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Dax-Konzerne auf Fünf-Grad-Kurs – So fällt die CO2-Bilanz der Großunternehmen aus

Im vergangenen Jahr haben die größten deutschen Börsenkonzerne ihre Emissionen nur leicht senken können. Einige haben sogar kräftig zugelegt.

Die Antwort der Schüleraktivisten ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatte der Industriekonzern Thyssen-Krupp das ambitionierte Ziel verkündet, bis 2050 komplett auf eine CO2-freie Produktion umzustellen – folgte prompt die Kritik via Twitter. „Viel zu langsam“, so das Urteil vieler „Fridays for Future“-Unterstützer.

Doch Vorstandschef Guido Kerkhoff, seit einiger Zeit selbst bei dem Kurznachrichtendienst registriert, ließ sich nicht beirren. Und lud kurzerhand den Mainzer Physik-Studenten und „Fridays for Future“-Aktivisten Sebastian Grieme ein, sich in Duisburg selbst von den Herausforderungen zu überzeugen, die das Pariser Klimaabkommen von 2015 für die Stahlkocher bereithält.

„Wir arbeiten hart daran, Emissionen einzusparen, was beim Stahl gar nicht so einfach ist“, erklärte Kerkhoff das Problem. Die Sparte ist für mehr als 90 Prozent der Emissionen des Konzerns verantwortlich, weil der Herstellungsprozess untrennbar mit der Produktion von CO2 verbunden ist.

Und so zählt Thyssen-Krupp mit einem Jahresvolumen von rund 24 Millionen Tonnen seit vielen Jahren zu den Top-Emittenten im Dax. Mithilfe von grüner Technologie will Kerkhoff das ändern.

Bis 2030, so das Versprechen, will der Konzern so seine direkten und indirekten Treibhausgas-Emissionen um 30 Prozent senken. Doch weil jede Tonne Stahl auf dem Weg dorthin auch zusätzliche Klimagase bedeutet, hat Thyssen-Krupp im vergangenen Jahr erst einmal wieder mehr emittiert: So stieg der Ausstoß 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent – während der Umsatz der Sparte gleichzeitig um 6,3 Prozent wuchs.

So wie bei dem Industriekonzern aus Essen sieht es bei vielen Dax-Unternehmen aus: Wie eine Auswertung des Handelsblatts auf Basis der Veröffentlichungen in den Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten der Firmen zeigt, haben zehn der 30 größten deutschen Börsenkonzerne ihre CO2-Emissionen im vergangenen Jahr nicht gesenkt, sondern gesteigert.

Einige davon sogar deutlich: So stieß allein die Lufthansa 2018 mit rund 33 Millionen Tonnen fast 13 Prozent mehr des Klimagases aus als noch 2017. Ähnlich der Softwarehersteller SAP, der wegen seines gestiegenen Energiebedarfs 2018 um fast acht Prozent zulegte.

Immerhin: In Summe konnten die Firmen ihre Emissionen 2018 um rund 1,2 Prozent auf 339 Millionen Tonnen senken. Doch nach Ansicht von Experten reicht dieses Tempo nicht aus, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

RWE reduziert am stärksten

So erklärte etwa Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, dem Handelsblatt: „Wir müssten unsere Emissionen jährlich um mehr als vier Prozent reduzieren, um das Klimaabkommen einhalten zu können.“

Positiv hervor tat sich dabei ausgerechnet der viel kritisierte Energiekonzern RWE: Zwar zählt der mit einem Jahresausstoß von zuletzt 125,4 Millionen Tonnen CO2 nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa zu den absolut größten Klimasündern in der Wirtschaft. Doch gleichzeitig baut das Unternehmen seinen Ausstoß kontinuierlich ab – seit 2012 jährlich im Schnitt um 6,1 Prozent.

Berücksichtigt sind dabei alle Emissionen, die in der eigenen Wertschöpfungskette entstehen – sogenannte „Scope 1“- und „Scope 2“-Emissionen. Andere Klimagase zählen dabei als CO2-Äquivalente.

2018 schaltete RWE so beispielsweise zwei Braunkohleblöcke im Rheinischen Revier sowie einen weiteren in Südbrandenburg ab. Insgesamt reduzierte der Energieerzeuger seine Emissionen um 11,2 Millionen Tonnen – und trug damit im vergangenen Jahr den mit Abstand größten Teil zur Gesamtreduktion der Dax-Konzerne bei.

Relativ betrachtet taten sich auch der Konsumgüterhersteller Beiersdorf sowie die Telekom hervor: Zusammen belaufen sich deren Einsparungen zwar nur auf knapp 0,6 Millionen Tonnen. Anteilig war das für die Firmen allerdings ein großer Sprung: Bei der Telekom fast ein Fünftel, bei Beiersdorf betrug die Einsparung sogar ein Drittel.

Während der Konsumgüterkonzern gleich alle seine Fabriken in Nigeria und Mexiko auf Grünstrom umstellte, verfolgte die Telekom eine Politik der kleinen Schritte. Der IT-Konzern überprüft seine Techniker-Flotte, setzt sparsamere Funktechnologien ein und stellt schrittweise auf Grünstrom um. Bis 2030, so verspricht CEO Timotheus Höttges, sollen die Emissionen im Vergleich zu 2017 um 90 Prozent sinken.

