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Corona wirkt bei Thyssenkrupp wie ein Brandbeschleuniger

·Lesedauer: 6 Min.

Bei Thyssenkrupp beschleunigt die Pandemie unausweichliche Entwicklungen. Aus eigener Kraft kann der Stahl nicht überleben. Chefin Martina Merz muss weiter sparen und Stellen streichen. Doch das wird nicht reichen.

Thyssenkrupp-Vorstandsvorsitzende Martina Merz muss weiter sparen. Die Stahlsparte des Essener Industriekonzerns steckt tief in den roten Zahlen.  Foto: Jonas Güttler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa
Thyssenkrupp-Vorstandsvorsitzende Martina Merz muss weiter sparen. Die Stahlsparte des Essener Industriekonzerns steckt tief in den roten Zahlen. Foto: Jonas Güttler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Es ist ein schwarzer Tag für die Stahlkocher im Ruhrgebiet. Der letzte Bieter für das zum Verkauf stehende Grobblechwerk von Thyssenkrupp in Duisburg-Hüttenheim ist abgesprungen. „Die Corona-Situation hat dem Verkaufsprozess, der mit großer Sorgfalt geführt wurde, das Genick gebrochen“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der Gewerkschaft IG Metall in Nordrhein-Westfalen.

Die Chancen, eine Schließung des Werkes bis Ende 2021 noch abzuwenden, sind praktisch auf Null gesunken. In dem Werk im Duisburger Süden werden Stahlbleche unter anderem für die Bauindustrie, den Schiffbau oder für Pipelines hergestellt. Rund 800 Mitarbeiter verlieren dort ihren Job. Sie sollen an anderen Stahlstandorten einen neuen Arbeitsplatz bekommen.

„Ein staatliches Eingreifen erscheint unausweichlich“

Doch ob sie dort unterschlüpfen können, ist mehr als fraglich. Die Folgen der Coronakrise wirken wie ein Brandbeschleuniger auf das schon vor der Pandemie tief in der Krise steckende Essener Traditionsunternehmen. An diesem Donnerstag legt Konzernchefin Martina Merz das Jahresergebnis für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Es ist ein weiterer rabenschwarzer Tag für Thyssenkrupp. Der Konzern rutschte tief in die roten Zahlen. Das Stahlgeschäft steuerte mit einem Verlust von fast 1 Milliarde Euro den größten Teil zum Minus bei. Dazu musste der Konzern bis zum Geschäftsjahresende insgesamt rund 3 Milliarden Euro auf das Stahl- sowie das Automobilzuliefergeschäft abschreiben - im fortgeführten Geschäft verbuchte der Konzern damit einen Nettoverlust von 5,5 Milliarden Euro, nach einem Minus von knapp 1,2 Milliarden im Vorjahr. Daher sollen nun zusätzlich 5000 Arbeitsplätze in den kommenden drei Jahren wegfallen, auch betriebsbedingte Kündigungen seien nicht ausgeschlossen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Schon im Sommer hatte Top-Managerin Merz, die erst im Oktober 2019 die Führung des Unternehmens übernommen hatte, angekündigt, der Konzern werde im Geschäftsjahr 2019/2020 fünf bis sechs Milliarden Euro verbrennen. Vor wenigen Tagen legte Merz nach und sprach im Gespräch mit der FAZ unverblümt von „einem fürchterlichen cash flow im abgelaufenen Geschäftsjahr.“

Im Frühjahr hatte Merz noch einen „Zukunftspakt Stahl“ mit den Arbeitnehmervertretern verabschiedet. Von Zukunft ist inzwischen keine Spur mehr. Merz wird weiter sparen und Jobs streichen müssen. Zum Überleben bleibt ihr für das Stahlgeschäft kurzfristig nur noch eine Option: Hilfe vom Staat. „Die Zeit läuft Thyssenkrupp davon“, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment. „Es muss dringend eine Stabilisierung der Finanzkennzahlen erfolgen“. Bloß wie und womit? Finanzspezialist Speich sieht nur noch einen Ausweg: „Ein staatliches Eingreifen in die Stahlsparte erscheint unausweichlich.“

Seit Monaten laufen zwischen IG-Metall, Unternehmen, dem Land NRW und dem Bund Gespräche über eine staatliche Hilfe. Merz hatte vor wenigen Tagen bestätigt, dass sie Gespräche über staatliche Unterstützung mit der Bundesregierung unter der Beteiligung der NRW-Landesregierung führe. Aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds habe Thyssenkrupp aber bisher noch keine Hilfen beantragt. Den Fonds (WSF) hatte der Bund in der Coronakrise geschaffen. Bisher sind fünf anderen Unternehmen aus diesem Fonds Hilfsanträge bewilligt worden – insgesamt im Volumen von 6,58 Milliarden Euro.

