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„Corona ist perspektivisch nicht unser Hauptproblem“ – Strukturwandel wird Schlüsselfaktor für Erholung der Industrie

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Deutschlands industrielle Schlüsselbranche arbeitet sich langsam aus dem tiefen Tal nach oben. Ob eine nachhaltige Erholung gelingt, hängt aber nicht nur von der Pandemie ab.

„Corona ist perspektivisch nicht unser Hauptproblem.“ Foto: dpa
„Corona ist perspektivisch nicht unser Hauptproblem.“ Foto: dpa

Die deutsche Metall- und Elektroindustrie hat den Corona-Schock noch nicht überwunden. Neben den Belastungen durch die Pandemie treten aber inzwischen die Schwierigkeiten des Strukturwandels in der industriellen Schlüsselbranche wieder stärker zutage.

Darauf deutet die jüngste Blitzumfrage des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall hin, an der sich vom 28. September bis zum 2. Oktober rund 1800 Mitgliedsunternehmen mit zusammen gut 1,2 Millionen Beschäftigten beteiligt haben.

Demnach leiden noch 31 Prozent der befragten Firmen infolge der Coronakrise unter starken oder sehr starken Produktionseinschränkungen. Bei der letzten Befragung Mitte Juni waren es noch 47 Prozent.

Während im Automobilbau nur noch knapp ein Viertel der Unternehmen über nennenswerte Produktionseinschränkungen klagt, liegen die Werte in der Metallerzeugung und -bearbeitung, im Maschinenbau oder im sonstigen Fahrzeugbau, der unter anderem die Flugzeughersteller umfasst, noch deutlich höher. Am besten ist die Elektroindustrie durch die Coronakrise gekommen.

Waren in der Autoindustrie im Mai noch 88 Prozent der Unternehmen von starken oder sehr starken Produktionseinschränkungen betroffen, so sind es aktuell nur noch 23 Prozent. Im Maschinenbau wurde der Höchststand mit 42 Prozent im Juni verzeichnet, aktuell leiden noch 36 Prozent der Firmen.

Kapazitätsauslastung bereits über dem Krisenniveau von 2009

Zwar ging es in der Produktion seit dem beispiellosen Einbruch im April zunächst stetig aufwärts, der August brachte jetzt aber wieder einen leichten Dämpfer. Sollte es konjunkturell zu einer raschen, V-förmigen Erholung kommen, wird das Vorkrisenniveau bei der Produktion bereits Mitte kommenden Jahres wieder erreicht, erwartet der Verband.

Bei einem eher gedämpften Wachstum, analog zu der Zeit nach der Finanzkrise, wird es dagegen frühestens Ende 2021 so weit sein. Sollte die Metall- und Elektroindustrie dagegen in einen „Teufelskreis aus Coronakrise und Strukturwandel“ geraten, könnte sich die nachhaltige Erholung der Produktion auch bis Mitte des Jahrzehnts hinziehen.

Die Kapazitätsauslastung in der Metall- und Elektroindustrie liegt inzwischen wieder bei 76 Prozent. Sie ist damit zwar noch weit von den Boomzeiten mit 90 Prozent und mehr entfernt, liegt aber schon wieder deutlich über dem Niveau des Rezessionsjahrs 2009.

Angesichts wieder steigender Infektionszahlen und der Gefahr eines erneuten Lockdowns sind die Unternehmen unsicherer geworden, wie lange sie die Krise noch beschäftigen wird. Rechneten im Juni noch 22 Prozent mit einer Erholung der Produktion auf Vorkrisenniveau bis Mitte 2021, so sind es heute nur noch 18 Prozent.

Jedes zweite Unternehmen traut sich keine Prognose darüber zu, wann es an alte Erfolge anknüpfen kann. Beim Umsatz rechnen die befragten Unternehmen für das laufenden Jahr im Schnitt mit einem Rückgang um 24 Prozent.

Neun Prozent der Unternehmen haben bereits betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen, wobei nicht bekannt ist, wie viele Beschäftigte davon betroffen sind. In Kurzarbeit sind hochgerechnet immer noch rund 900.000 Metaller, das entspricht etwa 23 Prozent der insgesamt noch gut 3,9 Millionen Beschäftigten.

38 Prozent der Unternehmen wollen die Zahl ihrer Beschäftigten im kommenden Jahr verringern, immerhin 14 Prozent aber zusätzliches Personal einstellen.

Strukturwandel technologieoffen angehen

Die Auswirkungen der Pandemie sind also noch deutlich zu spüren. „Corona ist perspektivisch aber nicht unser Hauptproblem“, sagte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander bei der Vorstellung der Daten in Berlin. Wenn es zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung in der Metall- und Elektroindustrie kommen solle, dann müsse jetzt dringend auch der Strukturwandel bewältigt werden, also etwa die Umstellung auf klimafreundliche Antriebe in der Autoindustrie.

Zander sprach sich hier für technologieoffene Lösungen aus, also keine einseitige Förderung der Elektromobilität, sondern beispielsweise auch eine stärkere Hinwendung zu synthetischen Kraftstoffen. Außerdem müsse die Politik zusätzliche Belastungen, etwa durch eine weitere Verschärfung der Klimaziele, vermeiden. Auch die Lohnstückkosten, die in der M+E-Industrie Corona-bedingt im ersten Halbjahr um 12,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen sind, müssten dringend wieder gesenkt werden.

Allerdings scheint derzeit gerade die Autoindustrie besonders rasch aus der Krise zu kommen. So ist die Produktion dort in den Monaten Juli und August saisonbereinigt um fast 50 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal gestiegen. Im Maschinenbau lag das entsprechende Plus nur bei gut fünf Prozent.

Insgesamt haben der Strukturwandel und die Coronakrise in der Metall- und Elektroindustrie seit April vergangenen Jahres rund 136.000 Arbeitsplätze gekostet. Gemessen an der Tiefe des Produktionseinbruchs sei die Beschäftigung aber immer noch relativ stabil, sagte Zander.