Leicht verzerrt wird der Gesamtwert durch den Chemiehersteller Bayer, der seinen Ausstoß durch den Kauf von Monsanto um mehr als die Hälfte auf rund 5,5 Millionen Tonnen gesteigert hat. Ohne Bayer hätten die Firmen 1,8 Prozent eingespart. Außen vor blieben Linde Praxair, die ihren Nachhaltigkeitsbericht erst später veröffentlichen, und der Dax-Neuling Wirecard, der bisher keine Emissionsdaten veröffentlicht hat.

Gerade für Firmen wie Thyssen-Krupp, Heidelberg Cement oder die Lufthansa, bei denen der CO2-Ausstoß unweigerlich zum Geschäftsmodell gehört, sind schnelle Reduktionen besonders schwer. Denn in allen drei Fällen gibt es bisher noch keine erfolgreichen Praxisbeispiele für eine vollständige Dekarbonisierung der Wertschöpfungskette.

Zwar konnte etwa die Lufthansa ihren spezifischen CO2-Ausstoß zuletzt leicht von 9,27 Kilogramm CO2 pro Passagierkilometer auf 9,19 senken. Doch Klimaforscher Fischedick gibt zu bedenken: „Hier brauchen wir Technologiesprünge, um die Ziele zu erreichen. Einzelne Maßnahmen, die nur auf eine leichte Verbesserung abzielen, werden nicht ausreichen.“

Eine Frage der Wirtschaftlichkeit

Hannah Helmke beschäftigt sich seit Langem mit dem Themenkomplex Klima und Wirtschaft und hat vor drei Jahren mit einem weiteren Gründer das Projekt „Right“ ins Leben gerufen. Das Start-up hat ein Modell entwickelt, das den individuellen Beitrag eines Unternehmens zur globalen Erderwärmung berechnet. Zu den Kunden zählen die Firmen teils selbst, aber auch Finanzdienstleister und politische Institutionen und Organisationen, die sich für die Klimafreundlichkeit von Unternehmen interessieren.

In einer Untersuchung auf Basis der Daten von 2016 kam das Team um Helmke zu dem Schluss, dass sich die Erde bis 2050 um fast fünf Grad erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden wie die 30 Dax-Unternehmen.

Als Gegenbeispiel fungierte dabei der kalifornische Technologiekonzern Apple, der durch die Produktion und den Verkauf seiner Elektronikgeräte die Erde nach jetzigem Stand anteilig nur um rund 1,5 Grad erwärmen wird. Am klimafreundlichsten jedoch wirtschaftete der französische Software-Entwickler Dassault Systèmes mit einem Wert von rund 1,2 Grad, der sogar über die Forderung der meisten Klimaaktivisten hinausgeht.

Als Analystin würde sich Helmke häufig detaillierte Angaben zu den Emissionszielen wünschen, die sich die Unternehmen auferlegen. So seien punktuelle Ziele für die Jahre 2030 oder 2050 meist wenig aussagekräftig. „Es kommt darauf an, wie viel CO2 weltweit insgesamt noch ausgestoßen wird.“ Wenn ein Unternehmen etwa erst im Dezember 2049 von einen Tag auf den anderen auf eine klimaneutrale Produktion umsteige, trage das kaum dazu bei, die Klimaziele zu erreichen. „Die Gesamtmenge ist entscheidend.“

Um eine Erwärmung von 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent zu vermeiden, dürften weltweit maximal noch 420 Gigatonnen CO2 ausgestoßen werden. Das schätzte der Weltklimarat im Dezember 2018. Doch allein im letzten Jahr wurden 42 Gigatonnen ausgestoßen – 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Davon macht der Gesamtausstoß der Dax-Konzerne von rund 339 Millionen Tonnen zwar nicht einmal ein Prozent aus. Doch längst sind Emissionen zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor geworden. Und das nicht nur für Industrieunternehmen, die in Zukunft mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mit deutlich steigenden Preisen für Emissionszertifikate konfrontiert werden.

Auch Finanzdienstleister analysieren zunehmend das Emissionsverhalten ihrer Kundschaft. So schaut sich etwa die Großbank HSBC neben den klassischen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen inzwischen auch die CO2-Bilanz eines Unternehmens an, bevor es einen Kredit vergibt. Bis 2025 will die Bank zudem 100 Milliarden US-Dollar Kreditvolumen zur Verfügung stellen, um gezielt nachhaltige Projekte zu finanzieren. Als Beispiel nannte das Unternehmen etwa Gebäudesanierungen oder bessere Konditionen für Firmen, die bestimmte Nachhaltigkeits-Richtlinien erfüllen.

Selbst Investoren interessieren sich heute immer häufiger für die Klimaanfälligkeit des Geschäftsmodells, in das sie investieren. So hat sich die Allianz schon 2015 entschlossen, keine kohlebasierten Geschäftsmodelle mehr zu finanzieren. Auch als Kunden will der Versicherungsriese keine Kohlekraftwerksbetreiber mehr. So gab die Allianz 2018 bekannt, künftig auf die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken zu verzichten – und damit auch auf einen größeren zweistelligen Millionenbetrag.

Bei Thyssen-Krupp in Duisburg ist diese Botschaft angekommen. Insgesamt zehn Milliarden Euro will der Stahlhersteller in die Erneuerung seines Standorts in Duisburg investieren, um von Kohle auf Wasserstoff umzusteigen. Welche Aufgabe das bedeutet, davon wird sich „Fridays for Future“-Aktivist Sebastian Grieme bald selbst überzeugen. Er hat sein Kommen zugesagt.