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Dax baut Gewinne aus – Warum diese Wahlrally bald enden dürfte

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Der Ausgang der US-Wahlen ist das schlechteste Szenario für die Finanzmärkte, dennoch steigen die Kurse deutlich. Für diese Rally gibt es drei Ursachen.

Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Der deutsche Aktienmarkt baut seine hohen Gewinne des Vortags aus. Im Mittagshandel steigt der Dax um rund ein Prozent auf 12.451 Punkte.

Bereits am gestrigen Mittwoch kletterte der Dax trotz eines ungewissen US-Wahlausgangs um zwei Prozent und ging bei einem Stand von 12.324 Punkten aus dem Handel. Auffällig war: Die Handelsspanne am heutigen Mittwoch war mit gut 480 Zählern ähnlich hoch wie bei der US-Wahl vor vier Jahren.

Es ist schon eine auf den ersten Blick merkwürdige Situation an den Finanzmärkten: Die Kurse steigen, obwohl die Wahlen in den USA das schlechteste aller Szenarien bieten: Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem noch offenen Wahlausgang. Zudem droht Donald Trump damit, den obersten Gerichtshof anzurufen, um die Auszählung der Stimmen zu stoppen. Was zu einer wochenlangen Patt-Situation führen könnte.

Auch im US-Senat ist derzeit nicht erkennbar, ob die Demokraten oder die Republikaner die Mehrheit bekommen. Eigentlich hätte dieses Szenario zu fallenden Kursen, möglicherweise sogar zu einem Ausverkauf an den Märkten führen müssen.

Doch das Gegenteil trat ein. Wie ist das zu erklären? Drei Punkte waren für die Entwicklung entscheidend.

1. Anlageprofis haben ihre Spekulationen auf fallende Kurse beendet

Im Vorfeld der US-Wahl gerieten die Profis offenbar in Panik. Nie zuvor haben die institutionellen Investoren in so kurzer Zeit so viele Put-Absicherungen gekauft, um sich vor Kursverlusten zu schützen. Solche Put-Optionen steigen im Wert, wenn der Dax fällt. Das Put-Call-Verhältnis an der Frankfurter Terminbörse Eurex sprang auf 4,8, den höchsten Wert der vergangenen Jahre.

Die Profis wollten offenbar im Vorfeld der US-Wahl ihre mühsam erzielten Gewinne in den vergangenen Monaten absichern. Doch nun hat sich das Put-Call-Verhältnis komplett gedreht. Der aktuelle Wert von 0,5 zeigt an: Die „Instis“ setzen plötzlich massiv auf steigende Notierungen. So hoch war die Spekulation der Profis auf steigende Kurse in den vergangenen zwölf Monate nicht, ein extrem seltener Umschwung.

Bereits der Verkauf von Short-Positionen hat für steigende Kurse gesorgt. Solch ein Short-Produkt funktioniert vereinfacht so: Bei dem Kauf einer Short-Option auf den deutschen Leitindex wird der Dax zunächst verkauft und anschließend zurückgekauft, wenn die Short-Position wieder verkauft wird.

Das ist der Grund, warum letztendlich hohe Short-Positionen bei fallenden Kursen weitere Verluste eingrenzen und bei steigenden Notierungen den Aufwärtstrend verstärken. Im ersten Fall werden Gewinne mitgenommen, im zweiten Fall müssen die Profis verkaufen, damit die Verluste nicht zu hoch werden.

2. Anleger haben Angst, eine Rally zu verpassen

Die Auswertung der Anlegerumfrage der Börse Frankfurt ergibt ebenfalls ein interessantes Bild. Verhaltensökonom Joachim Goldberg identifiziert nach der aktuellen Abstimmung größere Angst davor, „die nächste Aktienmarktrally zu verpassen als vor etwaigen negativen Auswirkungen eines unklaren Ausgangs der US-Wahlen.“ Auch an die Covid-19-Krise und die ökonomischen Folgen der Lockdowns in der Euro-Zone scheint man sich gewöhnt zu haben.

Der aktuelle Optimismus der institutionellen Investoren ist so hoch wie zuletzt am 28. November 2018. Laut Sentiment-Theorie ist solch ein hoher Optimismus ein Kontraindikator, der eher fallende Kurse signalisiert.

Der Blick zurück auf den Dezember 2018 unterstützt die Theorie: Die Anleger hatten nach einem miserablen Börsenjahr 2018 wenigstens auf eine Jahresendrally gehofft und entsprechend Ende November gekauft. Doch es kam anders: Dieser Dezember war mit einer Wertentwicklung von rund minus acht Prozent einer der miserabelsten Schlussmonate der gesamten Börsenhistorie.

3. Der Ausverkauf fand bereits vor den Wahlen statt

Dass die Märkte nach der US-Wahl deutlich anzogen, hängt auch mit einem simplen Grund zusammen: Bereits vor der Stimmabgabe rutschten die Kurse deutlich ab, es gab wieder günstige Einstiegskurse. Der Dax verlor von Anfang September bis Ende Oktober rund 15 Prozent, der US-Auswahlindex S & P 500 ebenfalls rund zehn Prozent.

Die Gründe dafür waren je nach Börsenplatz unterschiedlich: Am deutschen Aktienmarkt stiegen vor allem ausländische Investoren aus, ablesbar am fallenden Eurokurs gegenüber dem Dollar in dieser Zeit. Ein Minus von rund fünf Prozent in dieser Zeit zeigt, wie hoch der Kapitalabfluss gewesen sein muss.

Zudem hat die Corona-Pandemie große Teile von Europa fest im Griff. Wissen ausländische Investoren immer, dass Deutschland von dieser Krise weniger betroffen ist als manch andere europäische Staaten?