Bei Thyssenkrupp prüfe der Bund noch, ob der Fonds eine Option sein könnte, sagt NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Es gebe unterschiedliche Strategien, ob es um das ganze Unternehmen oder einen Teilbereich gehe. Der Stahl könnte von Thyssenkrupp abgespalten werden und dann unter den Hilfsfonds gestellt werden, so Pinkwart. Entschieden sei das aber noch nicht. Finanz- und Wirtschaftsminister des Bundes prüften das.

Thyssenkrupp-Chefin Merz hat für ihre schwächelnde Stahlsparte ein Übernahmeangebot des britischen Konkurrenten Liberty Steel vorliegen. Die IG Metall lehnt diese Offerte strikt ab. Sie befürchtet eine Zerschlagung des Kernbereichs von Thyssenkrupp und einen deutlichen Arbeitsplatzabbau. Ohne die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter kann Merz einen Komplettverkauf kaum durchdrücken.


Ein Lichtblick ist die Produktion von grünem Stahl

Die Gewerkschafter fordern einen Einstieg des Staates beim größten deutschen Stahlkocher Thyssenkrupp Steel Europe. Noch vor Weihnachten soll der Bund rund 25 Prozent der Aktien des Industriekonzerns übernehmen. Diese Forderung der Gewerkschaft IG-Metall nach einer direkten Beteiligung des Staates an Thyssenkrupp Steel stößt wiederum weder in Nordrhein-Westfalen noch im Bund auf Gegenliebe. Ein Antrag der oppositionellen SPD-Fraktion, dass sich das Land NRW mit mindestens 25 Prozent am Stahlgeschäft von Thyssenkrupp beteiligen soll, scheiterte im Düsseldorfer Landtag.

Konzernchefin Merz läuft die Zeit davon. Andere mögliche Partner für das Stahlgeschäft des Essener Industriekonzerns haben inzwischen offenbar eigene Pläne. Der schwedische Stahlhersteller SSAB verhandelt mit Tata über die Übernahme deren Werkes in den Niederlanden. Drei Jahre hatte der frühere Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger mit Tata über eine Gemeinschaftsunternehmen verhandelt. Die geplante Fusion war im vergangenen Jahr am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. Seine Nachfolgerin Merz hatte erneute Verhandlungen mit Tata über eine Zusammenarbeit als eine Option genannt. Doch daraus wird wohl nichts.

Ein Lichtblick ist die Produktion von grünem Stahl für Thyssenkrupp. „CO2-freier Stahl gehört die Zukunft“, sagt Henrik Pontzen, Leiter Nachhaltigkeit im Portfoliomanagement von Union Investment. Sollte es Thyssenkrupp mit staatlicher Unterstützung gelingen, bei der Wasserstofftechnologie eine Führungsposition zu erreichen, wäre das ein Weg in eine bessere Zukunft, sagt Pontzen. Doch auch dieser Weg ist nicht einfach. „Thyssenkrupp hat aktuell in dieser Zukunftstechnologie den Anschluss an den Wettbewerb verloren“, meint Pontzen. Die Essener hätten bisher noch nicht substanziell in die Wasserstofftechnologie investiert. Wie auch, wenn das Kapital dafür fehlt.

Wettbewerber schafften dagegen schon Tatsachen, sagt Pontzen. So baue Salzgitter seit 2019 in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für 50 Millionen Euro an einem Projekt für klimaneutrale Stahlproduktion – mit sieben Windräder für die Produktion von Grünstrom hinter dem Hüttenwerk in Salzgitter. Der Ökostrom wird für die Produktion von Wasserstoff gebraucht. Auch Konkurrent SSAB aus Schweden hat bereits einen dreistelligen Millionenbetrag in ein erstes Testprojekt für die klimaneutrale Produktion von Stahl gesteckt. Thyssenkrupp plant, ab 2025 den ersten Wasserstoff vom Energiekonzern RWE für seine Werke in Duisburg zu beziehen.

Ein Politikum ist die Zukunft des Traditionskonzerns längst. SPD-Bundesparteichef Norbert Walter-Borjans dringt weiter auf einen Einstieg des Landes NRW bei Stahlsparte von Thyssenkrupp. „Bei der Sicherung von Thyssenkrupp als deutscher Stahlproduzent geht es um weit mehr als das Schicksal eines Traditionsunternehmens“, sagt der SPD-Politiker. Es gehe um die weltweite Führungsrolle des Industriestandorts Deutschland an der Produktion von grünem Stahl und der gesamten damit verbundenen Wasserstofftechnologie. Hier müsse auch NRW seinen Beitrag leisten.

Mehr zum Thema: Ein ehemaliger Top-Manager von Thyssenkrupp soll für Liberty Steel die Übernahme der Stahlsparte organisieren. Bei seinen ehemaligen Kollegen hält sich die Freude darüber in Grenzen.