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Daimler und die Google-Schwester Waymo kooperieren bei Roboter-Trucks

·Lesedauer: 5 Min.

Der weltgrößte Lastwagenbauer beliefert Waymo mit speziellen Fahrgestellen fürs autonome Fahren. Bei der Software wollen Daimler und die Google-Schwester dagegen weiter konkurrieren.

Das Vorhaben ist „historisch“, versichert Daimler-Truck-Chef Martin Daum. Man wohne einem geradezu „epischen Moment“ bei, assistiert Waymo-Boss John Krafcik. Es komme schließlich nicht alle Tage vor, dass sich zwei Weltmarktführer zusammentun, um gemeinsam ein revolutionäres neues Produkt zu entwickeln. Genau das haben Daimler und Waymo laut ihrer Eigendarstellung aber vor.

Konkret wollen der weltgrößte Hersteller von Nutzfahrzeugen und der globale Primus bei autonomen Fahrsystemen künftig bei der Entwicklung von Roboter-Lastern kooperieren. Dafür haben Daimler und Waymo eine „umfangreiche, global ausgerichtete strategische Partnerschaft beim autonomen Fahren (Level 4) geschlossen“, wie die Konzerne am Dienstag mitteilten.

Ziel der Allianz ist es, mit hochautomatisierten Lkws die Verkehrssicherheit zu erhöhen und parallel die Kosten von Flottenkunden massiv zu reduzieren, etwa indem die Fahrer weitgehend oder gänzlich obsolet werden. Zunächst ist die Partnerschaft auf den US-Markt begrenzt. Hier sollen die autonomen Cascadia-Sattelschlepper von Daimler, die mit der Waymo-Driver-Software ausgestattet sind, in wenigen Jahren erstmals Kunden angeboten werden. Zu der geplanten Flottengröße äußerten sich die Unternehmen nicht.

Im Kern beliefert Daimler die Tochterfirma des Google-Mutterkonzerns Alphabet mit speziell entwickelten Lkw-Fahrgestellen. Waymo integriert anschließend seine Sensoren und Computer in die Chassis. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrgestellen stattet Daimler die Chassis für Waymo mit redundanten Sicherheitssystemen aus. Das heißt: Lenkung, Bremse, Motorsteuerung und Bordnetz sind „doppelt ausgelegt“. Fällt ein System aus, springt so stets das zweite ein. Dadurch wird ein Teil- oder gar Totalausfall vermieden.

Für die Entwicklung von autonomen Fahrsystemen sind diese redundanten Lenk- und Bremssysteme „extrem wichtig“, erklärt Waymo-Chef Krafcik. Deren Bedeutung werde unterschätzt. Denn anders als im Pkw-Bereich „existieren diese Komponenten bei schweren Trucks heute noch nicht“, sagt Krafcik. Die zügige Entwicklung und Massenproduktion von redundanten Hardwaresystemen sei entscheidend, damit Waymo seine eigene Driver-Software weiter vorantreiben kann. In Daimler sieht der Konzern dafür einen idealen Partner.

Daimler will die Entwicklungskosten senken

Der Nutzen für Daimler bei der Kooperation liegt wiederum im Heben von Skaleneffekten. „Mein Gewinn ist, dass ich die Technologie, die ich auf der Hardwareseite entwickle, auf eine deutlich breitere Basis stellen kann und damit meine Entwicklungsaufwendungen halbiere und gleichzeitig dank der größeren Stückzahlen bei Lieferanten bessere Preise kriege“, erläutert Martin Daum.

Bei der Entwicklung der Software für autonome Trucks bleiben Daimler und Waymo aber erbitterte Rivalen. Er wisse „gar nicht“, was Waymo mit den Lastern mache, die Daimler an die Google-Schwester liefere, bekundet Daum. Auf die Daten, die Waymo generiere, habe Daimler keinen Zugriff. „Da ist eine Firewall dazwischen“, so Daum.

