Deutsche Märkte geschlossen

Warum sich das Ende vieler Läden beschleunigt

In Deutschland könnte es laut einer Studie 2030 bis zu 64.000 Geschäfte weniger geben – ohne die Folgen der Epidemie. Viele Händler sind verzweifelt.

„Es ist dramatisch“, sagt Tobias Schonebeck. Der Betriebswirt führt das alteingesessene Warenhaus Schäffer in der Osnabrücker Innenstadt, das sich auf edles Geschirr und Gläser, auf Küchenutensilien und Spielzeug spezialisiert hat. „Wir erleben eine Situation, mit der keiner sich je beschäftigt hatte“, betont der Kaufmann.

Seit Dienstag ist sein Geschäft geschlossen, zweimal hat er seine 71 Mitarbeiter seither zu Versammlungen zusammengerufen. „Die Leute brachen zum Teil in Tränen aus“, berichtet der Unternehmer.

Die Beschäftigten hätten Angst, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen können, dass sie ihre Wohnungen aufgeben müssen. Schonebeck sagt, er habe versprochen, seine Leute notfalls mit privatem Geld zu unterstützen.

„Wir hoffen, dass wir die nächsten Wochen überstehen“, sagt auch Martin Kerner. Sein Outdoor-Shop Basislager genießt in der Sportbranche einen hervorragenden Ruf. Während in der Karlsruher Innenstadt bereits jede Menge traditionsreiche Geschäfte verschwunden sind, hält sich Basislager seit 1986. Doch wie lange noch?

Jetzt, wo sein Geschäft geschlossen ist, ziehen die Onlineumsätze zwar kräftig an. „Aber das wird uns nicht retten“, meint Kerner nüchtern. 40 Kollegen hat der Kaufmann in Kurzarbeit geschickt.

Und er macht sich Gedanken über die Zeit nach Corona. „Sicher ist, dass unsere Branche danach nicht mehr die gleiche ist“, fürchtet er. Die große Frage für ihn ist: „In welchem Umfang werden Kunden wieder kaufen beziehungsweise kaufen können?“

Innenstädte drohen zu veröden

Kerners Sorgen scheinen mehr als berechtigt. Denn die dramatischen Auswirkungen der Coronakrise treffen eine Branche, die ohnehin schon vor einem brutalen Ausleseprozess steht. Tausende Händler in Deutschland stehen vor dem Aus, die Innenstädte drohen zu veröden.

Dies prognostiziert die jetzt veröffentlichte Studie „Handelsszenario 2030“ des Handelsforschungsinstituts IFH aus Köln, die im Februar fertiggestellt wurde und die zu befürchtenden Folgen der Corona-Epidemie noch gar nicht berücksichtigen konnte.

„Die besondere Dramatik ist, dass es selbst ohne die Coronakrise kein Szenario gibt, bei dem keine Betriebe verloren gehen“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Im Jahr 2030 kann es im Extremfall bis zu 64.000 Handelsunternehmen in Deutschland weniger geben“, warnt er. Und der aktuell zu erwartende Nachfragerückgang durch die Corona-Pandemie verschärfe die Situation nun noch „in nie bekannter Weise“.

Der Handel in den Innenstädten befindet sich in einem Teufelskreis. Weil immer mehr Kunden wegbleiben, müssen mehr und mehr Geschäfte schließen. Das schreckt weitere Kunden ab, die lieber in Fachmarktzentren abseits der Städte gehen oder online kaufen.

Das treibt weitere Läden in den Innenstädten zur Aufgabe. „Es existieren mittlerweile in vielen Städten echte Lücken im Angebot, wodurch sie für die Kundinnen und Kunden noch unattraktiver werden“, beobachtet Handelsexperte Hedde. Wenn ein gewisses Niveau des Angebots unterschritten sei, hätten die Konsumenten keinen Anreiz mehr, in die Stadt zu gehen.

