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Daimler-Aktie bleibt auch nach dem Kapitalmarkttag interessant

Sven Vogel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

„First Move The World“ – über die auf die Daimler-Gründer zurückgehende Unternehmensvision wollte Ola Källenius auf dem Kapitalmarkttag von Daimler (WKN: 710000) letzte Woche nicht sprechen. Vielmehr ging es ihm um einen detaillierten finanziellen Ausblick für die nächsten drei Jahre. Auch wenn die Offenheit bei der versammelten Analystenrunde durchgehend gelobt wurde, bekam die Offenheit der Daimler-Aktie nicht sonderlich gut. Dennoch sind die Aktien mit dem Stern noch immer eine interessante Investitionsmöglichkeit.

Man schafft es zumindest in die Nähe der strengen EU-Emissionsziele

Die strengen Emissionsziele der Europäischen Union hängen wie ein Damoklesschwert über den deutschen Premiumherstellern. Für Daimler bedeuten diese Ziele, einen Emissionsausstoß für alle EU-Neuzulassungen von 100 g CO2/km nicht überschreiten zu dürfen. Ansonsten drohen empfindliche Geldstrafen. Bei einem 2019er-Wert von rund 138 g CO2/km scheint das für Daimler-Cars ein beinahe unerreichbares Ziel zu sein.

Dennoch ist man optimistisch, zumindest in die Nähe des Grenzwertes zu kommen. Neue Technologien bei konventionellen Antrieben und die schrittweise Elektrifizierung der Modellpalette sollen schon nächstes Jahr für einen deutlichen Rückgang sorgen. Um in Schlagdistanz des Grenzwertes zu kommen, sind aber die sogenannten Super-Credits und das sogenannte Phase-in notwendig. Also das zulässige doppelte Zählen von besonders emissionsarmen Fahrzeugen und das Herausnehmen der emissionsstärksten Fahrzeuge aus der Berechnung.

Für die Erfüllung der Emissionsziele nach 2020 ist man bei Daimler optimistisch. Die Technologien seien laut Källenius alle vorhanden. Am Ende entscheidet aber natürlich der Kunde darüber, welchen Antrieb er wählt. Mit Blick auf die kommenden Jahre wird aber mit einem deutlichen Anstieg der elektrifizierten Modellvarianten gerechnet. Von einem Anteil von heute gerade einmal 2 % soll es im Jahr 2020 bereits auf 9 % gehen und im Jahr 2021 dann auf 15 %. Das ist eine deutlich konservativere Einschätzung, als man sie kürzlich bei BMW in München getroffen hat. Dort wird in 2021 bereits ein Elektroanteil von 25 % erwartet. Durch die flexiblen Fertigungslinien kann aber auch Daimler schnell und kosteneffizient auf andere Kundenanforderungen reagieren.

Im Segment Trucks, wo künftig das Geschäft mit Trucks – das war nicht schwer zu erraten – und Bussen gebündelt wird, sind die Emissionsvorgaben mindestens genauso herausfordernd. In den letzten 20 Jahren konnte Daimler Trucks die CO2-Emissionen zwar um 1,1 % pro Jahr reduzieren, die EU-Vorlagen verlangen nun aber eine Reduktion um 2,7 % pro Jahr bis zum Jahr 2030. Mit konventionellen Antrieben ist das unmöglich, weshalb sich Daimler schon seit einiger Zeit mit alternativen Antrieben beschäftigt und bei batterieelektrischen Fahrzeugen bereits erste Modelle auf der Straße hat.

Die nächsten Jahre verschlingen weiterhin viel Geld

Die letzten Jahre waren bei Daimler geprägt durch ansteigende Investitionen und zunehmende Forschungs- und Enticklungsbudgets. Neben einmaligen Aufwendungen drückte das trotz der anhaltend guten Verkaufszahlen auf die Gewinne. Auch bis zum Jahr 2022 wird diese Situation nicht deutlich besser. Die fortschreitende Elektrifizierung wird bis 2022 noch einiges an Geld kosten, welches aufgrund der noch geringen Verkaufszahlen nicht vollständig an die Kunden weitergegeben werden kann.

