Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    15.669,29
    +154,75 (+1,00%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.109,10
    +50,05 (+1,23%)
     
  • Dow Jones 30

    35.015,11
    +191,76 (+0,55%)
     
  • Gold

    1.801,50
    -3,90 (-0,22%)
     
  • EUR/USD

    1,1779
    +0,0006 (+0,05%)
     
  • BTC-EUR

    27.321,77
    -315,59 (-1,14%)
     
  • CMC Crypto 200

    777,81
    -15,92 (-2,01%)
     
  • Öl (Brent)

    72,03
    +0,12 (+0,17%)
     
  • MDAX

    35.163,22
    +319,25 (+0,92%)
     
  • TecDAX

    3.668,39
    +19,87 (+0,54%)
     
  • SDAX

    16.349,95
    +140,56 (+0,87%)
     
  • Nikkei 225

    27.548,00
    +159,80 (+0,58%)
     
  • FTSE 100

    7.027,58
    +59,28 (+0,85%)
     
  • CAC 40

    6.568,82
    +87,23 (+1,35%)
     
  • Nasdaq Compositive

    14.824,87
    +140,28 (+0,96%)
     

Curevac: Schwache Daten, schlechte Kommunikation und ein prominenter Abgang im Vorstand

·Lesedauer: 6 Min.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so mag das Management von Curevac noch immer noch gehofft haben, dass bei der Endauswertung seiner Zulassungsstudie ihr Vakzin besser abschneidet, als die mageren 47 Prozent, die Mitte Juni den Kurs des einstigen Hoffnungsträgers zum Absturz brachten.

Mit 48 Prozent Wirksamkeit in allen Altersgruppen bestätigte sich aber die Vermutung, dass der mRNA Impfstoff von Curevac eben nicht die Erwartungen erfüllen kann, welche die beiden anderen mRNA Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna geweckt haben. Ihre Wirksamkeit lag bei rund 95 Prozent und damit doppelt so hoch wie das des Konkurrenten aus Tübingen.

Der Curevac-Impfstoff hat bei den 18 bis 60-Jährigen 53 Prozent Wirksamkeit, dies könnte für eine europäische Zulassung bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) nach Ansicht des Unternehmens womöglich ausreichen. Diese hatte anders als die US-amerikanische FDA und die WHO nicht darauf gepocht, dass die potenziellen Covid-19-Vakzine eine Gesamtwirksamkeit von mindestens 50 Prozent haben müssen. Nach diesem Kriterium wäre Curevac durchgefallen.

Curevac hatte einen anderen Weg gewählt als Biontech und Moderna

Dennoch ist wichtig zu erwähnen, dass mit Curevac geimpfte Personen zwar eine Corona-Infektion bekommen können, nicht jedoch einen schweren Verlauf mit Krankenhauseinweisung oder gar Beatmung erleiden. Immerhin. Für die am stärksten von Covid-19 Betroffenen, die über 60-Jährigen, hat das Unternehmen keine Daten präsentiert. Die 21 Fälle in dieser Gruppe sei nicht ausreichend, um eine statistisch signifikante Aussage über die Effektivität bei den Älteren zu treffen. Auch dies eher enttäuschend.

In der heutigen Web-Pressekonferenz versuchten Vorstand Franz-Werner Haas, der sich bemühte, optimistisch zu wirken, und die Chief Technology Officer Mariola Fotin-Miescek, die enttäuschenden Wirksamkeitsdaten mit dem Umstand zu erklären, dass das Ursprungsvirus sich stark verändert habe und ihr Mittel gegen 15 verschiedene von der Firma sequenzierte Varianten antreten müsse. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Der Hauptunterschied zwischen den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna und dem von Curevac besteht darin, dass die Forscher der beiden ersten Firmen eine entscheidende Veränderung an der mRNA vorgenommen haben. Sie haben sie modifiziert, sprich, die mRNA in ihrer immunaufstachelnden Wirkung entschärft. Curevac hat dies nicht getan.

Was bedeutet das für den Impfstoff? Schon seit vielen Jahren wissen Forscher, dass mRNA das Immunsystem stark stimulieren kann und daher als potenzieller Impfstoff gelten könne. Die Hauptprobleme bestanden darin, dass das Immunsystem gewisse Mengen des Impfstoffes schnell selbst als Fremdkörper erkennt, attackiert und sofort vernichtet. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass das Immunsystem schnell überreagieren und es zu schweren Nebenwirkungen kommen kann. Mit anderen Worten: reine mRNA entwickelt eine hohe Toxizität.

Modifizierte mRNA macht den Impfstoff hochwirksam

Diesen Zusammenhang zwischen mRNA und Immunreaktion erforscht seit den 90er Jahren die Wissenschaftlerin Katalin Kariko an der Universität Pennsylvania in den USA. Sie erfand mit einem Kollegen auch den Trick mit der modifizierten mRNA, der die Biontech/Pfizer und Moderna-Impfstoffe so hochwirksam macht, da man so mehr Wirkstoff in den Körper einbringen kann. Deswegen liegt das wichtige Patent bei Karikos Heimatuniversität. Kariko selbst arbeitet seit vielen Jahren im Biontech-Team von Gründer Ugur Sahin.

Das bedeutet in der Schlussfolgerung, dass Mediziner eine unveränderte mRNA nur in geringer Dosis injizieren können. Curevac impft mit 12 Mikrogramm mRNA – Biontech mit deutlich mehr Wirkstoff, nämlich 30 und Moderna mit 100 Mikrogramm Wirkstoff.

