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Dax rutscht mehr als 300 Punkte ab – Markttechnik signalisiert weitere Verluste

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Neben der Diskussion über einen „Lockdown light“ belastet die US-Wahl. Für das Szenario eines ungewissen Wahlausgangs gibt es eine Blaupause an den Märkten.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Die Kursverluste am deutschen Aktienmarkt gehen weiter. Zum Handelsauftakt verliert der Dax 2,8 Prozent und notiert bei 11.729 Punkten. Erstmalig seit Mitte Mai ist der Index damit wieder unter die Marke von 12.000 Punkten gerutscht.

Bereits die ersten beiden Handelstage der Woche waren an der Frankfurter Börse ein Desaster. Am Montag verlor der Leitindex 3,7 Prozent, am gestrigen Dienstag waren es weitere 0,9 Prozent mit einem Schlussstand von 12.063 Zählern.

Laut technischer Analyse ist ein Ende der Kursverluste noch nicht in Sicht. Das neue Ziel liegt bei 11.000 Zählern, erst Notierungen oberhalb von 12.200 Punkten würde die Lage verändern.

Neben den Diskussionen über einen „Lockdown light“, der aber Rücksicht auf die Wirtschaft nehmen dürfte, ist es vor allem die US-Wahl am 3. November, die die Aktienmärkte belasten.

Der Ausgang der US-Wahl ist vielen Investoren egal, die Börsen können sowohl mit Joe Biden als auch mit Donald Trump als Wahlsieger leben. Angst herrscht eher vor einer langen Auseinandersetzung über den Wahlausgang. Die Behörden in den USA bereiten sich bereits auf den schlimmsten Fall vor: gewalttätige Unruhen am und nach dem Wahltag.

Für das Szenario ungewisser Wahlausgang gibt es bereits eine Blaupause an den Aktienmärkten. Das war die Wahl im Jahr 2000. Damals dauerte es nach der Stimmabgabe am 7. November rund fünf Wochen, bis der Sieger feststand.

Der Republikaner George W. Bush setzte sich nach einem juristischen Tauziehen und einer erneuten Stimmauszählung im Bundesstaat Florida gegen den US-Demokraten Al Gore durch. Das alles verlief aber friedlich.

Auf solche eine Ungewissheit reagierten im Jahr 2000 die Aktienmärkte nach dem üblichen Muster: Nach der Wahl ohne Endergebnis bis zum Ende des juristischen Auseinandersetzung fielen der deutsche Leitindex Dax und das US-Auswahlbarometer rund zwölf Prozent. Wohlgemerkt bei einem friedlichen Streit.

Exakt 20 Jahre später wollen Anleger solch hohe Kursverluste vermeiden und verkaufen bereits im Vorfeld der Wahl. Das war im Jahr 2000 noch anders. Anleger freuten sich auf die US-Wahl und sorgten in den beiden Wochen vor der Abstimmung für ein Plus von rund sieben Prozent beim Dax und S & P 500.

Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen hat für solch ein Verhalten einen Satz geprägt: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

Blick auf die Einzelwerte

Deutsche Bank: Dank des boomenden Kapitalmarktgeschäfts übertrifft Deutschlands größtes Geldhaus im dritten Quartal die Erwartungen – und denkt jetzt offenbar sogar wieder über Zukäufe nach. Allerdings kann die Aktie angesichts eines schwachen Marktumfelds von den erfreulichen Zahlen nicht profitieren, der Kurs fällt um 2,7 Prozent.

BASF: Der Chemiekonzern BASF bekräftigt trotz steigender Infektionszahlen und Sorgen vor einem weiteren Lockdown seine Jahresziele. Allerdings unter der Prämisse, dass es nicht zu erneuten starken Einschränkungen der wirtschaftlichen Aktivität zur Eindämmung der Pandemie, zum Beispiel durch Lockdowns, kommt. Das führt zu einem Minus von drei Prozent bei dem Papier.

Puma: Die Aktie büßt 2,6 Prozent an Wert ein. Zwar kehrte der Sportartikelhersteller im dritten Quartal auf den Wachstumspfad zurück, doch Vorstandschef Björn Gulden blieb angesichts der steigenden Infektionszahlen vorsichtig. Einen Ausblick auf das Gesamtjahr lieferte Puma weiterhin nicht.