Frequenz nimmt zu

Nach der Analyse des IFH sind bereits in der Zeit seit 2005 fast 40.000 Handelsbetriebe in Deutschland vom Markt verschwunden. Und die Frequenz der Schließungen nehme immer mehr zu. „Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess, der immer schneller wird“, beobachtet Hedde.

Die Coronakrise führt der lokalen Wirtschaft nun gerade ganz brutal vor Augen, wie es ist, wenn ein Großteil der Läden geschlossen ist und welche Folgen das haben könnte. Denn nur wenige Händler können es über längere Zeit verkraften, wenn die Nachfrage ausbleibt – ein Horrorszenario für die Kommunen. Der Handelsverband Deutschland hat berechnet, dass die staatlich verordneten Geschäftsschließungen für den Handel pro Tag 1,15 Milliarden Euro Umsatzausfall bedeuten.

Im Auge des Sturms stehen dabei die großen Warenhausbetreiber, die mit ihren Häusern vom stationären Geschäft in der City abhängig sind. In einem dramatischen Appell an die Politik hat der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Galeria Karstadt Kaufhof, Jürgen Ettl, jetzt gewarnt, dass „allein bei uns 30.000 Arbeitsplätze und deren Familien in existenzieller Gefahr“ seien. Im gesamten Handel betreffe es mehr als drei Millionen Arbeitsplätze.

Dabei hatte Galeria Karstadt Kaufhof gerade erst ein Zeichen gesetzt, wie sehr der Konzern an den stationären Handel glaubt. Er hat im Dezember 2019 den Sporthändler Sport Scheck mit 17 Filialen übernommen.

„Wir sind führend im Wachstumsgeschäft Sport und werden unsere ohnehin starke Präsenz mit dem Erwerb von Sport Scheck in den deutschen Innenstädten jetzt noch einmal deutlich ausbauen“, sagte Galeria-Chef Stephan Fanderl damals.

Breuninger investiert weiter in die Häuser

Nicht nur Galeria hofft darauf, dass der Handel in der Innenstadt eine Zukunft hat. „Wir glauben nach wie vor an die Zukunft der Innenstädte. Das ist Teil unseres Geschäftskonzepts. Die Menschen wollen in den Läden auch künftig etwas erleben, fühlen, spüren“, sagt Holger Blecker, CEO der Warenhauskette Breuninger, dem Handelsblatt.

Das Familienunternehmen aus Stuttgart betreibt in Deutschland elf Häuser. Zusammen mit dem wachsenden Onlinegeschäft kam Breuninger zuletzt auf einen Umsatz von 900 Millionen Euro.

Und obwohl derzeit wegen Corona fast alle Häuser geschlossen sind, investiert Breuninger weiter in seine Filialen. „Stand heute führen wir laufende Bauarbeiten weiter“, sagte Blecker. „So bauen wir unser Haus in Nürnberg und den Premiumbereich in Stuttgart weiter um.“

Auch die Forscher vom IFH haben die Innenstädte noch längst nicht aufgegeben. „Den eindeutigen Schlüssel für die Revitalisierung der Innenstädte haben wir noch nicht gefunden“, räumt Hedde ein.

Zusätzlich einen Onlineverkauf anzubieten, in der Fachsprache Multichannel genannt, sei jedenfalls nicht der erhoffte Heilsbringer, das reiche nicht. „Auch bei großen Filialisten, deren Geschäftsmodell den Kundinnen und Kunden keinen echten Mehrwert bietet, sind die Wachstumsraten rückläufig“, beobachtet der Handelsexperte.

Wichtig ist es, dass die stationären Geschäfte nicht nur das Onlineangebot doppeln, sondern zusätzlichen Service anbieten oder Erlebnis für die Kunden schaffen. „Das lebt von Emotionalität, gekoppelt mit lokaler Identität“, erklärt Hedde. Der Handel müsse eine neue Funktion bekommen. „Er muss von der reinen Versorgung zur Freizeitgestaltung werden.“

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