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Daimler-Betriebsrat fürchtet neue Einschnitte in der Belegschaft

Die Arbeitnehmer befürchten, dass den Sparplänen auch Stellen in der Produktion zum Opfer fallen. Teile der IT sollen ausgelagert, die Holding beschnitten werden.

Der geplante Stellenabbau könnte auch die Produktion treffen, fürchten die Betriebsräte. Foto: dpa

Beim Autobauer Daimler drohen neue Einschnitte. Kaum ein halbes Jahr nachdem der Dax-Konzern den Abbau von bis zu 15.000 der weltweit 300.000 Stellen beschlossen hat, sieht sich der Mercedes-Hersteller infolge der Coronakrise offenbar dazu gezwungen, seinen Sparkurs zu verschärfen.

Vor dem Ausbruch der Pandemie wollte der Konzern die Jobkürzungen eigentlich auf indirekte Bereiche wie die Verwaltung beschränken. Nun könnten aber auch Abfindungsangebote an Fabrikmitarbeiter bevorstehen.

„Je nachdem, wie sich die Nachfrage nach unseren Produkten entwickelt, ist nicht auszuschließen, dass sich die Personalmaßnahmen standort- und funktionsabhängig auch auf die Produktionsbereiche ausweiten können“, warnten Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht und sein Stellvertreter Ergun Lümali die Belegschaft am Donnerstag in einem internen Flugblatt. Das vierseitige Schreiben liegt dem Handelsblatt vor. Ein Daimler-Sprecher lehnte einen Kommentar dazu ab.

Die Arbeiterführer betonen zwar, dass sich noch nicht klar abschätzen lasse, wie groß die Effekte der Pandemie auf die bestehenden Effizienzprogramme tatsächlich sein werden. Zugleich bereite man sich aber auf Gespräche zu Einsparungen mit dem Management vor. Denn der Druck auf Daimler sei „enorm und steigt weiter“, so Brecht und Lümali.

Allein im ersten Quartal ist der Pkw-Absatz von Daimler um 15 Prozent eingebrochen, der von Lastwagen und Bussen sogar um ein Fünftel. Die Stuttgarter konnten in den ersten drei Geschäftsmonaten nur knapp einen Verlust verhindern, der Free Cashflow war aber bereits deutlich negativ.

„Wie stark uns der Corona-Schock wirtschaftlich trifft, werden die Bilanzen des zweiten Quartals schonungslos offenlegen“, warnen die Betriebsräte nun und schlagen Alarm: „Selbst wenn die Kurzarbeit wieder rückläufig sein wird, beabsichtigt der Vorstand, die Fixkosten zu reduzieren und Abläufe zu ändern. Deshalb will der Vorstand auch an die Strukturen ran.“

Drei zentrale Projekte im Konzernumbau

Demnach will das Management um Vorstandschef Ola Källenius mit den Arbeitnehmern alsbald über drei zentrale Projekte verhandeln. Erstens wollen die Schwaben ihre IT-Prozesse unter dem Motto „Twice as Fast“ deutlich verschlanken. Geplant ist demnach, bis Mitte 2021 wesentliche Servicefunktionen an externe Firmen auszulagern. „Weltweit sollen insgesamt 2000 Beschäftigte, davon nahezu 900 in Deutschland, durch einen Betriebsübergang in diese Fremdfirmen übergehen“, schreiben Brecht und Lümali.

Zweitens plant der Autobauer, seine erst im vergangenen Jahr überarbeitete Konzernstruktur mit drei eigenständigen Sparten – Auto, Lastwagen, Mobilitätsdienste – zu straffen. Konkret soll die Daimler AG als Holdinggesellschaft mit ihren 6000 Mitarbeitern zurechtgestutzt werden. „Derzeit gibt es Überlegungen, Verwaltungs- und Zentralbereiche von der Daimler AG in die Spartengesellschaften zu verschieben“, erläutern die Arbeitnehmervertreter in ihrem Rundschreiben.