Der Manager hat mit Daimler Trucks im Frühjahr 2019 die Mehrheit an der amerikanischen Firma Torc Robotics gekauft, um seine eigene Software für autonome Fahrsysteme vorantreiben zu können. Das Ziel von Daum: Er will binnen eines Jahrzehnts hochautomatisierte Level-4-Laster auf den Markt bringen, bei denen die Verantwortung vom Fahrer vollständig auf die Technik übergeht.

Dass Daimler nun ausgerechnet Waymo mit Chassis beliefert und damit womöglich seinem größten Konkurrenten beim Rennen ums autonome Fahren zum Durchbruch verhilft, sieht Daum gelassen. „John Krafcik und ich haben lange im Vorfeld darüber geredet: Gemeinsam haben wir größere Chancen, zum Erfolg zu kommen, als wenn es jeder für sich allein probiert – selbst auf die Gefahr hin, dass wir uns nachher den Kuchen teilen müssen“, erklärt Daum. Durch die Schlagzahl, die Daimler und Waymo nun vorgeben, werde es zudem für alle anderen „schwieriger“ nachzuziehen.

Daimlers Kooperation mit Waymo kommt, einen Monat nachdem VWs Lkw-Tochter Traton einen Deal mit dem Start-up TuSimple abgeschlossen hat. Traton will mit TuSimples Software fahrerlose Lkws in Schweden und Deutschland testen. Anders als Daimler investierte Traton auch in das Silicon-Valley-Unternehmen und hält nun knapp ein Prozent daran.

Waymo braucht Zugriff auf die Hardware

„Am Anfang schienen selbstfahrende Trucks ein Softwareproblem zu sein“, sagte TuSimples Mitgründer Xiaodi Hou kürzlich auf einer Konferenz. „Inzwischen ist es ein Software- plus Hardwareproblem.“

Denn um die Algorithmen ihrer Software richtig trainieren zu können, ist es für die Tech-Unternehmen wichtig, dass sie Einfluss auf die Platzierung der Kameras und Sensoren auf dem Fahrzeug nehmen können, die den Daten-Input liefern. „Dafür müssen wir mit Herstellern kooperieren“, sagte Xiaodi.

Auch Waymo möchte keine eigenen Trucks bauen, erklärte Boris Sofman, der Chef von Waymos Lkw-Sparte, auf der gleichen Konferenz. Stattdessen will der Konzern mit dem „Waymo Driver“ den Job eines menschlichen Lkw-Fahrers übernehmen. „Wir entwickeln seit Jahren unsere eigenen Sensoren: Kameras, Radar- und Lidar-Sensoren, die speziell auf diesen Zweck abgestimmt sind“, sagte Sofman. Dadurch könne die Software bessere Entscheidungen treffen.

Waymo rühmt sich damit, in den USA bereits in 25 Städten über 20 Millionen Meilen (rund 32 Millionen Kilometer) auf öffentlichen Straßen und 15 Milliarden Meilen (rund 24 Milliarden Kilometer) in Simulationen gefahren zu sein.

Die meisten dieser Kilometer hat Waymos „Driver“ allerdings in Pkws zurückgelegt. Inwieweit sich Erfahrungen aus diesen Tests auf Lkws übertragen lassen, ist in der Branche umstritten. Sofman glaubt daran: „Wir nutzen dieselben Sensoren, dieselben Simulationen, im Kern auch dieselben Algorithmen wie unsere Pkw-Sparte. Fundamental sind das die gleichen Probleme.“

Sofman ist sicher: „Unsere Technologie wird in den nächsten paar Jahren kommerzialisiert werden.“ Ähnlich wie bei selbstfahrenden Autos würden die selbstfahrenden Trucks nach und nach in immer mehr Regionen eingesetzt werden können. Seit August testet Waymo seine Trucks auf Schnellstraßen in Texas.