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Ich datete jahrelang Versionen desselben Kerls – so habe ich damit aufgehört

·Lesedauer: 9 Min.

Wenn du mich vor, sagen wir, zwei Jahren gefragt hättest, wie es mir geht, hätte ich darauf sicher mit irgendeiner Version von „Gut!“ geantwortet.

Und das war auch so! Ich hatte gerade einen tollen Job bei einem edlen Magazin in New York angefangen; ich hatte eine feste Gruppe enger Freundinnen; meine sorgsam zusammengestellten Instagram-Storyhighlights bestanden aus Schnappschüssen von Espresso Martinis und kleinen Buchläden. Mir ging’s gut – sogar super. Klar neigte ich dazu, mir über zu vieles den Kopf zu verbrechen, mir sinnlose Gedanken zu machen und nervös meine Nägel abzukauen. Ich hatte aber das Gefühl, meine Unruhe ganz gut im Griff zu haben, und ich dachte definitiv nicht, sie würde sich auf mein Liebesleben auswirken. Tatsächlich war ich sogar stolz darauf, eine lässige, lockere Partnerin zu sein.

Bis ich begriff, dass ich schon seit Jahren immer denselben, für mich schlechten Typ Mann datete – immer und immer wieder.

Damit meine ich nicht, dass es immer derselbe Mann war; aber selbst bei unterschiedlichen Typen blieb deren Charakter derselbe. Er war distanziert und emotional undurchdringlich, zwiespältig und zurückzuckend – ein echter Mr. Big aus Sex and the City. Er war wie ein Gestaltwandler. Es fing immer gleich an: Ich kam mit einem extrovertierten Charmeur mit großen Plänen und Ideen zusammen (die sich früher oder später als völlig leer herausstellten); oder mit einem total kreativen Künstler (dem außer seinem nächsten Projekt alles egal war); oder mit einem emotionslosen Kiffer (der irgendwann lieber in seiner Bude rumsaß und sich alte Mythbusters-Folgen anguckte, anstatt sich um irgendwas oder -wen zu kümmern). Mit der Zeit lösten sich die individuellen Unterschiede dieser Männer aber in Luft auf, und dieselben Tendenzen kamen zum Vorschein: ein gefühlsmäßiges Auf und Ab, ein tagelanges Abtauchen, wann immer ich ihn dringend brauchte, und – am schlimmsten – eine Rückkehr, kaum dass ich über ihn hinweg war. Früher oder später wurden sie alle zu dem Typen.

Diesen Kreislauf hätte ich womöglich immer weiter durchgezogen und für immer unterschiedliche Variationen des Typen gedatet. Zwei Erlebnisse öffneten mir allerdings die Augen dafür, wie festgefahren ich in diesem Zyklus war, und ließen mich ihn durchbrechen. Nummer 1: Ich steckte wieder in einer Beziehung mit dem Typen, und diesmal war das eine so schmerzhafte Erfahrung – und so eine genaue Kopie meiner letzten Beziehungen –, dass ich darin endlich ein Muster erkannte. Ich verstand: Es lag nicht alles nur an diesem Typ Mann, sondern auch an mir selbst.

Ich erkannte, dass ich mir zu Beginn jeder neuen Beziehung selbst anerkennend dafür auf die Schulter klopfte, wie belastbar ich doch war. Diese Beziehung wird jetzt anders, dachte ich jedes Mal. Ich war so selbstsicher und freute mich auf die ersten, spannenden Phasen einer neuen Beziehung. Früher oder später wurde ich aber unsicher und klammerte; ich verwandelte mich von meinem sonst so lässigen Selbst in eine Frau, die hektisch „Bitte schreib mir zurück“ ins Handy tippte. Und irgendwann war es dann immer soweit: Ich hasste mich selbst für mein Verhalten in dieser Beziehung.

Sobald ich mich selbst fragte, wieso ich eigentlich irgendwann von „lässig“ zu „klammernd“ switchte, wurde mir klar: Meine Persönlichkeit war nicht das Problem. Mein Verhalten kam nur zum Vorschein, weil mich all diese Kerle genau gleich behandelten: Versprochene Dates wurden nie geplant, Gespräche verliefen im Sand. Wenn sie Hilfe brauchten, kamen sie angerannt, und lösten sich in Luft auf, sobald ich Hilfe brauchte. Das Problem: Sobald sie sich zurückzogen, klammerte ich mich an ihnen fest. Ich wurde wütend, wenn ich merkte, dass der Charmeur seine großen Pläne nie umsetzte, und zerbrach mir den Kopf darüber, warum der Stoner lieber alleine Netflix guckte, anstatt Zeit mit mir zu verbringen.

