. Freundliche Stimmung herrschte am Wahltag auch an der Wall Street. Die wichtigsten Indizes lagen im Handelsverlauf deutlich über zwei Prozent in der Gewinnzone.

Mit diesen Kursgewinnen setzt der Dax seine übliche Reaktion auf die Corona-Pandemie fort. Ähnlich wie im März gab es auch im Oktober hohe Kursverluste vor dem Beginn des Lockdowns. Mit Beginn der Einschränkungen stiegen die Kurse wieder.

Die Kursverluste im vergangenen Monat fielen allerdings gegenüber denen im März deutlich geringer aus, weil in Deutschland frühzeitig und sehr konsequent gehandelt wurde, um die Auswirkungen auf die Wirtschaft so gering wie möglich zu halten. Vorsichtig formuliert: Ein neuer Crash in dem Ausmaß wie im März erscheint extrem unwahrscheinlich.

Offenbar steigen auch ausländische Investoren wieder in den deutschen Markt ein, ablesbar am steigenden Euro, der gegenüber dem Dollar um mehr als 0,7 Prozent zulegte und über die Marke von 1,17 Dollar stieg. In den Tagen zuvor hatten nach Meinung des Sentimentexperten Joachim Goldberg ausländische Anleger in stärkerem Maße deutsche Aktien verkauft. Auf der anderen Seite belasten die Aussichten auf ein nahendes Konjunkturprogramm die Attraktivität des Dollars.

Aus technischer Sicht hat sich die Lage allerdings noch nicht verbessert. Erst bei Kursen oberhalb des Bereichs von 12.200 Punkten dürfte das der Fall sein. Sehr optimistische Anleger könnten sich dennoch zurücklehnen und auf eine ähnliche Rally wie in den Monaten April und Mai hoffen. Im Vergleich zur ersten Corona-Rally natürlich in geringerem Ausmaß, weil die Kurse im Oktober nicht so tief gefallen sind.

Selbstverständlich richten sich die Blicke der Anleger weiterhin auf die Wahlnacht in den USA. Es ist nicht auszuschließen, dass es am Mittwoch zu hohen Kursschwankungen kommt. Das Wichtigste für Anleger ist deshalb vor allem ein klares Ergebnis, egal, wer gewinnt.

Das Szenario „Biden gewinnt, und Trump erkennt die Wahl nicht an“ könnte politisches Chaos bis hin zu Unruhen auf den Straßen auslösen – mit entsprechenden Auswirkungen auch auf die Finanzmärkte. Und praktisch bei jedem Wahlausgang ist noch für eine Weile mit Unruhe an den Märkten zu rechnen, bis sich eine klare Meinung herauskristallisiert hat, welche Folgen zu erwarten sind.

Ein Blick zurück auf die Kursbewegungen der Märkte nach dem Sieg von Donald Trump vor vier Jahren zeigt, wie schwer es ist, verlässliche Prognosen zu den Auswirkungen der US-Wahl zu erstellen. Vor der Wahl 2016 fürchteten die Experten bei einem Sieg Trumps abstürzende Börsenkurse und wirtschaftliches Chaos. Später wurde der Freihandelsgegner Trump plötzlich zum Hoffnungsträger uminterpretiert – unter anderem wegen seiner Steuersenkungspläne.

Das alles hinterließ deutliche Spuren am deutschen Aktienmarkt. Nach dem Wahlergebnis startete der Dax am 9. November 2016 mit Verlusten von bis zu 2,9 Prozent in den Handel. Der deutsche Leitindex lag zur Eröffnung bei 10.181 Zählern und ging mit einem Schlussstand von 10.646 Punkten aus dem Handel. Eine Tagesdifferenz von insgesamt 465 Zählern zeigt an, was Anlegern am morgigen Mittwoch bevorstehen könnte: ein turbulenter Handel.

Die Anbieter von spekulativen Finanzinstrumenten haben bereits reagiert. Sie verlangen inzwischen höhere Sicherheitsleistungen (Fachbegriff „Margin“). Beim britischen Unternehmen CMC Markets etwa, mit Kunden in über 100 Ländern, müssen beispielsweise beim Handel mit spekulativen CFDs (Contracts for Difference) mehr Geld hinterlegen. Das gilt ab sofort für alle Währungspaare mit Dollar und britischem Pfund sowie für Edelmetalle wie Gold, Silber, Platin und Platinum.

Unterdessen durchkreuzten die Börsen Schanghai und Hongkong die Börsenpläne von Ant. Weil der chinesische Finanzdienstleister Offenlegungspflichten wohl nicht erfülle, wird der Konzern den Angaben zufolge vorerst nicht an diesen Handelsplätzen gelistet. Mit einem Emissionsvolumen von 37 Milliarden Dollar wäre dies der weltweit größte Börsengang geworden. Die in den USA notierten Aktien der Ant-Mutter Alibaba lagen knapp sieben Prozent in der Verlustzone.

