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Pflegen unter doppeltem Druck: In der Coronakrise spitzt sich die Lage dramatisch zu

Ohne ausländische Fachkräfte und Betreuungshilfen würde das deutsche Pflegesystem zusammenbrechen. Jetzt hängen wegen der Pandemie viele Pfleger in der Heimat fest. Die Personalnot treibt die Pflegeanbieter um, doch sie haben noch viel größere Sorgen.

Schon vor der Krise war die Situation vielerorts prekär. Foto: dpa

Ostern im Kreis der Familie fällt für Danka C. in diesem Jahr aus, stattdessen verbringt sie die Feiertage in Bielefeld. Eigentlich fährt die 60-jährige Polin aus Toruń jedes Jahr um diese Zeit für einige Tage in ihre Heimat. Nun bleibt sie bei der alten Dame in Nordrhein-Westfalen, die sie als Pflegekraft betreut.

Natürlich würde sie das Osterfest gerne zu Hause feiern, sagt Danka, die in der Zeitung lieber nur ihren Vornamen lesen möchte. Doch sie habe Sorge, anschließend in Polen festzusitzen. Denn die Schlagbäume in Europa sind wieder heruntergelassen, wegen der Corona-Pandemie.

Danka ist eine von vielen Osteuropäerinnen, die sich in deutschen Familien um hilfebedürftige Senioren kümmern. Sie sind rund um die Uhr einsatzbereit, arbeiten nicht selten am Rand der Ausbeutung. Ohne die Betreuungshilfen im Haushalt würde das Pflegesystem in der Bundesrepublik zusammenbrechen, doch sie tauchen in keiner offiziellen Statistik auf.

Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2017 lebt in rund jedem zwölften Pflegehaushalt eine osteuropäische Hilfskraft, das wären rund 175.000 Menschen. Der Arbeitgeberverband Pflege spricht sogar von bis zu 400.000 privat betreuten Haushalten. Und längst nicht alle Pflegehelfer harren in der Coronakrise an ihrem Arbeitsplatz aus, so wie Danka in Bielefeld.

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Neben diesem sogenannten grauen Pflegemarkt ist auch die reguläre Altenpflege auf ausländische Fachkräfte angewiesen, und viele kommen aus Osteuropa. Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, noch mehr Personal aus dem Ausland zu rekrutieren. Das war vor Corona. Nun droht die ohnehin dünne Personaldecke bei ambulanten Pflegediensten und in Altenheimen zu reißen.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, macht deutlich: „Von deutscher Seite aus wird weder die Ein- noch die Ausreise von bei uns tätigen ausländischen Pflege- und Betreuungskräften unnötig behindert.“

Osteuropäische Betreuungskräfte könnten sich von ihrem Arbeitgeber oder der Vermittlungsagentur eine Pendlerkarte ausstellen lassen, mit der sie die Grenze nach Deutschland überqueren können. Einige Nachbarstaaten hätten die Grenzen aber auf ihrer Seite komplett dichtgemacht.

Pflegekräfte zu Hause in Quarantäne

Länder wie Polen oder die Slowakei stellen einheimische Pflegekräfte, die in Deutschland arbeiten und auf Heimatbesuch sind, unter Quarantäne. Eine schnelle Rückreise ist nicht möglich.

„Diese Pflegekräfte fehlen dann in der Versorgung bei uns“, sagte Westerfellhaus dem Handelsblatt. Die Bundesregierung sei mit den osteuropäischen Staaten im Gespräch, um die Einreise der dringend benötigten Pflegekräfte zu erleichtern. „Das ist allerdings in diesen Zeiten nicht ganz einfach.“

Peter Blassnigg führt die Geschäfte bei Promedica Plus, einer Vermittlungsagentur für Pflegehelfer im Haushalt. Das Unternehmen hat rund 8000 Betreuungskräfte unter Vertrag, 400 Mitarbeiter rekrutieren und schulen sie in Polen, Rumänien und Bulgarien. Blassnigg sagt: „Jeder Tag stellt für uns eine neue Herausforderung dar, je nachdem, was das jeweilige Herkunftsland gerade entscheidet.“ Betreuungskräfte aus Rumänien und Bulgarien würden in ihrer Heimat festhängen, weil der Landweg nach Deutschland durch Ungarn versperrt ist.

Normalerweise garantiert das Unternehmen, dass innerhalb von fünf Tagen eine Helferin bei einer deutschen Familie eintrifft. „Das gelingt derzeit nicht immer“, sagt Blassnigg.

Jeden Dienstag und jeden Freitag machen sich rund 20 Minibusse der Firma auf den Weg, um Betreuungskräfte aus Osteuropa abzuholen. In normalen Zeiten rauschen die Bustransporte problemlos durch den Schengenraum. Nun müssen die Pflegehelfer Papiere mitführen, die ihre Reiseroute und ihren Zielort dokumentieren – in der Hoffnung, damit über die Grenze zu kommen.