Blick auf andere Assetklassen

Es vergeht kaum ein Handelstag, an dem Euro und Dollar nicht ein neues Rekordhoch gegenüber der türkischen Lira erreichen. Das ist auch am heutigen Mittwoch der Fall.

Gegenüber dem Dollar liegt der Wert jetzt bei 8,2472 Lira, gegenüber dem Euro bei 9,7057 Lira. Zur Erinnerung: Erst am Montag dieser Woche wurde erstmals die Marke von acht Lira gegenüber dem Dollar überwunden. Gegenüber dem Euro hat die türkische Währung seit Jahresanfang mehr als 44 Prozent nachgegeben.

Angesichts solch eines dramatischen Einbruchs sind exakte Kursprognosen, wie tief die Lira noch fallen könnte, nicht seriös. Aber neue Rekordmarken von zehn Lira gegenüber dem Euro und neun gegenüber dem Dollar dürften bald erreicht werden.

Vor allem zwei Fragen drängen sich auf. Was kann die Regierung gegen den Verfall tun? Und ab welch einem Wechselkursniveau kommt es zu erheblichen Zahlungsausfällen?

Die erste Frage ist schnell beantwortet: Für den Commerzbank-Devisenanalysten Tatha Gose, der bereits seit mehreren Jahren die türkischen Finanzpolitik kritisch beurteilt, wäre das eine große Not-Zinserhöhung – ähnlich wie während der vergangenen Währungskrise im Jahr 2018. Solch eine große Not-Zinserhöhung wäre keine langfristig glaubwürdige Politikreaktion. „Dennoch, eine Not-Zinserhöhung ähnlich wie damals könnte der wahrscheinlichste Versuch sein, die Abwertungs-Dynamik zu brechen“, meint Ghose.

Die andere Frage nach den Zahlungsausfällen ist schwierig zu beantworten. Nach Ansicht von Ghose gibt es keine „klare Grenze“, sondern eher „Verteilung“ der Fremdwährungsverbindlichkeiten. Möglicherweise könne bereits ein gewisser Prozentsatz nicht mehr bedient werden.

Reagiert die Politik darauf? Oder hofft die Türkei auf ein Nachlassen der Corona-Pandemie und auf eine politische Entspannung zwischen der EU und der Türkei, die den Wechselkurs stärken könnte?

In der Zwischenzeit könnte die Politik Liquiditätslinien bereitstellen, mit denen diejenigen, die diese Wechselkurs-Niveaus in Notlagen bringen, nicht Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen.

Der Ölpreis gibt deutlich nach. Die Nordseesorte Brent verbilligt sich um 2,4 Prozent auf 40,22 Dollar je Barrel (159 Liter). Der Preis für US-Leichtöl WTI fällt rund drei Prozent auf 38,41 Dollar. Der drohende Nachfrage-Rückgang infolge der Pandemie bei gleichzeitig wachsendem Angebot laste auf den Kursen, sagten Börsianer. In dieses Bild passten auch überraschend stark gestiegene US-Lagerbestände.

Was die Charttechnik sagt

Nach dem Kursrutsch am gestrigen Dienstag unter den Bereich von 12.200 Zählern, in dem sich viele wichtigen Widerstände befinden , hat der Dax ein neues Kursziel aktiviert. Nach Meinung der HSBC-Analysten ergibt ein rechnerisches Abschlagspotenzial von gut 1.200 Punkten, das wäre ein Kursziel von rund 11.000 Punkten.

Auf dem Weg in diese Region markiert das Junitief mit 11.598 Punkten ein wichtiges Etappenziel. Eine Besserung der Lage würde sich erst ergeben, wenn der Dax wieder den Bereich um 12.200 Zähler überwinden würde.

Darüber liegt dann eine neue Abwärtskurslücke, die am Montag dieser Woche aufgerissen wurde. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.

Im konkreten Fall lag die tiefste Notierung am vergangenen Freitag bei 12.515 Zählern, der höchste Kurs am gestrigen Montag bei 12.405 Punkten. Laut Chartanalyse gilt dies als wichtiger Widerstand. Im konkreten Fall wäre dieser überwunden, wenn der Dax über 12.515 Zähler klettern würde.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax.