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„Ich dachte, ich kann den Markt beherrschen“

·Lesedauer: 4 Min.

Mitten in der Krise entdecken die Deutschen ihre Liebe zur Aktie – und setzen dabei auf Neobroker wie Trade Republic oder Scalable. Doch die Zockerei am Smartphone kann gravierende Folgen haben, zeigt dieses Beispiel.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine Krise dazu führt, dass die Deutschen ihre Liebe zur Aktie wiederentdecken. Aber die Abende im Lockdown waren eben lang und die Börsenkurse niedrig – viele nutzten die Gelegenheit, um ihr Depot wieder in Betrieb zu nehmen. Vor allem bei jüngeren Anlegern hat die Wette auf Corona-Profiteure wie Lieferdienst Delivery Hero, Impfstoffhersteller Biontech oder Versandriese Amazon andere Zockereien wie Fortnite, World of Warcraft oder Minecraft verdrängt.

Das liegt auch an neuen Neobrokern wie Trade Republic, Scalable oder justtrade. Dort wird das Depot per Smartphone-App verwaltet, Orders sind in der Regel umsonst, für jede Transaktion fallen höchstens minimale Gebühren an. Bei Trade Republic, dem größten deutschen Neobroker, ist es ein Euro Fremdkostenpauschale.

Viele haben deshalb das Zocken angefangen, ständig ge- und verkauft und auf immer riskantere Produkte gesetzt. Nicht immer mit Erfolg. Der 30-jährige Hasan Akyüz hat bei Trade Republic seinen gesamten Einsatz verloren und ist nach wenigen Monaten wieder aus dem Aktienhandel ausgestiegen. Hier erzählt der gelernte Einzelhandelskaufmann, wie er zu Trade Republic kam, wie schnell Aktien und Optionsscheine seinen Alltag bestimmt haben, und welche Fehler er gemacht hat.

WirtschaftsWoche: Herr Akyüz, Ihr Depot ist leer, das Geld bei Trade Republic ist verzockt. Wie groß ist die Versuchung, trotzdem wieder einzusteigen?
Hasan Akyüz: Den Verlust habe ich mittlerweile einigermaßen verkraftet. Aber ja, ich denke tatsächlich immer wieder darüber nach, nochmal anzufangen. Ich schaue weiter viel auf die Kursbewegungen und ärgere mich, dass ich nicht dabei bin. Man will sich das Geld ja irgendwie zurückholen.

Wie viel haben Sie denn verloren?
Ich hatte einen niedrigen fünfstelligen Betrag investiert, das ist für mich viel Geld.

Dabei haben Sie erst vor rund drei Monaten bei Trade Republic angefangen. Warum?
Aufmerksam geworden bin ich durch Werbung, und dann habe ich mich einfach angemeldet, weil es so günstig war. Ein Euro Gebühr pro Order ist ja nicht viel.

Haben Sie vorher schon Aktien an der Börse gehandelt?
Nein, ich wusste bis dahin gar nicht, was ein Broker ist. Ich war absoluter Neuling und wollte einfach schnell viel Geld verdienen. Und es war ja Corona, so hatte ich viel Zeit.

Welche Aktien haben Sie zuerst gekauft?
Am Anfang habe ich blind drauflos gekauft. Zum Beispiel Aktien von Boeing und Airbus, weil ich dachte, dass sich der Tourismus ja irgendwann erholen muss. Lange gehalten habe ich die Papiere aber nie.

Sie wollten also nicht langfristig investieren?
Nein, ich habe immer recht schnell wieder verkauft, es war wohl vor allem die Gier, die mich angetrieben hat. Mein Motto ist „Lebe lieber in der Gegenwart“, für die Zukunft anzusparen ist nicht so mein Ding.

Irgendwann haben Sie dann riskantere Papiere gekauft. Womit haben Sie spekuliert?
Nach einem Monat bin ich auf Zertifikate umgestiegen, mit Hebel. Ich dachte mir, damit kann ich schneller Geld verdienen. Bei Aktien ging mir das zu langsam.

Sie waren Neuling. Wie haben Sie sich über die Börse informiert?
Ich habe Videos bei YouTube geschaut und mich in Foren mit anderen Nutzern ausgetauscht. Ein Fehler war wohl auch, dass ich oft zu sehr auf die Meinung von anderen gehört habe.

Inwiefern?
Dadurch habe ich viel geshortet, auf fallende Kurse gesetzt. Vor allem bei Indizes, aber auch beim Goldpreis. Insgesamt sind die Kurse aber ja eher gestiegen. Und ausgerechnet den kurzen Rücksetzer Ende Oktober habe ich verpasst. Aber zum Verhängnis geworden ist mir wohl gleich mein Einstieg mit Hebelzertifikaten.

Wie meinen Sie das?
Ich hatte einfach Anfängerglück, habe meinen Einsatz mit meinem ersten Hebelzertifikat innerhalb von wenigen Stunden vervierfacht. Danach war ich natürlich angefixt und habe auf immer höhere Hebel gesetzt. Ich dachte, ich könne den Markt beherrschen.

Wie oft haben Sie pro Tag gehandelt?
Ich denke, bis zu 30 Trades waren es am Tag, ich habe immer enge Stopp-Kurse gesetzt. Wenn ich dann verkaufen musste, wurde ich sauer und habe es gleich nochmal probiert.

Und auf das Smartphone schaut man ja ohnehin ständig…
Genau, ich habe den ganzen Tag nur aufs Handy und die Kurse geguckt. Wenn ich offene Positionen hatte, konnte ich nicht schlafen, war gedanklich nur bei den Börsenkursen. Nach ein paar Wochen war ich gesundheitlich am Ende und stand wohl kurz vor einem Burnout.

Wie können andere Anfänger es besser machen?
Wer seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, sollte nicht an die Börse. Mir hat das wirklich Probleme bereitet. Ich hatte zwar eine Liste mit Börsentipps, auf der zum Beispiel stand, Aktien länger zu halten und nicht zu viel zu handeln. Aber wer seine Emotionen nicht im Griff hat, dem nützt die beste Liste nichts.

Mehr zum Thema: Neobroker wie Trade Republic und Robinhood machen Börsenhandel dank videospielähnlicher Apps einfach und billig. Anleger zahlen aber oft an anderer Stelle drauf – wie kürzlich beim Börsenhype um den Impfstoff.