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Coronakrise lässt bei der Deutschen Börse die Kasse klingeln

Der Konzern profitiert von den Markturbulenzen, allerdings nur kurzfristig. Für Unruhe sorgen Nebenjobs von Vorstandschef Weimer. Wie lange bleibt er noch an Bord?

Offenbar hatte Theodor Weimer eine Vorahnung. „Wenn es an den Märkten hoch hergeht, dann steigen unsere Umsätze“, sagte der Vorstandschef Anfang Februar beim Neujahresempfang der Deutschen Börse. „Das differenziert uns.“ Wer seine Aktieninvestments absichern wolle, der müsse beim hessischen Unternehmen einsteigen: „Die Deutsche-Börse-Aktie ist ein perfekter Hedge.“

Wenige Woche später griff die Coronakrise um sich – und Weimers Vorhersage bewahrheitete sich. Die Aktienkurse brachen weltweit zunächst kräftig ein, bevor sie sich wieder etwas erholten. Das Handelsvolumen war dabei deutlich höher als in normalen Zeiten – und bei der Börse klingelten deshalb die Kassen.

Im ersten Quartal stieg der bereinigte Gewinn um ein Drittel auf 387 Millionen Euro. Besonders gut lief es bei der Derivatebörse Eurex, der wichtigsten Sparte des Konzerns: Hier schoss der bereinigte Betriebsgewinn um 42 Prozent nach oben auf 263 Millionen Euro. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Börse zu den wenigen Dax-Konzernen gehört, deren Aktie seit Jahresanfang zugelegt hat.

Weimer geht davon aus, dass die Unsicherheit anhalten und auch im weiteren Jahresverlauf zu erhöhten Ausschlägen an den Märkten führen wird. Doch er warnt auch, dass die Krise zeitversetzt Belastungen mit sich bringen wird. Das hat vor allem damit zu tun, dass Notenbanken weltweit als Reaktion auf die Pandemie ihre Geldpolitik gelockert haben. Die Fed in den USA senkte die Leitzinsen auf null bis 0,25 Prozent.

Das hat zur Folge, dass Clearstream, die Wertpapierverwahrtochter der Börse, mit den Bargeldeinlagen ihrer Kunden künftig deutlich weniger verdienen wird. Und dabei geht es um signifikante Beträge: Im März belief sich das Bargeldguthaben im Schnitt auf 24 Milliarden Euro, etwa die Hälfte davon basierten auf Dollar.

Um die negativen Effekte abzufedern, hat die Börse nach Euro-Einlagen nun auch ein Bearbeitungsentgelt für Dollar eingeführt. Dennoch geht Finanzchef Gregor Pottmeyer davon aus, dass die Zinserträge bei Clearstream pro Quartal künftig nur noch 15 bis 20 Millionen Euro betragen werden – im Vergleich zu 48 Millionen Euro im ersten Quartal.

Dass die Zinsen in der Euro-Zone nach der Coronakrise noch für lange Zeit niedrig bleiben werden, könnte mittelfristig auch der Derivatebörse Eurex zusetzen. Analysten gehen davon aus, dass der Handel mit Zinsderivaten in Europa in den nächsten Jahren schwächeln wird, da Firmen und Investoren aufgrund der dauerhaft niedrigen Zinsen weniger Bedarf haben, Zinsrisiken abzusichern.

Wegen des absehbaren Gegenwinds hat die Deutsche Börse trotz eines sehr starken Auftaktquartals davon abgesehen, ihre Prognose für 2020 anzuheben. Sie geht weiter von einem Anstieg des bereinigten Konzerngewinns um rund 8,5 Prozent auf 1,20 Milliarden Euro aus. Das Unternehmen bliebe damit hinter den Zuwächsen des vergangenen Jahres zurück, als das Ergebnis um zehn Prozent auf 1,11 Milliarden Euro kletterte. 2018 belief sich das Gewinnplus sogar auf satte 17 Prozent.

Londoner Börse zieht vorbei

Die Zahlen untermauern, dass die Börse mit Wachstum aus eigener Kraft an ihre Grenzen stößt. Um im Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten nicht den Anschluss zu verlieren, hat Weimer bereits 2018 größere Deals in Aussicht gestellt, „die uns weiter nach vorne bringen“. Doch bisher fällt seine Bilanz beim Thema Zukäufe durchwachsen aus.

Um das Index-Geschäft zu stärken, hat die Deutsche Börse für 850 Millionen Dollar den US-Konzern Axioma gekauft. Zudem übernahm sie 51 Prozent an der Fondsvertriebsplattform der Schweizer Großbank UBS – mit der Option, sich die verbliebenen 49 Prozent in zwei Jahren auch noch einzuverleiben. Milliardenschwere Übernahmen sind Weimer bisher jedoch nicht gelungen. Der Versuch, dem Finanzdatenanbieter Refinitiv dessen Devisenhandelsplattformen FXall und FX Matching abzukaufen, scheiterte, weil der Konkurrent London Stock Exchange (LSE) Refinitiv stattdessen als Ganzes übernimmt.

Ein bitterer Nebeneffekt für die Frankfurter: Die LSE ist dank des Deals nun 31,7 Milliarden Euro wert und damit im Ranking der wertvollsten Handelsplätze an der Deutschen Börse (28,1 Milliarden Euro) vorbeigezogen. Die großen US-Börsen ICE und CME spielen mit einer Marktkapitalisierung von 47,1 beziehungsweise 39,4 Milliarden Euro ohnehin in einer anderen Liga. Weimer, der viele Jahre als Investmentbanker für Goldman Sachs gearbeitet hat, ärgert diese Entwicklung. „Wenn wir nicht weiter wachsen, werden wir durchgereicht“, warnt er.

Für Zukäufe hat die Börse aktuell rund zwei Milliarden Euro zur Verfügung, weil sich ihre Verschuldung in den letzten vier Jahren mehr als halbiert hat. 2019 sank das Verhältnis von Nettoschulden zum Betriebsgewinn (Ebitda) auf 1,0. Zudem könnte das Unternehmen bei Übernahmen eigene Aktien einsetzen oder eine Kapitalerhöhung stemmen.

Doch angesichts der Coronakrise ist es unwahrscheinlich, dass es zeitnah zu großen Deals kommt. Die Preise von möglichen Übernahmezielen seien im Zuge der Pandemie zwar gesunken, erklärten Weimer und Pottmeyer im April. Die Börse könne derzeit allerdings nur Kandidaten ins Visier nehmen und vorbereitende Arbeiten erledigen. Eine Buchprüfung vor Ort sei dagegen nicht möglich.

Auch die geplante Verkündung der neuen Strategie „Compass 2023“ verzögert sich wegen der Pandemie. Statt am 28. Mai soll sie nun im vierten Quartal vorgestellt werden, erklärte Weimer in seiner vorab veröffentlichten Rede für die Hauptversammlung am Dienstag. „Zukäufe werden dabei eine wichtige Rolle spielen.“

Zwei potenzielle Weimer-Nachfolger

Wenig erfreulich für die Deutsche Börse ist die Debatte über Weimers Nebenjobs. Der 60-Jährige will in die Aufsichtsräte von Knorr-Bremse und der Deutschen Bank einziehen, was viele Aktionäre kritisch stehen. Die Fondsgesellschaften Deka und Union Investment haben mit deutlichen Worten klargemacht, dass sie eine solche Ämterhäufung ablehnen.

Das Mandat bei der Deutschen Bank wirft zudem die Frage auf, ob Weimer seinen bis Ende 2024 laufenden Vertrag bei der Börse erfüllt. Viele sehen ihn nämlich als Favoriten für die Nachfolge von Paul Achleitner, der für 2022 seinen Rückzug als Chefkontrolleur der Deutschen Bank in Aussicht gestellt hat. Falls Weimer dessen Amt übernimmt, müsste er seinen Chefposten bei der Börse vorzeitig aufgeben.

„Die Deutsche Börse muss mit dieser Unsicherheit nun leben“, sagt Klaus Nieding, der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Für Weimer sei es noch zu früh, um sich festzulegen, ob er 2022 Achleitner-Nachfolger werden wolle. „Das wäre auch der Deutschen Bank gegenüber nicht angemessen.“

Klar sei jedoch schon heute, dass die Deutsche Börse einen Plan B brauche, sagt Nieding. „Falls Weimer 2022 abtritt, erwarte ich vom Aufsichtsrat der Deutschen Börse, dass er sich frühzeitig um einen adäquaten Nachfolger kümmert.“

Innerhalb der Deutschen Börse hätten nach Einschätzung von Insidern Thomas Book und Stephan Leithner gute Chancen auf den Chefposten. Das Eigengewächs Book ist mit 48 Jahren noch relativ jung und leitet die wichtigste Konzernsparte Eurex. Der ehemalige Deutsche-Bank-Vorstand Leithner, der gerade 54 geworden ist, ist für Clearstream und das Indexgeschäft zuständig.

Neben dem Thema Personal dürfte auf der Hauptversammlung auch die jüngste Panne zur Sprache kommen. Wegen eines technischen Problems beim elektronischen Handelssystem T7 stand in Deutschland am 14. April ein Großteil des Handels für mehr als vier Stunden still. Es war der längste Ausfall seit Jahren.

Einem Unternehmen wie der Deutschen Börse dürfe eine solche Panne nicht passieren, schimpft Nieding. „Das ist unprofessionell und muss transparent und kritisch aufgearbeitet werden.“ Anlegern empfiehlt er zu prüfen, ob sie Schadensersatzsprüche geltend machen können, wenn sie wegen des Handelsausfalls Wertpapiere nicht verkaufen konnten.

Kritik gibt es auch am neuen Vergütungssystem der Deutschen Börse. Die Fondsgesellschaften DWS und Union Investment wollen es auf der Hauptversammlung ablehnen. „Es sind zwar gewisse Verbesserungen erkennbar, aber Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind für uns noch nicht ausreichend“, sagte Alexandra Annecke von Union Investment dem Handelsblatt.

Auch die Stimmrechtsberater Glass Lewis und Ivox empfehlen Investoren ein negatives Votum. Die Ziele, von denen die Bonuszahlungen für den Vorstand abhängen, sind aus ihrer Sicht nicht ambitioniert genug. Der einflussreichste Stimmrechtsberater ISS plädiert dagegen für eine Billigung des Vergütungssystems.

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