Hinzu kommen die konventionellen Antriebe, die auf den weltweiten Automärkten auch in den kommenden Jahren wichtig sein werden. Das Maximum der Entwicklungskomplexität steht Daimler daher noch bevor. Genau dann nämlich, wenn im Jahr 2022 von allem – elektrisch und konventionell – alles – eine Vielzahl Motoren und Modellen – gemacht werden muss. Ab dem Jahr 2023 soll diese Kompexität aber deutlich reduziert werden können, da dann die Komplexität bei konventionellen Antrieben deutlich zurückgefahren werden kann.

Auch wenn Mercedes-Benz weiterhin sehr große Ambitionen mit Blick auf den Umsatz hat, wird der Kostenseite in den nächsten drei Jahren sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Bei den Materialkosten sollen Zulieferverträge geprüft, die Nachverfolgung von Schadensersatzansprüchen intensiviert und weiterhin über Partnerschaften nachgedacht werden. Bei den Investitionsausgaben wird man künftig deutlich wählerischer sein und vermehrt Prioritäten setzen.

Natürlich macht das alles auch vor den Personalkosten nicht halt. Auch wenn Källenius unumwunden zugibt, dass dies vor allem in Deutschland das schwerste Unterfangen sein wird. Zwar wurde bereits verkündet, 10 % der Führungspositionen abbauen zu wollen, der angedachte Lohnsteigerungsstopp bei Mitarbeitern muss aber erst noch mit den Betriebsräten verhandelt werden.

Das alles führt zu Umsatzrenditen von 3 bis 4 % im Jahr 2020 und von 4 bis 5 % im Jahr 2022. Zumindest dann, wenn alles nach Plan verläuft und keine einmaligen Restrukturierungsaufwendungen mit einbezogen werden. Bei Daimler Trucks ist der Blick in die Zukunft mit einer angestrebten Umsatzrendite von mehr als 5 % im Jahr 2020 und mehr als 7 % im Jahr 2022 hingegen deutlich rosiger. Das ist natürlich weit entfernt von den bisherigen Zielwerten, aber noch immer in einer Größenordnung, die das Industriegeschäft beim heutigen Kurs der Daimler-Aktie zum aussichtsreichen Investment werden lässt.

Die Daimler-Aktie bleibt eine aussichtsreiche Investitionsmöglichkeit

Ja, die gesamte Automobilindustrie steht vor großen Herausforderungen. Daimler packt diese Herausforderungen aber an und opfert dafür heutige Gewinne für künftige Erfolge. Auch wenn es für diese künftigen Erfolge natürlich keine Sicherheiten gibt.

Zum künftigen Erfolg soll zudem auch eine neue Konzernstruktur verhelfen. Unter der Daimler AG finden sich dabei drei operative Gesellschaften  Mercedes-Benz (Autos und Vans), Daimler Truck (Trucks und Busse) und Daimler Mobility (Mobilitätsservices). Diese Struktur soll einen deutlich stärkeren Fokus auf die Kapitalallokation zwischen den einzelnen operativen Geschäftseinheiten ermöglichen. Grundsätzlich soll der freie Cashflow eine deutlich zentralere Rolle bei der Konzernsteuerung einnehmen. Folgerichtig wurde ein neues Cashflow-Ziel in die Vergütungsbestandteile des Vorstands aufgenommen.

Auch das ist eine sinnvolle Maßnahme, die dabei hilft, die ambitionierten Ziele für die kommenden Jahre zu erreichen. Denn genau dann ist der heutige Kurs der Daimler-Aktie ziemlich attraktiv. Auch wenn der Kapitalmarkttag der Daimler-Aktie nicht sonderlich geschmeckt hat.

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Sven besitzt Aktien von BMW und Daimler. The Motley Fool empfiehlt Aktien von BMW.

Motley Fool Deutschland 2019