Der Rutsch an den US-Börsen hingegen war, schlicht formuliert, einfach überfällig. In den USA brummt die Wirtschaft, trotz hoher Infektionszahlen.

Solch größere Korrekturen an den Börsen sind nach einer monatelangen Rally notwendig und gelten aus technischer Sicht als gesund. In dieser Zeit wurden vor allem Technologiewerte verkauft, die interessanterweise nun wieder zu den Favoriten an der Börsen zählen. Die Aktien von Apple, Amazon oder Facebook gewannen am Mittwoch bis zu neun Prozent.

Diese ersten beiden Punkte legen nahe, dass die Rally möglicherweise bald jäh endet. Die Logik dahinter: Die heimischen Anleger haben bereits gekauft, wer soll noch folgen? Für Joachim Goldberg könnten das nur ausländische langfristige Kapitalzuflüsse sein, die bei fallenden Kursen einen größeren Ausverkauf verhindern könnten. Das ist am heutigen Donnerstag offenbar der Fall, denn der Euro steigt deutlich.

Gleichzeitig vermutet er, dass die neuen Optimisten bei weiter steigenden Kursen vermutlich im Bereich von 12.300/12.350 Zählern anfangen würden, ihre Gewinne zu realisieren.

Ein ganz anderes Bild zeigt hingegen die technische Analyse: Mit dem Sprung über die Marke von 12.200 Punkten hat sich dieses Bild aufgehellt. „Per Saldo ist der gestrige Handelstag somit eine Steilvorlage in Sachen doch noch einsetzender Jahresendrally“, meinen Analysten der Bank HSBC. Spätestens mit einem Rutsch unter die 200-Tage-Linie, die bei aktuell 12.075 Zählern liegt, dürfte sich dieses Bild aber wieder nachhaltig verändern.

Blick auf die Einzelwerte

Münchner Rück: Der weltgrößte Rückversicherer wagt angesichts der Corona-Pandemie auch zwei Monate vor Ende des Jahres keine Gewinnprognose. Das Unternehmen begründete das am Donnerstag mit den „anhaltend hohen Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren gesamtwirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen durch Covid-19“. Das lässt die Aktie um rund 3,5 Prozent abrutschen, das Papier führt die Dax-Verliererliste an.

Commerzbank: Drohende Kreditausfälle in der Coronakrise und Kosten für den Konzernumbau setzen der Commerzbank zu. Im dritten Quartal machte das Institut einen Verlust von 69 Millionen Euro, nach einem Gewinn von 297 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Damit schnitt das Institut etwas schlechter ab als von Analysten erwartet.

Deutschlands zweitgrößte Privatbank bestätigte darüber hinaus, dass sie im Gesamtjahr erstmals seit 2012 wieder mit roten Zahlen rechnet. Die Aktie rutscht um rund sechs Prozent ab.

Infineon: Mit einem Kursplus von fast 3,4 Prozent zählen die Aktien zu den größeren Dax-Gewinner. Die Experten der Credit Suisse hoben ihr Kursziel auf 22,5 von 19,2 Euro an.

Blick auf andere Assetklassen

Der Goldpreis nimmt wieder Fahrt auf und liegt bei 1917 Dollar, plus 0,7 Prozent. Rückenwind geben ein schwächerer US-Dollar und fallende Anleiherenditen. Die US-Präsidentschaftswahlen haben ihren Schrecken verloren, meinen die Rohstoff-Analysten der Commerzbank.

Ihr Szenario: Durch die sich abzeichnende Mehrheit der Republikaner im US-Senat sie die Aussicht auf ein großes Stimulierungspaket deutlich gesunken. Möglicherweise wird hier die Fed in die Bresche springen müssen. Hinweise darauf könnte Fed-Chef Jerome Powell im Anschluss an die Sitzung der Notenbanker geben.

Die Bank von England am heutigen Donnerstag vorgelegt und weitere Stimulierungsmaßnahmen verkündet. Sie will ihr Anleihekaufprogramm um 150 Milliarden auf 895 Milliarden Pfund aufstocken.

„Die EZB dürfte im Dezember folgen“, erwartet Carsten Fritsch von der Commerzbank. „Die fortdauernd ultra-lockere Geldpolitik der Zentralbanken spricht für weiter steigende Edelmetallnotierungen“.

Was die Charttechnik sagt

Mit dem Sprung über die Marke von 12.200 Zählern hat sich das Bild am Aktienmarkt deutlich aufgehellt. Diese Marke war das untere Ende einer monatelangen Seitwärtsspanne, die Ende Oktober nach unten durchbrochen wurde. Nun notiert der Dax wieder in diese Seitwärtsspanne, deren obere Marke bei rund 13.400 Zählern liegt.

Zudem gibt es bei rund 12.200 Zählern weitere wichtige Marken wie beispielsweise die 200-Tage-Linie, die von langfristig orientierten Investoren beachtet wird. Diese Linie notiert aktuell bei 12.075 Zählern und ist damit die wichtige quasi letzte Unterstützung, die halten muss.

Das nächste Anlaufziel auf der Oberseite ist die Abwärtskurslücke vom 26. Oktober. Solche Lücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt. Solche Kurslücken sind quasi eine Neubewertung des Marktes, weil in diesem Bereich kein Handel stattgefunden hat.

Die aktuelle Lücke liegt zwischen 12.405 und 12.515 Zählern, Mit dem heutigen Handelstag hat der Dax begonnen, diese Lücke zu schließen, hat es aber noch nicht vollständig geschafft. Sollte der Index mindestens auf 12.515 Punkte steigen und damit die Lücke schließen, wäre das ein positives Zeichen.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax.