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Daimler-Vorstand Harald Wilhelm räumt im Finanzressort auf

Der Autobauer tauscht den Leiter für Investor-Relations aus, der M & A-Chef wechselt zu Knorr-Bremse. Zuvor musste bereits der Mercedes-Finanzchef gehen.

Vor seinem Wechsel zu Daimler im April 2019 eilte Finanzchef Harald Wilhelm bereits der Ruf eines Aufräumers voraus. Schließlich stoppte der 53-Jährige als Finanzvorstand von Airbus dubiose Zahlungen; in der Affäre um den Einsatz von Mittelsmännern beim Verkauf von Jets erstattete er einst Selbstanzeige bei der Korruptionsbehörde in Großbritannien. Bei Daimler räumt Wilhelm nun ebenfalls auf – zumindest personell.

Wie der Dax-Konzern am Mittwoch bekanntgab, wird Björn Scheib, der seit 2009 den Bereich Investor-Relations leitet, das Unternehmen zum 1. April „im besten gegenseitigen Einvernehmen“ verlassen. In Konzernkreisen heißt es dagegen, es sei „eher das Gegenteil“ der Fall. Intern sei es schließlich kein Geheimnis, dass Scheib über ein Jahrzehnt ein enger Vertrauter von Wilhelms Vorgänger Bodo Uebber war.

Dass sich Wilhelm nun selbst einen Vertrauten sucht, um die Kommunikation mit den nach mehreren Gewinnwarnungen teils schwer verstimmten Investoren wieder zu verbessern, sei nur folgerichtig, heißt es in Konzernkreisen.

Scheibs Nachfolger als Leiter Investor-Relations wird Steffen Hoffmann, der seit Juni 2017 die Finanzen und das Controlling von Daimler im wichtigsten Absatzmarkt China verantwortet. Wilhelm würdigte Hoffmann als „gestandenen und routinierten Manager“, der bestens geeignet sei, Daimler „am Kapitalmarkt adäquat zu repräsentieren“.

Damit ist das Personalkarussell in Stuttgart aber längst nicht gestoppt Wie Knorr-Bremse am Mittwochmorgen in einer Ad-hoc-Mitteilung bekanntgab, wechselt Daimler-Topmanager Frank Markus Weber zu dem Bremsenkonzern. Der 50-Jährige wird zum 1. August neuer Finanzchef bei Knorr-Bremse.

Weber hat bei Daimler gleich mehrere bedeutende Funktionen inne. Er ist als M & A-Chef für die Beteiligungen des Konzerns verantwortlich, setzt den Umbau des Konzerns von einem Konglomerat zu einer Holding mit drei flexiblen Einheiten (Pkws, Trucks, Mobilitätsdienste) konsequent um und wurde zuletzt zum Sparkommissar berufen.

Webers Abgang gilt vielen in Stuttgart als echter Verlust. „Ich bedauere den Wechsel von Frank Markus Weber sehr“, erklärte auch Daimler-Finanzchef Wilhelm in einem internen Schreiben an die Belegschaft, das dem Handelsblatt vorliegt. Zugleich gratulierte er ihm „zu diesem Karriereschritt“.

Wilhelm hat Machtkampf für sich entschieden

Weil Weber gleich drei wichtige Funktionen bei Daimler innehatte, ergeben sich mit seinem Wechsel zu Knorr-Bremse „eine Reihe von strukturellen und personellen Veränderungen“, wie es in der Mitarbeiterinformation weiter heißt.

Demnach wird Alexander Nediger von Weber den Bereich Corporate Development, zu dem auch Mergers & Acquisitions zählen, ab August übernehmen. Nediger berichtet direkt an Finanzchef Wilhelm und behält parallel seine bisherige Verantwortlichkeit für das „Innovation Cooperation Management“ bei.

Alexander Koesling, seit sechs Jahren für die Steuerung der Lieferkette (Supply Chain) bei den Schwaben verantwortlich, wird sich künftig anstelle von Weber um die Abarbeitung des milliardenschweren Sparprogramms Move kümmern, das den Abbau von bis zu 15.000 der weltweit 300.000 Stellen vorsieht.

Zugleich wird Koesling Leiter des Bereichs Cost Controlling bei Mercedes als Nachfolger von Karl Deppen, der nach Brasilien wechselt, um dort die Lkw-Aktivitäten zu steuern.

Daimler-Finanzchef Wilhelm stellt sein Ressort damit umfassend neu auf. Als der Manager vor fast einem Jahr zum Vorstand in Stuttgart berufen wurde, waren viele überrascht. Für die Nachfolge von Bodo Uebber als Hüter der Zahlen standen schließlich gleich drei geeignete interne Kandidaten parat.

Insbesondere Frank Lindenberg, Finanzchef der Autosparte Mercedes, hatte sich Konzernkreisen zufolge große Hoffnungen gemacht, Uebber zu beerben. Doch Aufsichtsratschef Manfred Bischoff entschied sich mit Wilhelm letztlich für einen externen Kandidaten. „Das hat Frank nicht überwunden“, sagt ein Insider.

Die Folge: Wilhelm und Lindenberg lieferten sich einen Machtkampf. Ende Februar ging Wilhelm als klarer Sieger daraus hervor. Er leitet künftig die Finanzen von Daimler und jene der alles überragenden Pkw-Division in Personalunion. Lindenberg wird das Unternehmen dagegen verlassen.

Der zweite interne Gegenkandidat zu Wilhelm war Frank Markus Weber, heißt es in Konzernkreisen. Er wechselt nun zu Knorr-Bremse. Bleibt nur noch Stephan Unger als potenziell letzter prominenter Widersacher von Wilhelm. Unger soll als Vorstand der Daimler Mobility AG künftig neben den Finanzen und dem Controlling die Beteiligungen im Bereich der digitalen Mobilitätsdienste steuern.

Ob dem 52-Jährigen das an Machtfülle ausreicht, wird allerdings in Konzernkreisen bezweifelt. Unger habe sehr viel Geltungsdrang und sei daher „überfällig“, ebenfalls zu gehen, meint ein Insider. Ein anderer drückt sich konzilianter aus: „Viele Topleute im Finanzbereich sind ebenso wie Wilhelm Anfang 50. An Wilhelm kommen sie aber nicht vorbei. Sie suchen daher nach einer Karrierechance außerhalb des Konzerns.“ Ein dritter Insider vermutet dagegen, Unger werde bleiben und sich einreihen.