Blick auf Einzelwerte

MTU: Die Aktien des Triebwerksherstellers setzen sich mit einem Plus von 5,5 Prozent an die Dax-Spitze. Die Privatbank Berenberg hatte das Kursziel von 143 auf 150 Euro erhöht, die Aktie aber weiter auf „halten“ belassen. MTU hatte für das dritte Quartal wieder bessere Zahlen vorgelegt. Man habe inzwischen wieder das Ziel, eine Dividende auszuschütten, erklärte Finanzchef Peter Kameritsch.

BMW: Autobauer gehörten am Dienstag zu den Favoriten der Anleger. BMW-Aktien gewannen vier Prozent, Volkswagen und Daimler drei Prozent. Der europäische Index lag ebenfalls 3,5 Prozent im Plus. In Italien waren vor allem Ferrari-Aktien gefragt. Der Autobauer erwartet ein Ergebnis am oberen Rand der Spanne. Die Titel stiegen in Mailand um fast sieben Prozent.

Bayer: Milliardenschwere Abschreibungen im Agrargeschäft haben dem Unternehmen im dritten Quartal einen Verlust eingebrockt. Dennoch konnte der Kurs seine anfänglichen Verluste wieder aufholen und einen kleinen Gewinn über die Ziellinie retten. Die US-Tochter Monsanto erweist sich für den deutschen Chemie- und Pharmariesen erneut als Bremsklotz. An den Jahreszielen hält der Konzern aber fest.

Fuchs Petrolub: Der Schmierstoffhersteller erholte sich im abgelaufenen dritten Quartal, musste in den ersten neun Monaten 2020 infolge der Corona-Pandemie aber weiterhin deutliche Umsatz- und Ergebnisrückgänge hinnehmen. Angesichts eines überraschend guten Septembers blickt das Unternehmen etwas zuversichtlicher auf die verbleibenden Monate. Das Papier schloss zwei Prozent stärker.

Vossloh: Die Titel stiegen nach einem positiven Analystenkommentar um 3,5 Prozent. Die Privatbank Berenberg hat die Aktien von Vossloh von „hold“ auf „buy“ hochgesetzt, das Kursziel jedoch um zwei Euro auf 38 Euro gesenkt. Laut Analyst Otto Sieber soll der Bahntechnikkonzern vom grünen Megatrend profitieren. Zudem treffe ihn die Coronakrise weniger hart als gedacht.

Klöckner & Co.: Der Stahlhändler konnte im dritten Quartal ein operatives Ergebnis von 40 Millionen Euro erzielen und liegt damit am oberen Ende der angehobenen Prognosespanne (30 bis 40 Millionen Euro). Angesichts der steigenden Corona-Neuinfektionszahlen bleibe aber die Unsicherheit im Hinblick auf die weitere Absatzentwicklung im Jahr 2020 bestehen. Nach anfänglichen Gewinnen von acht Prozent ging die Aktie knapp drei Prozent höher aus dem Handel.

Hugo Boss: Der Trend zur Freizeitkleidung in der Coronakrise und Kostensenkungen haben dem Modekonzern im dritten Quartal zur Rückkehr in die Gewinnzone verholfen. „Casual Wear ist renditestärker als Formal Wear, da die Herstellung eines Anzugs aufwendiger ist“, erklärte Vorstandschef Yves Müller. Neben der Erholung des chinesischen Marktes habe zudem ein rigides Kostenmanagement geholfen. So wurden etwa 15 Prozent beim Personal eingespart. Die Aktien gewannen 2,3 Prozent.

Blick auf andere Assetklassen

Es ist offenbar nur noch eine Frage der Zeit, bis der Euro gegenüber der türkischen Währung die Marke von zehn Lira überschreitet. Am Dienstag stieg die Gemeinschaftswährung auf bis zu 9,9748 Lira, natürlich wieder ein neues Rekordhoch. Seit Jahresanfang hat sich der Lira-Kurs fast halbiert. Im Verhältnis zum Dollar zeigt sich ein ähnliches Bild. Ein Dollar kostet 8,41 Lira.

Ein möglicher zusätzlicher Grund für den weiteren Verfall: Analysten gehen davon aus, dass es nach einem Wahlsieg des demokratischen Herausforderers Joe Biden zu weiteren Spannungen zwischen den Regierungen in Ankara und Washington kommen könnte.

Die Inflationsrate in der Türkei stieg im Oktober auf 11,89 Prozent im Jahresvergleich und damit auf dem Niveau der Prognosen. Im September lag dieser Wert bei 11,75 Prozent. Alles liegt deutlich über dem offiziellen Zielbereich von fünf Prozent.

