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Dax stürzt nach Trump-Aussage regelrecht ab – Hedgefonds erhöhen Druck auf Wirecard-Aktie

Trotz der deutlichen Verluste am heutigen Handelstag dürfte es vorerst zu keinem neuen Crash kommen. Finanzinvestor Permira hat bei Teamviewer Kasse gemacht, der Aktienkurs bricht ein.

Nachhaltige Entspannung ist an den Märkten noch nicht in Sicht. Foto: dpa

Der deutsche Aktienmarkt bleibt in einer schwachen Verfassung. Im Nachmittagshandel gibt der Dax 2,7 Prozent nach und notiert bei 10.270 Zählern. Bereits am gestrigen Mittwoch hatte der Dax 2,6 Prozent verloren und den Handel mit einem Punktestand von 10.543 Zählern beendet.

Der mutmaßlich Grund, warum der Dax nachmittags plötzlich weiter abrutschte: Die USA erwägen Präsident Donald Trump zufolge, ob chinesische Konzerne amerikanische Bilanzregeln folgen müssen, wenn sie an Börsen in den Vereinigten Staaten gehandelt werden.

Trump äußerte sich am Donnerstag in einem Interview des Senders Fox Business Network zudem „sehr enttäuscht“ über China, nachdem die Coronavirus-Pandemie so kurz nach dem Abschluss des jüngsten Handelsabkommens ausgebrochen sei.

Die Spannungen zwischen den Regierungen in Washington und Peking haben sich zuletzt wieder verschärft. Trump warf China vor, für die weltweite Ausbreitung des Virus verantwortlich zu sein. Zudem diskutiert China offenbar über eine Nachverhandlung des Handelsabkommens. Trump sagte Fox dazu, es werde keine Neuverhandlungen geben.

Die Furcht vor einem Wiederaufflammen des Handelsstreits zwischen den beiden größten Volkswirtschaften belastete zuletzt auch die US-Börsen. Eine Beruhigung ist nicht in Sicht. Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, wies am Donnerstag darauf hin, dass auf dem chinesischen Volkskongress am 22. Mai auch „Reaktionen auf die politischen Maßnahmen der US-Regierung“ folgen könnten.

Trotz der deutlichen Verluste am gestrigen Mittwoch ist der Markt in einer guten Verfassung und bietet weiterhin gute Aussichten für höhere Kurse. Das meint zumindest Joachim Goldberg nach Auswertung der Sentimentumfrage der Börse Frankfurt am gestrigen Mittwochnachmittag. Befragt werden sowohl institutionelle Investoren als auch Privatanleger.

Seiner Ansicht nach kaufen die Anleger derzeit nach positiven Meldungen zu, aber reagieren auf negative Nachrichten nicht mit Verkäufen. Den Umfragedaten zufolge herrscht im Bereich von 10.100 und 10.200 Dax-Punkten eine hohe Nachfrage, die zunächst deutliche Kursverluste verhindern dürfte.

Sollte der deutsche Leitindex allerdings die Marke von 11.000 Zählern überwinden, müssten die Investoren diesen Kursgewinnen hinterherlaufen. Dann könnte der Dax rasant weitersteigen, es käme möglicherweise zu einem sogenannten Short Squeeze.

In den USA ist die Lage ähnlich: Dort herrscht ein hoher Pessimismus unter den Anlegern, für die Sentiment-Analyse ein klassischer Kontraindikator, weil – vereinfacht erklärt – pessimistische Investoren bereits verkauft haben und auf einen Wiederanstieg warten. Das dürfte nach Ansicht von Experten einen deutlichen Kurseinbruch an der Wall Street verhindern.

Die wohl interessanteste Dax-Aktie ist derzeit Wirecard, die zudem heute noch Quartalszahlen vorgelegt hat. Der Zahlungsdienstleister hat Gewinn und Umsatz nach vorläufigen Zahlen um rund ein Viertel gesteigert. Er spürt die Krise jedoch im Geschäft mit Flugkonzernen.

