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Corona treibt die Studienkredite

Studenten nehmen mehr Darlehen auf, weil Jobs weg sind oder Eltern weniger zahlen können. Die KfW meldet für Mai eine Verdreifachung der Interessenten.

Mache Finanzierungsquelle für das Studium ist in der Corona-Krise versiegt. Foto: dpa

Eigentlich ist der Markt für Studienkredite seit Jahren rückläufig. Wegen der guten Konjunktur hatte sich die Zahl der neu abgeschlossenen Studienkredite seit 2014 von 60.000 auf 33.000 im vergangenen Jahr nahezu halbiert.

„Nebenjobs und familiäre Unterstützung sind mittlerweile die eigentlichen Eckpfeiler der Studienfinanzierung“, berichtet der Kreditexperte des CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Ulrich Müller. „Deshalb trifft ein Corona-bedingter Konjunktureinbruch Studierende nun doppelt hart, weil sowohl der Nebenjob als auch die Unterstützung der Eltern wegzubrechen droht.“ 

Prompt ist die Nachfrage nach Studienkrediten wieder gestiegen, zeigt der neue Studienkredittest des CHE unter 51 Anbietern, der dem Handelsblatt vorliegt. Vor allem der Marktführer, die staatseigene KfW, meldet für Mai eine Verdreifachung der Interessenten.

Auch in den kommenden Monaten erwarte man „eine anhaltend höhere Nachfrage“. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass der Bund den KfW-Kredit für ein Jahr zinsfrei gestellt und ihn zudem für ausländische Studenten geöffnet hat.

Insgesamt zehn weitere Anbieter melden jedoch ebenfalls ein deutlich gestiegenes Interesse der Studenten an einem Kredit. Dazu zählen etwa der zweite staatliche Anbieter, das Bundesverwaltungsamt, die Kuhlmann-Stiftung und die Deutsche Bildung. Das Studentenwerk Mannheim gibt ein Plus von 20 Prozent an. 

Diese spielen jedoch nur eine Nebenrolle, denn der Markt wird fast völlig von der KfW dominiert, sie vergibt vier von fünf Studentenkrediten. CHE-Analyst Müller sieht die gestiegene Nachfrage nach dem KfW-Angebot denn auch ausgesprochen kritisch: „Das als staatlich wahrgenommene Produkt hat im Lauf der Zeit nahezu alle ernsthaften Konkurrenzangebote verdrängt, ist aber selber nicht optimal – weder für alle passend noch rundum attraktiv.“ 

Kein attraktiver Zinssatz

Und Müller setzt noch einen drauf: „Man könnte ketzerisch sagen: Man weiß nicht genau, ob die Bundesregierung mit den Maßnahmen jetzt eher notleidenden Studierenden oder dem KfW-Studienkredit wieder auf die Beine hilft.“

Denn mittelfristig seien die Studenten nicht gut bedient: „Man lockt sie in der aktuellen Notlage mit einem Null-Prozent-Zins. Das erscheint auf den ersten Blick großzügig, aber bei näherem Hinsehen ähnelt das eher einem Lockvogelangebot.“ Denn ab April 2021 gilt dann wieder der übliche, „nicht gerade attraktive Zinssatz“, der mit zuletzt effektiv 4,36 Prozent der höchste aller Anbieter war. 

Zudem trage die Bundesregierung nach einer Modellrechnung des Bildungsministeriums durch den Nullzins pro Studienkredit nur knapp 50 Euro – die Studierenden dagegen Zinslasten in vierstelliger Höhe. „Dieser Ansatz hilft Studierenden nicht wirklich substanziell“, so Müller. 

Ähnlich klingt das bei der Opposition im Bundestag: „Statt gezielt und schnell das Bafög vorübergehend zu öffnen, nutzt die Bundesregierung die pandemiebedingte Notlage der Studierenden aus, um ihnen den Ladenhüter KfW-Studienkredit anzudrehen“, sagt der grüne Hochschulexperte Kai Gehring. Der großspurig verkündete Nullzins „lockt Studenten in eine Schuldenfalle“. 

Nicht umsonst mahnten Verbraucherschützer zur Vorsicht: „Die Rückzahlung der Schulden beginnt inmitten der Rushhour des Lebens, wenn für Familiengründung und Wohnen jeder Cent benötigt wird. Studierende selbst wollen keine Kredite, sondern Hilfe ohne Verschuldungsrisiko, wie der Ansturm auf die Überbrückungshilfe zeigt.“

Für diese staatliche Nothilfe sind nach Angaben des Deutschen Studentenwerks bis jetzt bereits 58.000 Anträge eingegangen. Würden alle bewilligt, käme eine Summe von 24,5 Millionen Euro zusammen. Insgesamt stehen für die Monate Juni, Juli und August 100 Millionen Euro Überbrückungshilfe vom Bund zur Verfügung. 

Auch der Hochschulexperte der FDP, Jens Brandenburg, meint: „Die KfW bietet einen halbherzigen Neukundenrabatt, aber keine nachhaltige Studienfinanzierung. Die Zinsfreiheit ist eine Mogelpackung: Wie soll denn ein Student, der in der Krise den Nebenjob verloren hat, schon im Winter wieder einen Kredit zurückzahlen?“ CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek „hätte besser das Bafög-Volldarlehen für alle Studierenden öffnen sollen, die ihren Nebenjob verloren haben“. 

Kritik an Konditionen

Neben dem Zinssatz kritisiert das CHE erneut die Konditionen des staatlichen KfW-Kredits: Ein Auslandsstudium wird nicht gefördert, Auslandssemester nur, wenn man parallel in Deutschland eingeschrieben bleibt. Die Zinsen werden in der Auszahlungsphase nicht gestundet, der Auszahlungsbetrag minimiert sich also jeden Monat weiter.

Die maximale Auszahlungssumme von 650 Euro pro Monat sei in manchen Städten schlicht zu niedrig. Zudem sind Sonderzahlungen, etwa für einen Laptop, ebenso wenig möglich wie die Finanzierung von Studiengebühren. 

Nach dem CHE-Test gibt es durchaus attraktive Alternativen: beispielsweise die des Anbieters Deutsche Bildung, die der Studierendenwerke NRW oder am Ende des Studiums die des kleinen staatlichen Anbieters Bundesverwaltungsamt (siehe Grafik).

Interessenten sollten jedoch immer den Einzelfall prüfen und mehrere Angebote einholen. Auf niedrigem Niveau konnten zwei der KfW-Konkurrenten 2019 auch Boden gutmachen: Sowohl BrainCapital als auch Chancen eG konnten ihre Absatzzahlen deutlich steigern. 

Unterm Strich bilden Studienkredite aber noch immer eine tragende Säule der Finanzierung: Die Gesamtsumme sank zwar von 600 auf aktuell rund 473 Millionen Euro. Die Zahl der Nutzer, die im Schnitt monatlich 530 Euro erhalten, beträgt jedoch rund 74.000. Das sind weit mehr als von Deutschlandstipendium und Begabtenförderwerken zusammen. 

Die aktuelle Notlage vieler Studenten geht auch auf das Konto der unflexiblen Förderung, meint das CHE. Die verwirrend vielen Angebote – Kredit, Begabtenförderwerke, Bafög, Deutschlandstipendium und Aufstiegsstipendium – sollten in einer Bundesstudienförderung zusammenlaufen. „Gerne darf der Bund da dauerhaft den Zinssatz drücken“, empfiehlt Müller.