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Corona-Spätfolgen könnten Europas Banken erheblich treffen

·Lesedauer: 7 Min.

Bislang haben die europäischen Geldhäuser die Coronakrise halbwegs gut überstanden. Doch die Pandemie verschärft den Strukturwandel, und die schlimmsten Schäden könnten noch kommen.

Es ist eine erste Schadensbilanz, wenn auch nur eine vorläufige. Die Beratung Bearingpoint hat in einer groß angelegten Studie 86 Halbjahresbilanzen der europäischen Banken untersucht, um herauszufinden, wie hart die Coronakrise die Branche getroffen hat, und welche Folgeschäden für die Geldhäuser zu befürchten sind.

Die gute Nachricht in dieser Situation lautet: Noch stehen Europas Banken „stabil in einem herausfordernden Marktumfeld da“, wie es in der Studie heißt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Ende des zweiten Quartals 2020 hatten 36 der größten europäischen Banken rund 317 Milliarden Euro an notleidenden Krediten in ihren Bilanzen. Das ist zwar deutlich mehr als noch vor zwölf Monaten, aber auch klar weniger als die 444 Milliarden Euro 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass sich die endgültigen Folgen der Coronakrise noch nicht abschätzen lassen, weil die Banken derzeit durch regulatorische Erleichterungen und staatliche Hilfen für Gesamtwirtschaft und Unternehmen erheblich entlastet werden.

Die Schäden könnten nur aufgeschoben sein, fürchten die Berater von Bearingpoint: „Negative Effekte durch steigende Insolvenzen von Unternehmen und Privathaushalten könnten sich in die Zukunft verschieben, wenn die staatlichen Überbrückungsmaßnahmen ausgelaufen sind und dann zur Belastung für die langfristige Erholung werden.“

Die Pandemie erwischt Europas Geldhäuser in einer ohnehin schwierigen Phase. Margen und Gewinne standen bereits vor Ausbruch der Pandemie unter Dauerdruck, Corona verschärft die Lage mitten im Strukturwandel jetzt noch einmal. Das gilt vor allem für die deutschen Banken, die dem europäischen Durchschnitt deutlich hinterherhinken.

Erhebliche Belastungen erwartet

Die Furcht vor späteren Folgen der Coronakrise treibt auch die Aufseher um: In ihrem kürzlich veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die Bundesbank, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in der ersten Hälfte des kommenden Jahres auf bis 6000 pro Quartal steigen könnte. Das wären 20 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Wegen der temporären Aufhebung der Insolvenzmeldepflicht sei es für die Banken im Moment schwierig, die tatsächlichen Risiken abzuschätzen, warnt Thomas Steiner, globaler Leiter Banking & Capital Markets bei Bearingpoint. Die Geldhäuser befänden sich „beinahe im Blindflug“.

Die Berater gehen davon aus, dass im weiteren Verlauf der Krise eine Verschärfung der Probleme in der Realwirtschaft zu einer weiteren erheblichen Belastung von Profitabilität und Stabilität der Institute führen wird. Eine ausgewachsene Bankenkrise erwartet Steiner trotz dieser Unwägbarkeiten zwar nicht, aber einzelne Institute könnten hart getroffen werden.

Die Ratingagenturen befürchten ebenfalls, dass die staatlichen Hilfsmaßnahmen das wahre Ausmaß der Pandemiefolgen verschleiern. Die Zwischenergebnisse der Banken hätten „nicht die ganze Geschichte erzählt“, warnt Alexander Birry vom Bonitätswächter Standard & Poor’s. Auch die Bilanzen für das Gesamtjahr 2020 würden noch nicht das wahre Bild der Branche offenbaren.

Aber zumindest ein Teil der Corona-Schäden zeigt sich schon in den Halbjahresbilanzen der europäischen Banken. Im Schnitt ging die Eigenkapitalrendite um 4,4 Prozentpunkte beziehungsweise 70 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2020 zurück. Für Bearingpoint ist das ein „sehr deutliches Zeichen“.

Zwar schwoll die Bilanzsumme der Banken in der Coronakrise deutlich an, durch höhere Kreditvergabe und weil sich die Geldhäuser mit billiger Liquidität der Notenbanken vollgesaugt haben – für den Einbruch der Rentabilität sind aber vor allem die schrumpfenden Gewinne verantwortlich. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum brach der Vorsteuergewinn im Schnitt im ersten Halbjahr um 68 Prozent ein.

Besonders groß war der Druck auf die Ergebnisse in den Ländern, die die Covid-19-Pandemie hart getroffen hat. Bearingpoint sieht die Coronakrise als „negativen Katalysator für ohnehin wirtschaftlich angeschlagene Länder wie Spanien oder Italien“. In beiden Regionen fiel die Eigenkapitalrendite der Banken mit minus neun beziehungsweise minus 1,7 Prozent in den negativen Bereich.

Auch die britischen Banken mussten einen Rückgang der Rentabilität von fast 50 Prozent verkraften. In Deutschland sank die Rendite auf nur noch 0,5 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnen die Berater für die gesamte europäische Branche im Schnitt nur noch mit einer Rendite von rund zwei Prozent und für die deutschen Institute mit 1,1 Prozent.

Hinter dem Einbruch der Gewinne steckt vor allem der deutliche Anstieg der Risikovorsorge im Kreditgeschäft, die sich europaweit fast verdreifacht hat. Aber auch hier zeigen sich große regionale Unterschiede. So mussten die deutschen Banken in der Coronakrise viermal so viel Geld für ausfallgefährdete Darlehen zurücklegen wie noch vor einem Jahr.

Auch was die Größe der Geldhäuser angeht, lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen. Die kleineren Banken mussten ihre Risikovorsorge im Schnitt versiebenfachen, bei den mittleren Banken lag der Vergleichswert bei plus 400 Prozent und bei den Großbanken bei plus 200 Prozent.

Die Aufseher treibt die Sorge um, dass diese Entwicklung womöglich erst der Anfang war. „Die Risiken überwiegen derzeit definitiv“, warnte Andrea Enria, der oberste Bankenkontrolleur der Europäischen Zentralbank (EZB) gerade erst auf einer Handelsblatt-Tagung.

In einem Extremszenario könnten die faulen Kredite in den Bankbilanzen laut EZB-Schätzungen auf 1,4 Billionen Euro ansteigen. Das wäre mehr als nach der Finanzkrise 2008. Auch Raimund Röseler, Chef-Bankenaufseher bei der deutschen Bafin, geht davon aus, dass die Coronakrise für die Geldhäuser „schmerzhafte Folgen“ haben wird. „Die Mehrheit der Banken ist noch entspannt“, meint Röseler. Er teile diesen Optimismus jedoch nicht.

Schwieriger Strukturwandel

Die Pandemie macht den Strukturwandel für die Banken noch schwieriger. Die Branche „stand bereits vor der Krise deutlich unter Druck“, heißt es in der Studie. Und: „Trotz guter, wenn auch leicht abgekühlter, konjunktureller Rahmenbedingungen ist es vielen Banken nicht gelungen, eine nachhaltige Strategie gegen die erdrückende Kombination aus Negativzinsen, anhaltend steigendem Wettbewerbsdruck von Fintechs und veränderten Kundenbedürfnissen zu entwickeln.“

Das Verhältnis von Kosten zu Erträgen, ein wichtiges Maß für die Effizienz einer Bank, zeigt das Ausmaß der Probleme. Zwischen 2013 und 2019 hat sich die Cost Income Ratio (CIR) der europäischen Banken nur leicht von 65 Prozent auf 63 Prozent verbessert, im ersten Halbjahr ist sie jetzt wieder auf 64 Prozent gestiegen. Insbesondere die italienischen Banken wurden binnen eines halben Jahres aufgrund von Verlusten an den Kapitalmärkten wieder auf das Niveau von 2016 zurückgeworfen.

„Die Banken können sich nicht gesundsparen, sie müssen gleichzeitig in effizientere und nachhaltigere Geschäftsmodelle investieren“, meint Bearingpoint-Partner Frank Hofele. Das zeige die gegenläufige Entwicklung zwischen den Instituten in den Beneluxstaaten und Deutschland auf der einen Seite und den skandinavischen Geldhäusern auf der anderen.
Obwohl die Banken in Benelux und Deutschland von 2016 bis 2019 ihre IT- und Sachkosten um sieben bis 15 Prozent gesenkt haben, hat sich deren CIR verschlechtert. „In diesen Regionen zeigen die breit aufgesetzten Sparprogramme bisher eher gegensätzliche Wirkung“, heißt es in der Studie.

Dagegen hätten die skandinavischen Banken früh und konsequent reagiert und ihren Wettbewerbsvorsprung durch massive Investitionen in die Modernisierung von Prozessen und Systemen ausgebaut. Diese Investitionen zahlten sich offenbar aus: Zwar erhöhten sich die IT- und Sachkosten von 2016 bis 2019 um zwölf Prozent, und auch die Personalkisten stiegen um sieben Prozent.

Gleichzeitig erreichen die Skandinavier aber eine CIR von rund 53 Prozent, deutlich unter dem von Bearingpoint als kritisch angesehenen Wert von 55 Prozent. Diese Marke unterschritt im Mittel der vergangenen vier Jahre lediglich ein Viertel der europäischen Banken. Besonders stark fallen die deutschen Geldhäuser ab mit einem aktuellen Wert von 77 Prozent.

„Die deutschen Banken schneiden schlechter ab als der europäische Durchschnitt, wenn es um nachhaltige Geschäftsmodelle geht, und sie erzielen im Vergleich zur europäischen Konkurrenz weniger Ertrag und Ergebnis je Kunde“, erläutert Hofele. Der Rückstand ist enorm: Die heimischen Institute müssten ihre Erträge um fünf Prozent steigern und ihre Kosten um 20 Prozent senken, um an den Durchschnitt heranzukommen, rechnet der Berater vor.

Eine Therapieempfehlung: Die Banken sollten von der Automobilindustrie lernen, schlägt Hofele vor. Dazu müssten die Geldhäuser dringend ihre Geschäftsmodelle straffen und die Fertigungstiefe verringern. Im Vergleich zu den Autobauern mit ihrer effizienten Zulieferindustrie hätten die Banken rund ein Jahrzehnt Rückstand.