„Da die Türkei tagtäglich unter den zunehmenden Ausstrahlungseffekten der schwachen Lira leidet, könnte der Wert für den Oktober inzwischen bereits wieder die Vergangenheit abbilden“, meinte Commerzbank-Devisenanalyst Tatha Gose vor der Veröffentlichung. So ist ein Ende des Lira-Verfalls nicht in Sicht. Die Türkei steht wohl vor schmerzhaften Schritten.

Am Ölmarkt geht es kräftig aufwärts. Der Preis für ein Barrel Nordseeöl der Sorte Brent schnellte um bis zu drei Prozent nach oben, leichtes US-Öl verteuerte sich in der Spitze um 3,5 Prozent. Brent profitierte von den anhaltenden Spekulationen auf eine Verlängerung der aktuellen Förderbremse durch das Exportkartell „Opec plus“, sagte Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Hier seien ebenfalls Spekulanten auf dem falschen Fuß erwischt worden, die auf einen weiteren Rückgang der Preise gewettet hatten und nun ihre Positionen wieder glattstellen müssten, sagte Tamas Varga, Experte beim Öl-Brokerhaus PVM. „Es wäre verlockend festzustellen, dass die Erholung nach dem Kursrutsch der vergangenen Woche nun Fahrt aufnimmt, aber das ist schlichtweg kein plausibles Szenario.“

Wie geht es mit dem Goldpreis nach der US-Wahl weiter? Eine Antwort auf diese Frage hängt zwar auch mit der Wahl des US-Präsidenten zusammen, doch wichtiger ist eine andere Frage: Wie schnell wird es zu einer weiteren Finanzspritze kommen, die die beiden Kandidaten versprochen haben? Denn mit solch einem Konjunkturpaket würde die Staatsverschuldung deutlich steigen und als Folge auch dem Goldpreis in den kommenden Wochen und Monaten Auftrieb geben.

Solch ein Paket hängt mit den anderen beiden Abstimmungen zusammen. Denn in den USA stehen weiterhin das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im Senat zur Wahl. Könnte einer der Kandidaten durchregieren, dürfte die Finanzspritze schnell verabschiedet werden. Anleger preisen dies womöglich schon ein. Der Goldpreis stieg über die Marke von 1900 Dollar.

Vor vier Jahren rutschte der Goldpreis in den sechs Wochen nach der Wahl um mehr als 13 Prozent ab. Ein Verlust in ähnlicher Höhe ist eher unwahrscheinlich, auch wenn die Verabschiedung des Konjunkturpakets länger dauern dürfte.

Was die Dax-Charttechnik sagt

Mit dem Tagestief von 11.450 Zählern am vergangenen Freitag hat sich eine erste kurzfristige Unterstützungsmarke gebildet. Denn bereits am Mittwoch und Donnerstag lagen die jeweiligen Tagestiefpunkte in der Nähe dieser Marke bei 11.457 Zählern beziehungsweise 11.458 Punkten. Auf diesem Level herrscht also seit Mittwoch mehr Nachfrage als Angebot.

Das bedeutendere Kursziel auf der Unterseite liegt weiterhin bei 11.000 Punkten. Hinter dieser Berechnung steckt Folgendes: Der Dax hat sich längere Zeit in einer Seitwärtsspanne von 1200 Punkten bewegt und diese mit dem Rutsch unter die Marke von 12.200 Zählern aufgelöst. 12.200 minus 1200 ergibt 11.000 Punkte. So funktioniert die technische Analyse, die oftmals wichtige Anhaltspunkte bietet. Zudem hatten die deutschen Standardwerte Mitte März auf diesem Niveau ein wichtiges Zwischenhoch (11.032 Punkte) ausgebildet.

Aus der vergangenen Woche ist noch eine Abwärtskurslücke offen. Diese Lücke entsteht, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt. Solche Kurslücken sind quasi eine Neubewertung des Marktes, weil in diesem Bereich kein Handel stattgefunden hat.

Die Kurslücke am Mittwoch zwischen 12.035 Punkten (tiefster Kurs am Dienstag) und 11.852 Zählern (höchste Notierung am Mittwoch) wurde aber mit dem heutigen Handelsauftakt teilweise geschlossen. Zu den Akten legen können Anleger diesen Widerstand aber erst bei einem Kurs von 12.035 Zählern.

Auf der Oberseite würde sich die Lage erst deutlich verbessern, wenn der Dax wieder in den Bereich um 12.200 Zähler vorstoßen würde. Aktuell bei 12.088 Punkten liegt beispielsweise die 200-Tage-Linie, die vor allem von langfristigen Investoren beachtet wird.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax.