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Covid-Impfstoff Nummer drei: Die Herdenimmunität ist womöglich näher als gedacht

Hofmann, Siegfried
·Lesedauer: 4 Min.

Mit dem Covid-Vakzin von Astra-Zeneca erhält neben Biontech und Moderna der dritte Impfstoff erstmals eine Zulassung. Was das für den Kampf gegen Covid bedeutet.

Das Astra-Zeneca-Vakzin zeigte mit dem regulär vorgesehenen Dosierungsschema eine Schutzwirkung von 62 Prozent. Foto: dpa
Das Astra-Zeneca-Vakzin zeigte mit dem regulär vorgesehenen Dosierungsschema eine Schutzwirkung von 62 Prozent. Foto: dpa

Nach der Mainzer Firma Biontech und Moderna hat nun auch der britische Pharmakonzern Astra-Zeneca erstmals eine Zulassung für seinen Covid-Impfstoff erhalten. Das in Kooperation mit der Oxford University entwickelte Vakzin darf seit diesem Mittwoch in Großbritannien eingesetzt werden.

Die Zulassung ist in zweifacher Hinsicht ein wichtiges Signal für den Kampf gegen die Corona-Pandemie. Sie zeigt zum einen, dass Zulassungsbehörden bereit sind, auch Impfstoffe zu akzeptieren, die nicht an die von Biontech und Moderna vorgelegte Schwelle von über 90 Prozent Wirksamkeit heranreichen.

Sie spricht zum anderen dafür, dass sich die Versorgung mit Impfstoffen in den nächsten vier bis acht Wochen sehr rapide verbessert – und dass sich damit über kurz oder lang auch der Konkurrenzkampf der Covid-Impfstoff-Entwickler intensivieren wird.

Das Astra-Zeneca-Vakzin zeigte mit dem regulär vorgesehenen Dosierungsschema zwar nur eine Schutzwirkung von 62 Prozent. Aber auch dieser Wert liegt noch klar über der von Regulatoren geforderten Mindestwirksamkeit von 50 Prozent und auch deutlich über den Werten, die etwa Grippeimpfstoffe erzielen.

In der aktuellen Situation mit weltweit hohen Infektionsraten kann auch ein solcher Impfstoff einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Pandemie zurückzudrängen – zumal er vergleichsweise einfach zu handhaben und relativ preiswert ist.

Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass der Impfstoff der Briten ungeachtet seiner etwas zwiespältigen Testresultate relativ zügig weitere Zulassungen erhalten wird, darunter auch in der EU. Hier läuft immerhin bereits ein rollierendes Zulassungsverfahren. Eine Entscheidung zugunsten des Produkts könnte daher relativ schnell fallen, sobald die noch fehlenden Daten eingereicht sind und die Zulassung formal beantragt wurde.

Gleiches gilt für den Impfstoff des US-Biotechunternehmens Moderna, über den der Medizinausschuss der europäischen Arzneimittelagentur EMA in der ersten Januarwoche beraten wird. Eine Zulassung für das Moderna-Vakzin, das in den USA bereits verimpft wird, gilt auch in der EU als so gut wie sicher.

Ende Januar werden damit vermutlich bereits drei zugelassene Covid-Impfstoffe zur Verfügung stehen. Zwei weitere Produkte, Impfstoffkandidaten von Johnson & Johnson sowie der US-Firma Novavax, könnten im Februar und März folgen und Anfang des dritten Quartals zudem auch der Impfstoff der Tübinger Curevac.

Das alles spricht dafür, dass eine Herdenimmunität womöglich schneller erreichbar sein könnte als von vielen erwartet. In Großbritannien reden Politiker inzwischen davon, dass man das Ziel schon Ende des ersten Quartals erreichen könnte. Für die EU rechnen Experten bisher damit, dass man das im Laufe des zweiten Quartals schaffen könnte.

Auf jeden Fall zeichnet sich ab, dass in wenigen Wochen nicht mehr die verfügbaren Mengen an Impfstoffen den entscheidenden Engpass darstellen werden, sondern eher die logistischen und personellen Kapazitäten in den Impfzentren.

Die bisherigen Testresultate von Biontech, Moderna und Astra-Zeneca, aber auch die inzwischen publizierten Studiendaten der chinesischen Sinopharm und des russischen Gamaley-Instituts sprechen dafür, dass letztlich fast alle Impfstoffkandidaten in fortgeschrittener Entwicklung eine mehr oder weniger große Schutzwirkung gegen Covid-Erkrankungen bieten könnten, auch wenn vielleicht nur wenige an die sehr starke Performance der mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna heranreichen.

Produktionspläne für mehr als 13 Milliarden Dosen

Die geplanten Produktionsmengen für diese Produkte sind erheblich. Für die 13 Vakzine, die aktuell in Phase-3-Studien getestet werden oder bereits erste Zulassungen erhalten haben, addieren sich die angekündigten Kapazitäten für 2021 auf zusammen mehr als 13 Milliarden Dosen.

Allein die sechs führenden westlichen Impfstoffentwickler stellen für 2021 eine Produktion von zusammen etwa 8,6 Milliarden Dosen in Aussicht. Die EU hat sich davon rund 1,4 Milliarden Einheiten vertraglich gesichert und hält Optionen für zusätzliche Orders. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Vereinbarungen einzelner Länder mit den Impfstoff-Firmen wie etwa Deals der Bundesregierung mit Biontech und Curevac über jeweils 30 bis 40 Millionen Einheiten. Selbst wenn man davon ausgeht, dass nur ein Drittel der georderten Mengen im ersten Halbjahr ausgeliefert wird, könnten damit womöglich deutlich mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und der EU geimpft werden.

Eine schnell wachsende Versorgung mit Covid-Impfstoffen wird die engagierten Hersteller vor neue Herausforderungen stellen. Spätestens gegen Ende des ersten Quartals dürfte sich zum Beispiel die Frage ergeben, ob angesichts mehrerer verfügbarer Vakzine weitere Notfall- oder bedingte Zulassungen noch gerechtfertigt sind. Das heißt, die Nachzügler in der Impfstoffforschung werden die regulären Zulassungsverfahren durchlaufen müssen und dadurch zeitlich noch weiter gegenüber den führenden Firmen zurückfallen.

Zudem wird es aus ethischen Gründen über kurz oder lang kaum noch möglich sein, placebokontrollierte Studien durchzuführen. Neue Impfstoffe müssen dann vielmehr im Vergleich zu den etablierten Vakzinen getestet werden. Spätestens dann dürften auch die Unterschiede in Wirksamkeit und Sicherheit noch stärker in den Fokus rücken.

Und schließlich werden sich die Pharmafirmen auch mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie viel Covid-Impfstoffe langfristig benötigt werden. Immerhin befinden sich laut WHO neben den weltweit 13 Produkten in Phase drei weitere 200 Kandidaten in früheren Phasen der klinischen Entwicklung oder in der präklinischen Entwicklung. Viele davon werden auf der Strecke bleiben. Denn nicht nur eine Herdenimmunität ist womöglich näher als gedacht, sondern auch die Gefahr von Überkapazitäten.