In der ambulanten Tagespflege und in Altenheimen spitzt sich ebenfalls die Lage zu. Der Chef des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), Bernd Meurer, sagt: „Die Corona-Beschränkungen für ausländische, insbesondere osteuropäische Pflegekräfte verschärfen den Fachkräftemangel sicherlich.“

Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege, sagt: „Es droht eine ausweglose Situation: Stationäre Einrichtungen haben Aufnahmestopps. Ambulante Dienste können keine neuen Kunden annehmen. Für die häusliche Betreuung können die osteuropäischen Betreuungskräfte nicht einreisen und aus Drittstaaten kommen sie aktuell nicht nach Deutschland.“

Ganz besonders betroffen sind Regionen an der Grenze zu Polen. Ende März ordnete die Regierung in Warschau eine 14-tägige häusliche Quarantäne nach der Einreise an. Das stellt Berufspendler in der Pflege, die sonst jeden Tag die Grenze überqueren, vor große Probleme. In Brandenburg sind nach Angaben des dortigen bpa-Landesverbands komplette Intensivpflegeteams von der polnischen Regelung betroffen. Die Landesregierung in Potsdam versucht, Berufspendler aus Polen mit einer Aufwandsentschädigung in Höhe von 65 Euro pro Tag zu überzeugen, vorerst ganz in Deutschland zu bleiben. Damit sollen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung ausgeglichen werden.

Die Personalnot in der Pflege beschäftigte die Politik schon vor der Coronakrise. Zehntausende Stellen sind in Deutschland unbesetzt. Ein Jahr lang ließ die Große Koalition Verbände, Gewerkschaften, Arbeitgeber und Krankenkassen über Lösungen diskutieren, im vergangenen Sommer präsentierte die Regierung die Ergebnisse ihrer „Konzertierten Aktion Pflege“.

Ein Baustein der Strategie ist, mehr Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) flog in den Kosovo und nach Mexiko, um dort persönlich Vereinbarungen zu unterzeichnen. Momentan muss sich Spahn mit ganzem Einsatz um die Coronakrise kümmern. Und die Bemühungen um neue Pflegekräfte aus dem Ausland stocken.

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Westerfellhaus sagt: „Die Anwerbemaßnahmen der Bundesregierung laufen intensiv weiter, unter anderem mit der neu gegründeten Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe.“ Gegenwärtig sei das angesichts der weltweiten Gesundheitskrise aber „sehr schwierig“.

Die Bundesregierung bemühe sich allerdings darum, laufende Anerkennungsverfahren für ausländische Fachkräfte zu beschleunigen. Laut Bundesagentur für Arbeit kamen schon 2019 etwa 80.000 der rund 600.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Altenpflege aus dem Ausland.

Die Pflege-Arbeitgeber spüren in der Coronakrise nach eigenen Angaben erhebliche Auswirkungen auf die Personalgewinnung im Ausland. Innerhalb der Europäischen Union sind die Grenzen praktisch dicht. Für Drittstaaten gilt ein 30-tägiges Einreiseverbot über den See- und Luftweg. Zwar sind davon Menschen mit „systemrelevanten Berufen“ ausgenommen, dazu zählen auch Pflegekräfte.

Allerdings hätten im Ausland viele deutsche Botschaften und Konsulate geschlossen, heißt es beim Arbeitgeberverband Pflege. Behördliche Genehmigungen und die Ausstellung neuer Visa seien somit blockiert.

Und selbst wenn alle erforderlichen Unterlagen zur Einreise nach Deutschland vorlägen, gebe es oft keine Flüge mehr nach Deutschland. Außerdem würden immer mehr Länder aufgrund der zunehmenden Corona-Infektionen einen Ausreisestopp für heimische Pflegekräfte verhängen.

Aufnahmestopp für Heime

Die Personalnot treibt die Pflegeanbieter um, doch sie haben noch viel größere Sorgen. Alte Menschen, umso mehr bei Vorerkrankungen, sind besonders gefährdet, an der durch das Coronavirus ausgelösten Atemwegserkrankung Covid-19 zu sterben.

Die Todesfälle in Seniorenheimen in Wolfsburg und Würzburg verdeutlichen die Risiken, wenn sich der Erreger in einer Einrichtung ausbreitet. Mittlerweile haben einige Bundesländer einen Aufnahmestopp für Heime verhängt, vielerorts gelten Besuchsverbote.

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Dazu kommt ein Mangel an Schutzausrüstung für das Pflegepersonal. „Wir sind in größter Sorge, dass wir dieser Ansteckungswelle ohne ausreichende Schutzbekleidung begegnen müssen“, sagt bpa-Chef Meurer. „Die Hoffnung, dass uns die Bundesregierung entsprechend ausrüsten wird, schwindet von Tag zu Tag mehr.“

Das Gesundheitsministerium beschafft seit einigen Wochen zentral. Doch die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist riesig, und in Deutschland klagen auch Arztpraxen und Krankenhäuser über Engpässe.

Kaspar Pfister ist Inhaber des Pflegeanbieters Benevit, das Familienunternehmen aus Baden-Württemberg betreut rund 2300 Pflegebedürftige stationär und ambulant. Bis Mitte vergangener Woche hatten sich neun Pflegekräfte und neun Heimbewohner mit Corona infiziert, zwei Menschen starben. Pfister sagt, sein Unternehmen benötige bis zu 3000 Atemschutzmasken am Tag. Der Textilhersteller Trigema liefere nun Masken, die gewaschen und wiederverwendet werden könnten.

Pfister sagt, eine Quarantäne sei in Pflegeheimen nichts Neues. Das komme immer wieder vor, etwa bei Grippewellen oder wegen Magen-Darm-Infektionen. „Aber Covid-19 ist schon die Herausforderung des Jahrhunderts.“

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