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Das Coronavirus bedroht Italiens Wirtschaftswachstum

Das China-Geschäft der italienischen Luxusbranche wird immer schwächer, Touristen und Käufer bleiben wegen des Virus fern. Die Regierung fürchtet eine Rezession.

Ob bei Valentino an der Piazza di Spagna, bei Gucci, Armani und bei Brioni in der Via Condotti - in den Luxusboutiquen im Zentrum von Rom ist weniger los als sonst. Gelangweilt stehen die Sicherheitsleute im Eingang und öffnen ab und zu die Tür für Besucher aus Russland und den arabischen Staaten.

Die Chinesen sind weg. Keine mit Einkaufstüten beladenen Gruppen sind zu sehen, die sonst um diese Jahreszeit das Bild im historischen Zentrum prägen. Italien hat Ende Januar die Direktflüge nach China gestoppt, vorerst bis Ende April. Zu groß ist die Angst vor der Verbreitung des Coronavirus. Dadurch ist der Tourismus eingebrochen und es fehlt die kaufkräftige, reiche Mittelschicht aus China.

Nicht nur das, auch die exportorientierte Wirtschaft spürt die ersten Auswirkungen. Und das wird zum Problem für die Politik. Inzwischen spricht es die Regierung offen an: „Viele chinesische Touristen kommen nach Italien und kaufen signifikant viele Luxusgüter, außerdem ist China Italiens drittgrößter Lieferant“, sagte Vize-Finanzminister Antonio Misiani.

Die Coronavirus-Risiken könnten erhebliche negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und auch auf die italienische Wirtschaft haben, ergänzte er. Es werde zunehmend komplizierter, das Regierungsziel von 0,6 Prozent Wachstum für dieses Jahr zu erreichen. Anfang der Woche erst hatte das Statistikamt einen deutlichen Einbruch bei der Industrieproduktion für 2019 gemeldet.

Alle Unternehmen würden jetzt versuchen, die Auftragsbücher zu füllen, so der Ökonom Lorenzo Codogno. Aber eine Erholung sei nach den ersten Indikatoren für 2020 für Italien schwieriger als für andere Länder. Wegen des Coronavirus werde die Industrie im Januar vorsichtig sein. Ein leichter Aufschwung werde eine neue Rezession schwer unterbinden können.

Italien bei Chinesen beliebter als Deutschland und Frankreich

Erste Berechnungen des Industrieverbands Confindustria, die am Freitag veröffentlicht wurden, bestätigen das. Die Order aus dem Ausland seien im Januar gut gewesen, aber noch nicht zufriedenstellend und außerdem seien die Auswirkungen des Virus noch nicht eingerechnet. Und der Import vor allem aus den Ländern außerhalb der EU sei gefallen.

Italien und China haben enge Beziehungen, seit Rom als einziges EU-Land im vergangenen Jahr mit Peking ein „Memorandum of Understanding“ im Rahmen des chinesischen Projekts der Neuen Seidenstraße unterzeichnet hatte. Der Tourismus spielt dabei eine große Rolle. Anfang des Jahres wurde das vom Kulturministerium in Rom organisierte „italienisch-chinesische Jahr für Kultur und Tourismus” ausgerufen.

„Italien ist das bevorzugte Ziel der Chinesen und schlägt Frankreich, Deutschland und Spanien“, sagte die zuständige Staatssekretärin Lorenza Bonaccorsi. Das waren 2019 5,3 Millionen Menschen, die im Schnitt pro Reise und Person 1500 Euro beim Shopping ausgegeben haben. Chinesische Einkäufe machen 36 Prozent des Tax-Free-Marktes aus und sind 2019 um elf Prozent gestiegen und liegen vor Amerikanern und Russen, so der Finanzdienstleister Planet.  

Bleiben die Käufer aus, leidet die Branche. Die Chinesen seien mit einem Anteil von 35 Prozent und einem Volumen von 100 Milliarden Euro weltweit die größten Luxus-Konsumenten, erklärt Matteo Lunelli, Präsident des italienischen Luxusverbands Altagamma.

Deshalb seien die Auswirkungen auf seine Branche einschneidend. So sehe es für die Unternehmen in der Mode-Branche nach den ersten Daten nach einem Minus beim Umsatz von 1,5 Prozent für das erste Quartal aus, so Lunelli.

Er hofft aber, dass diese Situation nicht lange andauern wird, danach sehe es an den Märkten bereits aus. „In der Vergangenheit haben wir festgestellt, dass die Luxusbranche bemerkenswert schnell auf schwierige Situationen reagieren kann“, so Lunelli.

Es werde natürlich Auswirkungen auf die Lieferkette geben. „Aber ich bin sehr optimistisch für die langfristige Entwicklung sowohl der Luxusbranche als auch für den Tourismus, die beide für Italien trotz der negativen Folgen durch den Virus außerordentlich gut sind“, erklärt der Altagamma-Chef.

Chinesen werden in Italien angefeindet

Die Regierung hat inzwischen reagiert und bei einem Krisengipfel entschieden, 300 Millionen Euro über das Institut für Außenhandel ICE bereitzustellen, „um das ‚Made in Italy‘ zu unterstützen“, so Außenminister Luigi Di Maio. Er setzt außerdem auf Diversifizierung: „Wir müssen vorausschauen und unser Engagement verstärken in Europa, den USA, Indien, Mexiko, Japan und in den Golfstaaten, vor allem in den Vereinigten Arabischen Emiraten.“ Angesichts der Unsicherheit sei der Moment gekommen, auf reife Märkte zu setzen. 

In Italien gab es nur wenige Fälle von Ansteckung. Ein italienischer Student, der sich in Wuhan angesteckt hatte, wird in einer römischen Spezialklinik behandelt. Wie auch ein älteres chinesisches Ehepaar, das seit Tagen auf der Intensivstation ist. Die anderen Mitglieder ihrer Reisegruppe wurden nach einer zweiwöchigen Quarantäne vor ein paar Tagen entlassen.

Und nicht nur am Tag ihrer Entlassung zeigte sich eine weitere negative Folge des Corona-Virus: die ausländerfeindlichen Reaktionen. Kein Taxifahrer wollte die Chinesen vom Krankenhaus wegbringen, kein Hotel sie aufnehmen. Inzwischen sind sie zurück in China. Aber die Anfeindungen häufen sich. Neben einem Shitstorm gegen China in den Sozialen Netzwerken sind die Chinarestaurants leer, der Zettel „Keine Chinesen“ klebt auf mehr als einer Bar in Rom.

„Unter den Chinesen in Italien steigt die Panik, sie fürchten um ihre Sicherheit“, heißt es in einer offiziellen Mitteilung der Botschaft in Rom. Es habe Aggressionen nicht gegen Touristen, sondern gegen in Italien lebende Chinesen gegeben. „Beleidigungen und Drohungen sind nicht tolerierbar.“

Daraufhin ging Bürgermeisterin Virginia Raggi demonstrativ zum Essen in ein Restaurant im römischen „Chinatown“, dem Viertel Esquilino. Und Staatspräsident Sergio Mattarella besuchte im gleichen Viertel eine Schule, in die sehr viele chinesische Kinder gehen. Das Video des Besuchs wurde in China viel geklickt.