Die Aktie bleibt volatil: Nach einem Minus von drei Prozent zum Auftakt drehte das Papier ins Plus und liegt derzeit aber wieder ein Prozent tiefer 84,75 Euro. Noch Mitte April 2020 lag der Kurs bei über 140 Euro.

Derzeit läuft es offenbar auf einen großen Showdown hinaus: Wirecard gegen zehn Hedgefonds lautet das Duell. Noch am Dienstag und Mittwoch dieser Woche haben die Fonds ihre Spekulationen auf fallende Aktienkurse erneut erhöht.

Mindestens 10,39 Prozent der frei handelbaren Wirecard-Aktien sind mittlerweile in den Händen von zehn Leerverkäufern, wie aus den aktuellen Daten des „Bundesanzeigers“ vom Mittwoch dieser Woche hervorgeht. Die Quote ist extrem hoch, umgerechnet sind das 12,83 Millionen Aktien.

Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse, indem sie Aktien eines Unternehmens beispielsweise bei Investmentfonds leihen und verkaufen. Um diese Aktien nach Ablauf der Frist wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen – natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.

Das heißt, dass die Leerverkäufer insgesamt 12,83 Millionen Aktien zurückkaufen müssen, wenn alle ihre Wetten schließen wollen. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Tagesvolumen seit Jahresanfang liegt bei knapp 2,4 Millionen Papieren. Allerdings hat sich dieser Wert vermutlich durch das Engagement der Hedgefonds erhöht und beläuft sich in den vergangenen vier Wochen auf 3,9 Millionen Stück pro Tag.

Autoaktien gehörten zu den Schlusslichtern in Europa. Die Dax-Werte VW und Daimler verloren rund vier Prozent, BMW-Titel gaben knapp drei Prozent nach. Der europäische Branchenindex fiel um 2,8 Prozent. Trotz kräftiger Zuwächse in China im April dämpfte BMW Hoffnungen auf eine rasche Erholung der Automärkte im Rest der Welt.

Termine heute

Das US-Arbeitsministerium veröffentlicht am heutigen Donnerstag (14.30 Uhr MESZ) wieder die wöchentliche Zahl neuer Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Seit Mitte März haben in den USA bereits mehr als 33 Millionen Menschen ihren Job verloren – so viele wie nie zuvor in solch kurzer Zeit. Experten rechnen wegen der anhaltenden Coronavirus-Pandemie mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit in der größten Volkswirtschaft der Welt.

Die Zahl der Erstanträge gilt als wichtiger Indikator für die kurzfristige Entwicklung des US-Arbeitsmarkts. Die US-Arbeitslosenquote lag im April bereits bei 14,7 Prozent. Wegen Fehlern bei der Erhebung der Daten warnte die zuständige Behörde jedoch, dass die Quote bereits bei etwa 20 Prozent liegen dürfte.

Blick auf die Einzelwerte

Deutsche Telekom: Während alle anderen Unternehmen unter der Coronakrise leiden, kann der Telekommunikationsriese aus Bonn bei Umsatz und Gewinn zulegen. Das alles beschert dem Papier in einem schwachen Marktumfeld ein Plus von 1,3 Prozent. Die Telekom-Aktie schlägt sich in Coronazeiten vergleichsweise gut. Seit Jahresanfang ist das Papier lediglich um rund sieben Prozent gefallen.

RWE: Der Energiekonzern bestätigt die Ergebnisprognose und das Dividendenziel für 2020. RWE plant Milliardeninvestitionen in den Ausbau von Ökostrom. Die Aktie ist nach freundlichen Auftakthandel ein Prozent ins Minus gerutscht. Gegenüber dem Kurs am Jahresanfang notiert das Papier derzeit unverändert.

Teamviewer: Der Finanzinvestor Permira hat beim Corona-Krisengewinner Teamviewer zum zweiten Mal Kasse gemacht. Permira brachte ein Aktienpaket des schwäbischen Softwareherstellers binnen wenigen Stunden für 1,03 Milliarden Euro bei großen Anlegern unter. Diese Aktion geht am aktuellen Aktienkurs nicht vorbei: Mit einem Minus von 6,8 Prozent am heutigen Donnerstag zählt das Papier zu den größten Verlierern im MDax.