Wie das Handelsblatt bereits im April berichtet hatte, plant etwa Finanzchef Wilhelm, seine 1200 Beschäftigten in der Holding mit der Pkw-Sparte Mercedes zusammenzuführen, in der gut 5000 Finanzer arbeiten. Dahinter steht Insidern zufolge auch die Überlegung, die Daimler Truck AG zunehmend zu separieren, um eine bessere Grundlage für einen etwaigen Börsengang der Sparte in einigen Jahren zu ermöglichen.

Drittens prüft Daimler laut den Betriebsräten, ob administrative Tätigkeiten in Teilen des Personal- und Finanzwesens gebündelt werden können. „Darüber hinaus gibt es Ideen, Teilumfänge in GmbH-Strukturen zu überführen. Die Folgen wären ein Personalabbau bzw. weitere Betriebsübergänge“, warnen Brecht und Lümali.

Die beiden Arbeiterführer fordern von Daimler-Chef Källenius, verbindliche Zukunftsbilder für die einzelnen Standorte zu präsentieren. „Das große Bild muss auf den Tisch – es geht ums Ganze.“ Die Betriebsräte wollen wissen: „Wie sieht unser gemeinsames, zukünftiges Ziel aus? Wie gestaltet sich die Reise dahin?“

Die Branche ist in der Krise

Viele Mitarbeiter seien stark verunsichert. Zu den drei Kernprojekten des Vorstands haben die Betriebsräte laut eigener Aussage eine Verhandlungsgruppe gebildet. „Nur Organigramme verschieben kostet viel Geld, bei unklarem Nutzen“, erläutern sie vorsorglich schon mal ihren Standpunkt. Die Arbeitnehmer erwarten einen „klaren Fahrplan“ vom Vorstand und keine Entscheidungen, die „Hals über Kopf“ gefällt werden.

Im Führungskader wird unterdessen längst über Kapazitätskürzungen diskutiert. „Mittelfristig müssen wir unsere Kapazitäten um zehn bis 20 Prozent reduzieren, um die Werke auslasten zu können. Nur China ist davon ausgenommen“, sagt ein Manager. Es sei „inhärent wichtig“, die Sparziele zügig auszuweiten, ergänzt eine weitere Führungskraft.

Hintergrund ist, dass die Wachstumsaussichten der gesamten Autoindustrie durch Corona verdüstert wurden. Kalkulierte die Branche noch Anfang des Jahres mit einem Volumen von weltweit 90 Millionen verkauften Pkws und leichten Nutzfahrzeugen für 2020, rechnen die meisten Fahrzeughersteller und Zulieferer nun mit lediglich 70 Millionen Einheiten bis zum Jahresende. Alle Firmen müssen sich daher aktuell auf deutlich sinkende Stückzahlen einstellen.

Die Folge sei „Darwinismus“ in der Branche, konstatiert die Unternehmensberatung Alix Partners in einer Studie und prophezeit eine knallharte Auslese. „Nur die finanz- und innovationsstarken Hersteller und Zulieferer überstehen die bevorstehende Marktbereinigung.“

Die Autobranche insgesamt „wird dieses Jahr wohl keine Gewinne erwirtschaften“, glaubt Elmar Kades, Leiter der Autosparte bei Alix Partners. Der Absatz dürfte insbesondere in Europa erst in fünf Jahren wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

Daimler-Chef Källenius hat intern zudem die Maxime ausgegeben: „Marge geht vor.“ Modelle, die kaum Rendite abwarfen, will er aussortieren und die Varianz an Motoren reduzieren. Covid-19 hat aus Sicht des Skandinaviers nichts weniger als „die Achillesferse der Autoindustrie offengelegt“. Lange Entwicklungszyklen und zu hohe Fixkosten würden die Branche angreifbar machen.

Schon vor einigen Wochen schlussfolgerte er kühl: „Wir müssen handeln.“ Källenius könnte diesen Ankündigungen schon bald weitere Taten folgen lassen. Für Ende des Monats hat er jedenfalls ein Meeting mit seinen Topmanagern anberaumt, heißt es unisono in Konzernkreisen.

Covid-19 hat aus Sicht des Skandinaviers nichts weniger als „die Achillesferse der Autoindustrie offengelegt“. Foto: dpa