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Daimler vs. Tesla: Wer hat die bessere Robotaxi-Strategie?

Sven Vogel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Ein bequemes, selbstbestimmtes Leben ganz ohne eigenes Auto. Das ist das große Versprechen neuer Mobilitätsangebote und für viele Unternehmen da draußen ein lukratives Zukunftsgeschäft. So lukrativ, dass amerikanische Analysten sich vor einiger Zeit dazu hinreißen ließen, allein diesem potenziellen Geschäft bei Tesla (WKN: A1CX3T) ein Preisschild von 765 Mrd. US-Dollar anzuhängen. Bei der Daimler (WKN: 710000)-Aktie hat sich das bisher noch niemand getraut. Vielleicht, weil Daimler mit Blick auf die vielzitierten Robotaxen einen komplett anderen Ansatz versucht als Tesla.

Tesla plant das Airbnb der Mobilitätswelt

Die Idee von Tesla erscheint auf den ersten Blick sehr verlockend. Durch kontinuierliche Software-Updates sollen die bereits ausgelieferten Fahrzeuge nach und nach in immer größeren Umfängen Fahrsituation vollständig automatisiert leisten können. Am Ende dieser Entwicklung steht dann eine große Fahrzeugflotte in Händen von Privatpersonen, die einen gewünschten Weg von A nach B komplett eigenständig bewältigt.

Und wenn der private Tesla-Besitzer ein solches Auto gerade nicht benötigt, könnte er es ganz ohne Probleme für andere private Nutzer freigeben. Dann rollt das Auto selbstständig zum Rufort, fährt den Rufenden von A nach B und rollt dann gemütlich zum Ausgangspunkt zurück. Hallo Robotaxi!

Das klingt wahrscheinlich so verlockend, weil es dem heutigen Zeitgeist anspricht: eine dezentral organisierte Gig-Economy, in der Privatleute nebenher etwas hinzuverdienen können. Die Airbnb-Plattform der Mobilitätswelt, die ohne großen Kapitaleinsatz seitens Teslas skaliert werden kann. Bei dem Tesla aber auch nur einen Bruchteil der Umsätze selbst einstreicht. Schließlich will auch der Eigentümer des Fahrzeugs etwas verdienen.

Ganz anders erscheint hingegen die Vorstellung von Daimler.

Daimler strebt nach deutlich mehr Kontrolle

Daimler, so scheint es heute zumindest, versucht eher einen zentral organisierten Mobilitätsservice aufzubauen, bei dem Daimler selbst möglichst viele Dinge in der eigenen Hand behält. Die Fahrzeugflotte also selbst betreibt und auch den direkten Kontakt zum Nutzer kontrolliert. Das ist zunächst deutlich kapitalintensiver, muss man sich doch selbst um den Aufbau der Fahrzeugflotte kümmern. Dafür hat man aber auch deutlich mehr Kontrolle über das Angebot und muss mit niemand anderem die Einnahmen teilen.

Am weitesten mit einem solchen Geschäftsmodell ist sicherlich derzeit Waymo. Erste Tests von Bosch und Daimler mit erweiterten teilautonomen Mercedes-Benz-S-Klassen, die ein solches Geschäftsmodell simulieren, laufen bereits im amerikanischen San José. Derzeit natürlich noch inklusive Sicherheitsfahrer und Sicherheitsbeifahrer, aber bereits mit ausgewählten Fahrgästen, die nicht auf der Gehaltsliste von Daimler oder Bosch zu stehen scheinen.

Zwar darf man gespannt sein, wie die Reaktionen auf dieses Pilotprojekt ausfallen, hier und heute will ich aber wieder zum Vergleich der beiden unterschiedlichen Ansätze zurückkommen.

Und nun? Welcher Ansatz ist wirklich die Milliarden wert?

Folgt man dem Zeitgeist, dann klingt das Tesla-Konzept heute sicherlich attraktiver. Auch weil die Pauschalkritik, dass doch niemals jemand sein privates Auto zweitweise an Fremde vermieten möchte, dank Airbnb bereits bei Wohnungen als falsch wiederlegt wurde. Dennoch sind Wohnungen natürlich keine Fahrzeuge. Denn wenn in der kurzfristig vermieteten Wohnung die Klospülung ausfällt, ist das sicherlich kein Grund für ein spontanes Volksfest, eine Gefahr für das eigene Leben und das anderer Verkehrsteilnehmer ist das aber längst noch nicht – zumindest meistens.

Wahrscheinlich lässt sich dieses Problem stark eindämmen, indem die private Autovermietung nur dann gestattet wird, wenn alles einwandfrei funktioniert. Was man bis zu einem gewissen Grad sicherlich per Fernüberwachung gewährleisten kann. Aber schafft Tesla es wirklich, mit Software-Updates die notwendige Zuverlässigkeit der autonomen Autos von 99 % und unendlich vielen weiteren Neunen rechts vom Komma zu erreichen. Beziehungsweise wie schnell schafft Tesla das, ohne zusätzlich Hardware-Komponenten nachrüsten zu müssen.

Die technische Frage gibt es natürlich auch bei Daimler, Bosch und allen anderen, die sich an den Herausforderungen des autonomen Fahrens versuchen. Bei den beiden Stuttgartern stellt sich im Vergleich zum Tesla-Ansatz noch die Frage, wie teuer es werden wird und wie lange es dauert, eine entsprechende Fahrzeugflotte bereitzustellen. Denn auf der Nutzerseite sehe ich Daimler zumindest heute klar im Vorteil. Die mittlerweile 90 Millionen Nutzer der Mobilitätsdienste, die Daimler und BMW gemeinsam anbieten, sind ein starkes Faustpfand.

Bei der abschließenden Beurteilung sollte man auch einen weiteren Unterschied von Wohnungen und Fahrzeugen nicht vergessen. Verlieren Pkws mit jedem gefahrenen Kilometer an Wert und sind irgendwann einfach nicht mehr zu gebrauchen, wird der Wertverlust von Wohnungen in der Regel nicht anhand darin gewohnter Personenminuten gemessen.

Während die zweitweise Vermietung einer Wohnung also in aller Regel nicht zu einem stärkeren Wertverlust führt, ist das beim Pkw doch anders. Das könnte die Bereitschaft von Tesla-Eigentümern, ihre Autos zur Verfügung zu stellen, vielleicht verringern. Zumindest aber den Preis der Vermietung nach oben treiben. Das würde wiederum die Chancen des dezentralen Tesla-Netzwerkes verringern, ein zentrales Angebot von Daimler oder anderen preislich so deutlich zu unterbieten, wie Airbnb das heute im Vergleich zu Hotelzimmern teilweise schafft.

Unterm Strich fällt es mir heute schwer, einen eindeutigen Sieger auszumachen. Einem der beiden Unternehmen aufgrund dieses Geschäfts eine Milliardenbewertung um den Hals zu hängen, würde ich mir daher aktuell nicht zutrauen.

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Sven besitzt Aktien von BMW und Daimler. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Tesla und empfiehlt BMW.

Motley Fool Deutschland 2019