Teamviewer profitiert derzeit massiv vom Trend zum Homeoffice und dem brachliegenden Flugverkehr in der Coronakrise, der die Nachfrage nach Software für Onlinekonferenzen in die Höhe schnellen lässt. Permira lässt seine Beteiligung an dem Unternehmen aus Göppingen mit der Platzierung auf 39 Prozent von 51,5 Prozent abschmelzen.

Ceconomy: Die kriselnde Elektronikhandels-Holding schreibt in der Coronakrise tiefrote Zahlen. Der Mutterkonzern von Media Markt und Saturn hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahrs 2019/20 wegen der behördlich verordneten Schließung von Märkten und hohen Abschreibungen auf die französische Beteiligung Fnac Darty einen Verlust von 309 Millionen Euro verbucht. Die Aktie rutscht als Folge mehr als neun Prozent ab.

Blick auf andere Assetklassen

Gefragt sind am heutigen Mittwoch Dollar und Anleihen, die bei Anlegern als sichere Häfen gelten. „Der Dollar baut seine Position als Schutzwährung aus“, sagte Ricardo Evangelista, Analyst beim Broker ActivTrades. Der Dollar-Index zieht an und gewinnt 0,2 Prozent auf 100,41 Punkte, nachdem US-Präsident Donald Trump sich positiv zu der Stärke der US-Devise geäußert hat. Entgegen früheren Aussagen sagte Trump zum TV-Sender Fox Business, es sei „eine hervorragende Zeit, um einen starken Dollar zu haben.“ Zuvor war genau das Trump ein Dorn im Auge gewesen. Er hatte deswegen bei der US-Notenbank auf Zinssenkungen gedrängt. Der Euro fällt um 0,3 Prozent auf 1,079 Dollar.

Dazu kämen Äußerungen von Powell, der negative Zinsen zumindest vorerst ausgeschlossen habe. Auch US-Papiere legten daraufhin zu, die Rendite sank im Gegenzug auf 0,614 Prozent. Der Goldpreis verharrte bei rund 1715 Dollar je Feinunze.

Der Ölpreis legte zu, ein Barrel (159 Liter) leichtes US-Öl kostete mit 26,29 Dollar vier Prozent mehr, Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich um 3,7 Prozent auf 30,27 Dollar. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank, verwies auf Anzeichen, dass das Überangebot zurückgehe.

So sanken die Lagerbestände in den USA erstmals seit Mitte Januar wieder, zudem steige die Nachfrage der Raffinerien in China stark an. Die Internationale Energieagentur rechnet zwar damit, dass die weltweite Nachfrage in diesem Jahr so stark einbrechen wird wie nie zuvor. Allerdings fiel die Schätzung um 690.000 Barrel besser aus als zuvor, weil die Restriktionen im Kampf gegen das Coronavirus nach und nach zurückgenommen würden.

Was die Charttechnik sagt

Laut charttechnischer Analyse steht der Dax vor einer wichtigen Weichenstellung. Bietet die Unterstützungszone im Bereich von 10.300 Punkten Halt?

Klar ist: Dort befindet sich ein Sammelsurium von wichtigen Unterstützungen, unter anderem mit 10.279 Zählern das Tief vom Dezember 2018, der Ausgangspunkt für die Rally bis Februar 2020. Und bei 10.250 Zählern liegt ein Verlaufstief, von dem aus der Dax wieder steigen konnte.

Dazu gesellt sich auch die 50-Tage-Linie mit aktuell 10.277 Zählern. Diese Linie ist ein Indikator für den mittelfristigen Trend.

Auf der Oberseite liegen im Bereich um 11.000 Punkte bedeutende Widerstände. Bei 11.025 Punkten liegt beispielsweise die 50-Prozent-Korrektur der Baisse seit Februar. Denn diese Marke entspricht der Mitte der Abwärtsbewegung von 13.795 auf 8255 Zähler.

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