Um ihren Impfstoff modifizieren zu können, haben Biontech/Pfizer und Moderna das Patent der Universität Pennsylvania lizensiert, für einen unbekannten hohen zweistelligen Millionen-Betrag. Hat Curevac dieses Patent nicht lizensiert? Ist dies der Grund, warum ihr Impfstoff auf einer anderen wissenschaftlichen Grundlage entsteht, die sich nun als deutlich unterlegen erweist?

Auch Biontech/Pfizer hatte am Anfang probiert, ob eine geringere Dosis für ihre Covid-19-Impfung ausreicht. Doch die Wirkung war mit einer höheren Wirkstoffmenge besser und der Impfstoff von seinem Nebenwirkungsspektrum immer noch gut verträglich. Es kann sich in Zukunft herausstellen, dass diese anscheinend nur kleine Veränderung den entscheidenden Unterschied bei der hohen Wirksamkeit von Biontech/Pfizer und Moderna ausmacht.

Seit dem Management das Problem klar wurde, leidet die Kommunikation

Spätestens dann, wenn Wissenschaftler die Wirksamkeitsdaten der beiden bereits zugelassenen Impfstoffe bei den Virusvarianten veröffentlichen, wird klar sein, ob die Argumentation von Curevac, die die geringere Wirksamkeit ihres Vakzins sei den Varianten geschuldet, standhält. Biontech/Pfizer arbeitet gerade an Publikationen zu der Effektivität bei Virusvarianten. Auf einer Pressekonferenz der EMA erklärte Leiter für die Impfstoffe Marco Cavalieri, dass die bislang zugelassenen mRNA Vakzine "auch vor der Delta Variante sowie anderen Varianten schützen". Dies sei das Ergebnis eines Austauschs mit den internationalen Arzneimittelbehörden vergangene Woche. Das Treffen hatte zum Ziel, eine Strategie zum Schutz vor den Virusvarianten zu besprechen. Dabei kam heraus, dass nach einer AstraZeneca-Impfung nun eine Zweitimpfung mit einem mRNA Impfstoff von Modern oder Biotech/Pfizer erfolgsversprechend sei.

Aber nicht nur die geringere Wirksamkeit ihres Serums irritiert bei Curevac. Die Kommunikation des Unternehmens, die zuvor vorbildlich war, ist intransparent geworden. Seit dem Management klar wurde, dass es ein großes Problem mit dem Impfstoff gibt, passieren seltsame Dinge. Zunächst verschwand der zuverlässige Pressesprecher Thorsten Schüller. Es hieß, er sei dauerhaft krank. Dann wurden Antworten auf Anfragen auch mal stundenlang nicht bearbeitet.

Als nächstes überraschte Vorstand Haas Ende Mai damit, dass er die Wirksamkeit des Curevac-Vakzins in einem Gespräch mit dem Handelsblatt auf 70 Prozent schätzte. Ein ungewöhnlicher Umstand, schließlich geht es in der Wissenschaft um harte Daten und Ergebnisse, nicht um ungefähre Schätzungen. Wie konnte der Vorstand wissen, dass die Daten schlecht sein, wenn sie doch noch gar nicht offiziell vorlagen?

Auf der Hauptversammlung von Curevac wurden keine Fragen zugelassen

Als nächstes strich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorsorglich Curevac von den Lieferlisten und sagte, er plane nicht mehr mit Curevac. Dies geschah mehrere Tage, bevor die Daten zu der schwachen Wirksamkeit veröffentlicht wurden. Wie konnte der Minister da schon ahnen, dass Curevac für die deutsche Impfkampagne nicht infrage kommt? Denn das Unternehmen gab erst am 16. Juni seine Daten der Zwischenauswertung mit der 47-prozentigen Wirksamkeit bekannt, wie es das Börsenrecht vorsieht. Der Kurs des Unternehmens fiel aufgrund dieser Nachricht dramatisch.

Als Vertrauensbruch kann auch gewertet werden, dass bei einer unter einer Stunde dauernden Hauptversammlung vergangenen Donnerstag keine Fragen zugelassen wurden. „Mehr braucht man dazu ja wohl nicht zu sagen", sagt ein Experte, der nicht genannt werden möchte. Eine Hauptversammlung eines DAX-Konzerns wie VW braucht schon einmal einen ganzen Tag, weil auch Kleininvestoren dem Management dort ihre Fragen stellen können.

Für noch mehr Irritationen sorgte dann eine eilig am Montagabend anberaumte Pressekonferenz des Curevac-Vorstandes mit Forschungsministerin Karliczek (CDU) und Staatsministerin Widmann-Mauz (CDU), die im Wahlkreis Tübingen als Kandidatin zur Bundestagswahl antritt. Kurzfristig wurden dazu ausgewählte, hauptsächlich aus der Region stammende Medien eingeladen. Tenor des Wohlfühl-Treffens: Wir glauben an Curevac. Wieder keine Gelegenheit für kritische Fragen – denn die meisten Medien wussten nichts von dem Termin.

Endgültig sorgte aber der gestrige Abgang von Curevac-Mitgründer Florian von der Mülbe aus dem Vorstand für Anlass zur Sorge. Er soll im Vorstand ersetzt werden und sich künftig um die RNA-Printer kümmern, die gemeinsam mit einer Firma, die Elon Musk gekauft hat, entwickelt werden. Warum er dieser Aufgabe nicht als Vorstand nachgehen kann oder will, blieb ebenso offen wie die oben aufgeführten Fragen zur wissenschaftlichen Strategie.

Auch mit einer schlechten Kommunikation kann man Vertrauen in einen Impfstoff zerstören. Das haben viele ja bereits bei AstraZeneca erlebt. Patienten wollen lieber Biontech/Pfizer oder Moderna.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.