Und trotzdem: Obwohl ich merkte, dass ich immer dieselbe Person datete und dabei selbst immer dieselbe Person war, hatte ich keine Ahnung, wie ich damit aufhören sollte. Doch irgendwann kam ein Hoffnungsschimmer – in Form einer Therapeutin, wenn auch nicht meiner eigenen.

Zu dem Zeitpunkt schrieb ich gerade für ein Magazin und sollte eine Therapeutin interviewen. Ich weiß gar nicht mehr, worum es in dem Artikel eigentlich gehen sollte, aber dieses Interview werde ich wohl nie vergessen.

Den ganzen Morgen über war ich schon abgelenkt und unkonzentriert gewesen. Ich hatte schon Stunden – und die vorhergehenden Tage – damit verbracht, mir Gedanken über den Typen zu machen. Die damalige Version von ihm machte gerade eine harte Zeit durch, weswegen er in meinem Leben gerade mal total präsent war; er brauchte mich, um ihn dauernd zu beruhigen und ihm gut zuzureden. Das machte ich sehr gerne – obwohl mich die Last seiner Sorgen selbst langsam zu erdrücken drohte.

Obwohl ich geistig nur halb anwesend war, riss mich die Therapeutin mit etwas, das sie im Interview sagte, aus meinen Gedanken. Sie beschrieb verschiedene Bindungstypen, die unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen beschreiben. Dann kam sie auf das sogenannte Nähe-Distanz-Problem zu sprechen. „Eine Beziehung lebt vom gegenseitigen Drücken und Ziehen“, sagte sie. Wenn jemand mit einem unsicheren Bindungstyp jemanden mit einem vermeidenden Bindungsstil datest, erzählte sie, sieht das meist so aus: Wenn die unsichere Person näher kommt, ergreift die vermeidende Person die Flucht. Früher oder später gibt die unsichere Person diese Mühe auf – und genau dann kommt die vermeidende Person wieder angekrochen, weil sie sich nach Intimität sehnt. Das führt zu einer kurzlebigen Versöhnung, bevor derselbe Kreislauf wieder von vorn beginnt. Das kann sich anfühlen, als säße man in einem nicht enden wollenden Karussell – und das war mein Leben.

Selbst wenn es den Partner:innen gelingt, sich aus diesem Zyklus zu lösen, erklärte die Therapeutin, suchen sich unsichere Personen für die nächste Beziehung meist doch wieder vermeidende Partner:innen – und umgekehrt –, weil sie es eben nicht anders kennen. Unsichere Bindungstypen erwarten von ihren Partner:innen von vornherein eine emotionale Distanz, und vermeidende Bindungstypen stellen sich darauf ein, sich in jeder Beziehung erdrückt zu fühlen. Dieser Drücken/Ziehen-Mechanismus ist vielleicht eine Qual, aber eben auch vertraut – und es kann schwer sein, das Bekannte hinter sich zu lassen.

Während sie mir das so erzählte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der Typ war immer da, wenn er Hilfe brauchte; wenn ich dann mal seine Hilfe brauchte, igelte er sich ganz schnell ein. „Ich hab die Nerven verloren“, sagte er dann, nachdem er (mal wieder) beim kleinsten Hauch Intimität die Flucht ergriffen hatte. Früher oder später kam er wieder angekrochen, und ich vergaß prompt, wie manipulativ er sein konnte. Klar war er auch oft lieb – aber doppelt so oft war er gefühllos. Er war emotional distanziert, und ich war schwach. Und trotzdem: Obwohl wir objektiv betrachtet die absolute Katastrophe waren, kehrten wir immer wieder zueinander zurück. So, wie ich es schon mit all den Typen vor ihm gemacht hatte.

Am selben Abend kam ich zu Hause an und googelte sofort hektisch nach „WAS HILFT GEGEN NÄHE-DISTANZ-PROBLEM“. Ich nippte an einem Glas Wein, während ich mich durch einen Artikel nach dem anderen klickte, auf der verzweifelten Suche nach einer Lösung für meine ungesunden Verhaltensgewohnheiten.

