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Coronavirus-Epidemie in China trifft Voestalpine

Der Stahlkonzern verspricht für das Gesamtjahr gerade noch schwarze Zahlen. Doch die Zukunft der stillgelegten Fabriken in China ist weiter offen.

Der Konzern befindet sich in einer schweren Krise. Foto: dpa

Das Coronavirus hat in China auch Voestalpine erwischt. Neun Werke stehen angesichts der Epidemie zwangsweise still. Die Behörden haben den österreichischen Stahlkonzern bis 9. Februar zu Betriebsferien verdonnert. Wie es weiter geht, ist offen.

„Wir wissen im Moment nicht genau, wie die nächsten Maßnahmen aussehen wird“, erklärte Vorstandschef Herber Eibensteiner am Donnerstag bei der Vorstellung der Neunmonatsbilanz in Linz. „Alle unsere Werke sind von den Stilständen betroffen. Wir müssen jetzt abwarten.“

Der Linzer Konzern hat in China zuletzt nach eigenen Angaben rund 550 Millionen Euro Umsatz erzielt. Die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus in China und die Auswirkungen der Epidemie auf die Weltkonjunktur seien für Voestalpine schwer kalkulierbar., sagte Eibensteiner, der seit Juli den Stahlkonzern durch schwere Zeiten führt.

Die Entwicklungen in Asien treffen die Voestalpine zu einer Unzeit. Denn der Konzern befindet sich in einer schweren Krise. Die Neunmonatsbilanz des Geschäftsjahres 2019/20 spricht Bände: Während die Erlöse um 3,8 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro sanken, rutschte der Konzern aufgrund zahlreiche Einmaleffekte nach Steuern tief in die roten Zahlen.

Unter dem Strich machte der Konzern einen Verlust von 160 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum gab es noch einen Gewinn von 281 Millionen Euro. Sonderabschreibungen in Höhe von 270 Millionen Euro und Vorsorgemaßnahmen von 75 Millionen Euro sind für das enttäuschende Ergebnis verantwortlich. Bislang galt die Voestalpine mit knapp 50.000 Mitarbeitern weltweit mit ihrer Spezialisierung auf Spezialstähle besonders krisenresistent.

Die Aussichten sind ungewiss. Für das Gesamtjahr will der Stahlreise unbedingt ein Abrutschen in die roten Zahlen verhindern. Eibensteiner, der im Juli vergangenen Jahres den Posten vom langjährigen Vorstandschef Wolfgang Eder übernommen hatte, drückte sich aber am Donnerstag um eine konkrete Prognose. Wolkig sprach der 56-Jährige von einem „gerade noch positiven Ebit“ für das Gesamtjahr.

Er versuchte, in seiner Not Zuversicht zu verbreiten. „Es gibt einige Bereiche, die sich stabilisiert haben. Wir sehen ein Wiederauffüllen der Lager.“ Die stabilisierende Wirkung sei vor allem aus der Auto- und Flugzeugbranche gekommen. Fast im gleichen Atemzug schränkte der Stahlmanager seinen Optimismus wieder ein. Wie sich die Nachfrage langfristig entwickeln werde, könne auf Grund der geringen Vorhersehbarkeit nicht sagen, so Eibensteiner.

Boeing-Desaster trifft auch Voestalpine

Für Voestalpine kommt derzeit viel zusammen. Der frühere Vorzeigekonzern kämpft nicht nur gegen eine gesunkene Nachfrage in Europa und hohe Eisenerzpreise. Auch hausgemachte Probleme in den amerikanischen Werken in Cartersville (Georgia) und Corpus Christi (Texas) haben das Ergebnis verhagelt und bereits im vergangenen Jahr zu zwei Gewinnwarnungen geführt.

Hinzu kommt noch das Desaster des wichtigen Kunden Boeing mit seinem Flugzeug 737 Max. Voestalpine ist ein Lieferant dieses Flugzeugs, dass seit Monaten nicht mehr fliegen darf. Nach Angaben von Voestalpine beträgt das Umsatzvolumen jährlich 45 Millionen Euro mit diesem Boeing-Modell. Das sind etwas mehr als zehn Prozent der gesamten Erlöse der Luftfahrtsparte.

Eine Entwarnung konnte Eibensteiner am Donnerstag nicht geben. „Wir rechnen nicht damit, dass in den nächsten Monaten die Produktion aufgenommen wird“, sagte der CEO. Boeing rechnet frühestens Mitte des Jahres mit der Wiederaufnahme des Flugbetriebs der 737 Max.

Den harten Sparkurs der Voestalpine spüren die Mitarbeiter zuerst in Deutschland. Im Buderus-Edelstahlwerk in Wetzlar werden 200 Arbeitsplätze abgebaut. „Die Verhandlungen für den Sozialplan sind aufgenommen. Es wird diskutiert, in welchen Umfang der Sozialplan umgesetzt werden“, berichtet Eibensteiner.

Außerdem werden die befristeten Arbeitsverträge für 125 Mitarbeiter am Ende des laufenden Geschäftsjahrs nicht mehr verlängert. Derzeit arbeiten 1500 Mitarbeiter in der hessischen Stadt. Eibensteiner machte einen möglichen Arbeitsplatzabbau auch im Heimatland Österreich von der konjunkturellen Entwicklung ab. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Mitarbeiter zu behalten“, beteuerte er.

Den schlichten Verlauf der Geschäfte werden auch die Aktionäre zu spüren bekommen. Eibensteiner kündigte am Donnerstag an, dass der Vorstand Anfang Juni eine geringere Dividende vorschlagen werde. Eine konkrete Zahl nannte der Österreicher nicht.

Zuletzt schüttete die Voestalpine bereits eine gekürzte Dividende von 1,10 Euro je Anteil aus. Der ehemalige Staatskonzern hat seit seinem Börsengang vor einem Vierteljahrhundert immer eine Dividende ausgeschüttet.

An der Börse hat die Voestalpine derzeit keine Konjunktur. Die Hälfte der Analysten empfiehlt, die Aktien zu verkaufen. Die Analysten von Goldman Sachs und die Deutsche Bank sind derzeit die einzigen, die das Papier zum Kauf empfehlen. Die Aktie, von der Eibensteiner eigenen Angaben 8000 Exemplare besitzt, hat innerhalb eines Jahres mehr als 14 Prozent verloren.

Die gesamte Stahlbranche leidet derzeit unter schlechten Märkten. So will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze in der Stahlbranche streichen. Der indische Tata-Konzern plant 3000 Jobs in Großbritannien und den Niederlanden zu streichen. Branchenprimus Arcelor-Mittal wird in Europa seine Produktion herunterfahren. Experten wie Nicole Voigt, Partnerin bei der Beratung Boston Consulting Group, rechnen bereits mit einer weiteren Konsolidierung in der Stahlbranche.