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Coronavirus: Wie anfällig ist Apple?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Bild aus der Vergangenheit: Aktuell sind die Apples Stores in China geschlossen (Foto: Apple Inc.)

2019-nCoV hält die Welt in Atem: Kein Tag vergeht mehr, an dem nicht neue Horrormeldungen über das Wuhan-Virus kursieren.  Auch an den Kapitalmärkten ist das Coronavirus zum Faktor geworden: Unternehmen, die ihre Produkte in China fertigen lassen, sind unter Druck geraten – allen voran Apple. 

Die Angst geht um. Über 16.000 Infizierte und über 300 Todesfälle durch das Coronavirus sind seit Auftreten der Lungenkrankheit vor knapp zwei Wochen bekannt.

Bereits jetzt hat sich 2019-nCoV damit stärker verbreitet als die SARS-Pandemie vor 17 Jahren – und das nur basierend auf den offiziellen Zahlen, die aus Peking kommuniziert worden sind, von Experten jedoch angezweifelt werden. So rechnete die Hongkonger Universität allein in Wuhan, dem Epizentrum der neuen Seuche, unterdessen am Wochenende bereits mit 75.000 Infizierten.

Coronavirus: Alle aktuellen Informationen zur Lage

Während das Ausmaß der humanitären Tragödie noch nicht annähernd abschätzbar scheint, hat das Coronavirus in den vergangenen Tagen seine Spuren an den Kapitalmärkten hinterlassen. Die Ausgangslage ist denkbar ungünstig: Nach einem bemerkenswerten Börsenjahr 2019 und einem starken Start ins neue Jahr haben Anleger viel zu verlieren – das Virus kommt zur Unzeit. 

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Coronavirus zieht Apple nach unten 

Entsprechend gingen Aktionäre am Freitag regelrecht in Deckung: Am schwächsten Handelstag in sechs Monaten verlor der Dow Jones mehr als 600 Punkte, angeführt vom wertvollsten Konzern Corporate Americas.

Aktien von Apple büßten am Freitag mehr als vier Prozent an Wert ein, obwohl der Kultkonzern aus Cupertino im Wochenverlauf erst weitaus besser als erwartete Quartalsergebnisse inklusive eines Rekordgewinns von mehr als 22 Milliarden Dollar vorgelegt hatte. Der iPhone-Hersteller büßte durch den Kursrutsch gegen Ende der Woche rund 70 Milliarden Dollar an Börsenwert ein.

Tim Cook: „Eine sehr ungewisse Situation”

Konzernchef Tim Cook mahnte jedoch gleichzeitig im Ausblick zur Vorsicht:  “Es gibt mehr Unklarheit, es ist eine sehr ungewisse Situation”, sagte der Apple-CEO in Bezug auf das neuartige Virus, für das der wertvollste Tech-Konzern der Welt aufgrund seiner engmaschigen Lieferkette nach China in der Produktion besonders anfällig erscheint.

Und es ist nicht nur die Produktion – auch der Verkauf leidet. Am Wochenende gab Apple bekannt, alle 42 Stores als auch sämtliche Büros im Reich der Mitte in der kommenden Woche zu schließen. Vor allem die Abriegelung der 11-Millionen-Metropole Wuhan trifft Apple an einem empfindlichen Punkt in seiner Zuliefererkette, gilt die chinesische Hightechstadt neben Shenzhen doch als Hauptumschlagplatz in der Fertigung neuer Apple-Produkte.

Ming-Chi Kuo kürzt iPhone-Verkaufsschätzungen im 1. Quartal um 10 Prozent

Entsprechend versuchen Analysten zu ermessen, welchen Einfluss die Coronavirus-Krise auf Apples zukünftige Produktion haben dürfte. Der notorisch gut informierte Tech-Analyst Ming-Chi Kuo von TF Securities strich seine Absatzschätzungen für das iPhone im ersten Quartal in einer Research-Note, die dem Blog AppleInsider vorliegt, bereits um 10 Prozent zusammen. 

„Unsere Umfragen deuten darauf hin, dass Apples iPhone-Auslieferungen vom Coronavirus betroffen sind. Wir kürzen daher unsere Prognosen für die iPhone-Verkäufe im ersten Kalenderquartal um 10 Prozent auf 36 bis 40 Millionen“, schrieb Kuo am Wochenende. „Prognosen für das zweite Quartal zu treffen, ist wegen des Coronavirus und des Verbrauchervertrauens schwierig.“

Ist das Budget-iPhone in Gefahr?

Wedbush-Analyst Dan Ives rechnet unterdessen damit, dass Apple allein durch die temporäre Schließung seiner Stores eine Million iPhone-Verkäufe im laufenden Quartal verloren gehen könnten, wie der Finanzinformationsdienst CNBC berichtet.  

Nach Einschätzung von Kuo gibt es für Apple indes ein größeres Risiko als kurzfristige Verkaufseinbußen – nämlich den Einfluss auf zukünftige Produktionen, die sich aktuell in der finalen Phase befänden. Der TF Securities-Analyst meint damit das Budget-Smartphone iPhone SE 2, die nächste Generation des iPad Pro und eine Auffrischung des Macintosh-Computers.    

Worstcase-Szenario Massenproduktions-Verzögerung 

„Das Worstcase-Szenario für Apple ist eine Verzögerung des Massenproduktions-Zeitplans im zweiten Quartal“, schreibt Kuo. Sogar künftige Produkte, die erst im nächsten Jahr erscheinen würden, könnten durch den engen Zeitplan, in dem verschiedene Testphasen mit diversen Komponenten durchlaufen und Designentscheidungen getroffen werden, betroffen sein.    

Am Freitag hatten die drei größten Fluglinien der USA ihre Flüge nach Festland-China auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Wie Apple-Analyst Neil Cybart schätzt, dürfte die Reiseaktivität von Apples US-Management nach China “für bis zu zwei Monate” zum Erliegen kommen.

iPhone-Absatz wieder im Aufwind

Der Techpionier aus Cupertino hatte im jüngsten Quartal unterdessen wieder steigende iPhone-Absätze vermeldet, auch wenn Apple seit 2018 die exakten Stückzahlenverkäufe seiner Produkte nicht mehr ausweist. Die mit dem iPhone erzielten Umsätze hatten im Weihnachtsquartal um vier Milliarden auf 56 Milliarden Dollar zugelegt und damit die Analystenschätzungen deutlich übertroffen. 

Branchenexperten rechnen damit, dass Apple im Herbst eine runderneute iPhone-Serie mit neuem Design und Kompatibilität mit dem Mobilfunkstandard 5G auf den Markt bringen dürfte.  

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