Ich glaube, ich dachte damals, ich könnte einfach ein bisschen an mir selbst arbeiten, und schon würde sich meine Beziehung wieder gerade rücken. Mir wurde allerdings schnell klar, dass das nicht so einfach sein würde. Bindungstypen sind tief in uns verwurzelt, und ich brauchte mehr Hilfe, als mir Google leisten konnte. Also begann ich eine Therapie (diesmal ohne Interview-Vorwand). Eine tolle Therapeutin brachte mich zu der Einsicht, dass ich mich nicht mehr mit dem Typen – oder seinen diversen Formen – rumschlagen musste. Es dauerte eine Weile, bis ich das begriff, aber als ich soweit war, kickte ich ihn komplett aus meinem Leben.

Nachdem ich mich von diesem dysfunktionalen, chaotischen Teil meines Liebeslebens gelöst hatte, machte ich mich daran, an meinem unsicheren Bindungsstil zu arbeiten. Ich erkannte immer mehr schlechte Angewohnheiten, die all meine Beziehungen beeinflussten – romantische, platonische und familiäre –, wie meine Kontrollsucht und meinen Hang dazu, das Verhalten anderer Leute immer persönlich zu nehmen. Ich trainierte mich darin, unsichere Gedanken mithilfe von positivem Selbstzureden umzulenken. Anstatt also zu denken: „Warum bin ich nicht gut genug?“, wenn mich ein Mann schlecht behandelte, fragte ich mich jetzt: „Finde ich sein Verhalten attraktiv?“

Inzwischen habe ich auch gelernt, meine Grenzen strikt einzuhalten. Das Ziehen von Grenzen kam mir früher immer uncool vor, und viele der klassischen „Dating-Regeln“ fand ich vorher altmodisch und sexistisch. Du weißt schon, Regeln wie: „Verrate nicht zu schnell zu viel über dich selbst“, „Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen“, „Kein Sex vor dem dritten Date“, und so weiter.

Heute weiß ich es besser. Meine frühere Abneigung gegen Grenzen hatte nichts mit Lässigkeit und Lockerheit zu tun gehabt; nein, die Grenzen hätten mich davon abgehalten, meine unsicheren Tendenzen sofort zu befriedigen. Wenn ich dem Typen antwortete, der sich nach ewiger Zeit mal wieder bei mir gemeldet hatte, oder ich ihm verzieh, wie viele Dates er abgesagt hatte, beruhigte das kurzzeitig meine Angst davor, verlassen zu werden – ein typisches Symptom des unsicheren Bindungsstils. Gleichzeitig hielt mich diese Tendenz aber in ungesunden Beziehungen gefangen. Es dauerte eine Weile, aber irgendwann wurde mir klar: Das kurze, unangenehme Gefühl, meine eigenen Grenzen zu respektieren, tat mir langfristig gut.

Heute weiß ich, dass keine Version des Typen mir je die Sicherheit, Liebe und Bestätigung geben könnte, die ich brauche. Um das zu begreifen, musste ich aber erstmal richtig Single sein. Wenn ich mich nicht selbst davon abgehalten hätte, weiter dieselben Männer zu jagen, wäre mein Verstand vermutlich immer noch total vernebelt.

Das Singlesein ließ mich außerdem üben, meine Grenzen auch in nicht-romantischen Beziehungen einzuhalten, wie zum Beispiel in meinen Freundschaften. Wann immer ich da Spannungen spürte oder jemanden neu kennenlernte, fragte ich mich: „Trägt diese Person positiv zu meinem Leben bei, oder werden meine Mühen nicht geschätzt? Macht mich diese Person unruhig oder beruhigt sie mich eher?“ Als ich dann irgendwann doch wieder zu daten anfing, hatte ich mich daran gewöhnt, öfter mal in mich selbst hineinzuhören.

Inzwischen ist es mein Ziel, jemanden mit einem sicheren Bindungsstil kennenzulernen. Damit das klappt, muss ich aber selbst erstmal so ein Mensch werden, damit ich nicht in alte Verhaltensmuster zurückfalle. Bis dahin möchte ich allen, die sich bei mir über eine lauwarme Liebe oder eine Ghosting-Erfahrung beklagen, ganz doll umarmen – oder ihnen die Telefonnummer meiner Interview-Therapeutin geben.

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