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Daniela Cavallo beerbt Osterloh bei VW: Wie die Gastarbeiter-Tochter zur mächtigsten Arbeitnehmer-Vertreterin in Deutschland wurde

Klemens Handke
·Lesedauer: 4 Min.
Die neue VW Betriebsratschefin Daniela Cavallo.
Die neue VW Betriebsratschefin Daniela Cavallo.

Der mächtigste Arbeitnehmervertreter Deutschlands dankt ab und übergibt die Nachfolge an seine bisherige Stellvertreterin. Bernd Osterloh war über 16 Jahre lang die Stimme der Volkswagen-Mitarbeiter und tritt nun überraschend vom Betriebsrat zurück. Er übergibt das Amt und die Verantwortung an Daniela Cavallo. Sie ist die Tochter eines italienischen Gastarbeiters und nun die erste Frau an der Spitze des Betriebsrats. Im VW-Superwahljahr will Cavallo Standhaftigkeit beweisen und den VW-Managern um Herbert Diess weiterhin die Stirn zeigen.

Dass Cavallo die Nachfolge von Osterloh antritt, kommt nicht überraschend. Seit ihrer Wahl zur Stellvertreterin Osterlohs im Jahr 2019 galt sie als nächste Frau an der Spitze der Arbeitnehmervertretung des Autobauers aus Wolfsburg. Bei ihrer Antrittsrede beteuerte sie damals, "dass alle Kolleginnen und Kollegen mitgenommen werden, niemand auf der Strecke bleibt und das Management intelligente und faire Wege findet, möglichen Problemen zu begegnen".

Diese Wege muss sie nun früher finden, als von der Öffentlichkeit erwartet. Osterloh selbst betonte 2019 noch, dass er bis zur nächsten Wahl 2022 im Amt bleibt und womöglich nochmals kandidieren möchte. Nun kam jedoch alles anders und der lautstarke Kontrahent von VW-Chef Diess legt sein Amt als Betriebsratschef und im VW-Aufsichtsrat nieder. Zum 1. Mai übernimmt er stattdessen den Vorstandsposten im Personalbereich bei der Lkw-Tochter Traton, wie Volkswagen in einer Pressemitteilung berichtet.

Osterloh hat viel Lob für seine Nachfolgerin übrig: "Sie ist führungsstark, empathisch und so strategisch denkend, dass sich viele noch wundern werden." Cavallo bedankt sich für das Vertrauen und sagt: "Wir wollen unseren großen Erfolg der vergangenen Jahre fortsetzen und dafür werden wir uns 2022 erneut ein starkes Mandat aus unserer Belegschaft erarbeiten. Die Herausforderungen bei der Transformation unseres Unternehmens und in unserer Industrie bleiben groß."

Tochter eines italienischen Gastarbeiters

Vor Cavallo stehen tatsächlich große Herausforderungen im Konzern. Allein in Deutschland vertritt sie in Zukunft die Interessen von 300.000 Beschäftigten. Weltweit sind es 660.000. Doch die 46-Jährige wusste schon von klein auf an, wie sie sich in einer von Männern dominierten Welt mit rauem Umgangston durchsetzen kann.

Die Verbindung zu Volkswagen wurde ihr in die Wiege gelegt. 1975 kam sie unweit des VW-Werks in Wolfsburg zur Welt. Ihr Vater war ein italienischer Gastarbeiter, der in die beschauliche Stadt nach Niedersachsen kam, um bei VW am Band seinen Lohn zu verdienen. "Mein Vater sagte immer, VW ist der beste Arbeitgeber in der Region. Wenn du im Werk einen Ausbildungsplatz bekommst, hast du eine sichere Zukunft. Das tat ich", erinnert sich Cavallo.

Die italienischen Wurzeln ihres Vaters sind ihr wichtig. Doch sie fühlt sich in beiden Ländern zu Hause und fügt an: "Wenn ich in Italien bin, freue ich mich, wieder nach Hause zu fahren, nämlich nach Wolfsburg." Hier ist sie wirklich zu Hause.

1994 absolvierte sie nach dem Abitur eine kaufmännische Ausbildung bei Volkswagen. Im Automobilkonzern war sie früh Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Nach ihrer Wahl in den Betriebsrat 2002 war sie für die VW-Tochter Auto 5000 aktiv. Damals ging es dem milliardenschweren Konzern alles andere als gut. Um die Produktionskosten zu senken, wurden bei Auto 5000 Beschäftigte mit Löhnen unter dem Tarif und längeren Arbeitszeiten untergebracht. Durch ihr Engagement in der Abteilung wurde auch erstmals der spätere Betriebsratschef Osterloh auf sie aufmerksam.

Neben ihrer Tätigkeit bei Volkswagen ist die Deutsch-Italienerin auch zweifache Mutter. Dafür unterbrach sie 2004 und 2008 als erste Betriebsrätin ihre Arbeit im Konzern für die Elternzeit. Ab 2010 war sie für den Personalbereich und die Organisationsentwicklung im Unternehmen zuständig. Danach leitete sie im geschäftsführenden Betriebsausschuss einen Bereich mit 7.000 Angestellten.

Seit ihrer Zeit als Vizevertreterin nahm sie eine zentrale Rolle im Umbau wichtiger VW-Standorte für die E-Mobilität ein. Intern packt sie gerne an und war unter anderem für den Aufbau eines konzernübergreifenden Online-Arbeitsmarkts verantwortlich. Auch beim von VW beschlossenem "Zukunftspaket" beteiligte sie sich an der personellen Transformation im Unternehmen.

Cavallo will in den Aufsichtsrat

Nun steht sie vor ihrer bisher größten Aufgabe. Bereits im Mai nominiert die IG Metall die Liste für die Aufsichtsratswahl 2022. Auch hier will Cavallo angreifen und das Mandat von Osterloh übernehmen. Gleichzeitig findet im nächsten Jahr auch die Betriebsratswahl statt, bei der Cavallo ihr Amt verteidigen will.

Um die Beschäftigten beim Konzern von ihrem Führungsstil zu überzeugen, hat sie nicht viel Zeit. Aus Unternehmenskreisen lässt sich jedoch heraushören, dass die Belegschaft im Konzern und Osterlohs Umfeld fest hinter Cavallo als Nachfolgerin stehen.

Was sich bereits unter ihr ändern könnte, ist der Kommunikationsstil mit dem Management. Cavallo gilt als rhetorisch stark, jedoch deutlich ruhiger als ihr Vorgänger Osterloh, der gerne mit der Faust auf den Tisch schlug und sich auch mit VW-Chef Herbert Diess anlegte. Auf geringen Gegenwind sollten sich die VW-Bosse allerdings nicht einstellen. Denn wenn Cavallo in ihren über 20 Jahren beim Konzern eines gelernt hat, dann ist es sich durchzusetzen.