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Corona-Pandemie: Tui, Condor und Wizz-Air entdecken die Fracht

Koenen, Jens
·Lesedauer: 5 Min.

Die Nachfrage nach Frachtraum ist groß, die Margen sind hoch – für die taumelnden Fluggesellschaften ist der Warentransport ein hilfreiches Zubrot.

Der Fracht-Airport ist für den Transport des Corona-Impfstoffs vorbereitet. Foto: dpa
Der Fracht-Airport ist für den Transport des Corona-Impfstoffs vorbereitet. Foto: dpa

Für Flugzeugfans dürfte es eine willkommene Abwechslung sein. Seit Ende Dezember sind immer wieder Boeing 787 (Dreamliner) von Tui Airlines Belgium am Flughafen Stuttgart zu beobachten. Nicht nur deren Anwesenheit dort ist ungewöhnlich, auch deren Ladung. Statt mit Passagieren werden die Jets mit Fracht beladen – vor allem Waren des Automobil- und Maschinenbaus.

Der Touristikkonzern Tui hat die Fracht für sich entdeckt. Schon seit mehreren Wochen befördern die Airlines des Unternehmens Waren. Statt der sonst üblichen Urlaubsdomizile steuern die Piloten nun klassische Warenumschlagplätze an. Von Stuttgart aus geht es zum Beispiel nach Detroit in den USA. Da der Touristikkonzern im Kern auf den Vertrieb von Urlaubsreisen spezialisiert ist, nutzt das Unternehmen für die Vermarktung der Frachtkapazitäten einen Broker.

Das Beispiel zeigt: Die Pandemie verschiebt im Luftfahrtgeschäft zunehmend die Grenzen. Die Nachfrage nach Flugreisen ist eingebrochen. Und es wird trotz der nun begonnenen Impfungen wohl noch einige Zeit dauern, bis dieser Markt wieder zurückkehren wird. Deshalb suchen die Airline-Manager nach alternativen Einnahmequellen – und finden diese im Transport von Waren.

Auch die Ferienfluggesellschaft Condor setzt auf Fracht. Schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr nutzte die Fluggesellschaft, die sonst beliebte Urlaubsziele ansteuert, Teile ihrer Flotte zum Transport von Fracht. Das Geschäft führt Condor-Chef Ralf Teckentrup fort. Unter anderem ist vor einigen Tagen eine Boeing 767 der Airline, bei der die Sitze ausgebaut wurden, vollgepackt mit Corona-Test-Kits von Schanghai nach Düsseldorf geflogen.

Die ungarische Billiggesellschaft Wizz Air wird künftig sogar einen lupenreinen Fracht-Jet betreiben. Gekauft hat den zwar der ungarische Staat. Der Airbus 330-200F, der bislang Qatar Airways gehörte, soll dabei helfen, das Land bei der Versorgung unabhängiger zu machen. Das ist eine der Konsequenzen, die die dortige Regierung aus Engpässen zu Beginn der Pandemie gezogen hat.

Wizz Air betreibt einen Frachter

Betrieben wird das Flugzeug allerdings von Wizz Air, auch weil sich die Airline schneller und einfacher als etwa staatliche oder militärische Unternehmen Verkehrsrechte sichern kann. Dafür darf Wizz Air die Kapazität des Frachters selbst vermarkten, sofern diese nicht durch Aufträge des Staates belegt sind.

Bei ihrer Expansion in das für sie neue Tätigkeitsgebiet kommen Fluggesellschaft wie Wizz Air, Condor oder die Airlines von Tui zwar nicht einmal ansatzweise an die Volumina von hochspezialisierten Frachtairlines wie Lufthansa Cargo heran. Aber der Bedarf ist da, die Nische damit vorhanden. Das hilft den Airlines, deren Kerngeschäft mit Passagieren wegen Corona am Boden liegt. Sowohl Tui als auch Condor mussten in der Coronakrise mit Staatshilfe gerettet werden.

Denn das Frachtgeschäft ist lukrativ. Weltweit fehlt es wegen Corona an Ladekapazitäten – zu Wasser, aber auch in der Luft. Rund die Hälfte der Luftfracht wird traditionell in den Bäuchen von Passagierflugzeugen befördert. Da die aber zu einem großen Teil am Boden stehen, fehlt die Möglichkeit der „Beifracht“.

Der Welt-Airlineverband Iata hat kürzlich ausgerechnet, dass im November 2020 rund 20 Prozent weniger Kapazität in der Luftfracht angeboten werden konnte. Und das, obwohl auch in den USA oder anderswo auf der Welt immer mehr Passagier-Airlines reine Frachtflüge durchführen. Gleichzeitig fehlte im November laut Iata aber 53 Prozent der sonst angebotenen Ladekapazität in den Bäuchen von Passagierjets. Die Folge: Die Frachtraten ziehen an – zur Freude jener Airlines, die das Geld gut gebrauchen können.

Gleichzeitig profitieren sie davon, dass den Regierungen rund um den Globus in diesen Tagen immer wieder vor Augen geführt wird, wie wichtig funktionierende Lieferketten sind. Als Frankreich seine Grenze zu Großbritannien wegen einer neuen Corona-Mutation kurz vor Weihnachten schloss, spürten die Briten umgehend, wie der Strom bestimmter Waren versiegte.

Kurzfristig wurden von Logistikfirmen wie DB Schenker Luftfrachtkapazitäten als Ersatz für die sich an der Grenze stauenden Lastwagen organisiert. Tui etwa bekam den Auftrag, mit einem seiner Dreamliner Waren und Corona-Tests von Amsterdam nach Großbritannien zu fliegen.

Die Lufthansa flog am Tag vor Heiligabend 80 Tonnen Obst und Gemüse von Frankfurt zum Flughafen Doncaster Sheffield in Mittelengland. Mit dem Sonderflug sollte sichergestellt werden, dass es in den britischen Supermärkte direkt nach Weihnachten nicht zu einer Knappheit an wichtigen Lebensmitteln kam.

Selbst nach dem nun gefundenen Brexit-Kompromiss gilt es in der Branche als sehr wahrscheinlich, dass es in den ersten Monaten zu Verwerfungen in der Lieferkette von und nach Großbritannien kommen wird. Künftig müssen die Waren zum Beispiel beim Zoll angemeldet werden.

Das dürfte das Luftfrachtgeschäft als ergänzenden Transportweg auch im Jahr 2021 weiter antreiben. Die Logistik-Gruppe Kühne + Nagel arbeitet zum Beispiel schon seit Längerem mit Unternehmen aus der Luftfracht zusammen, um den Warentransport zwischen dem Kontinent und Großbritannien sicherzustellen.

Hinzu kommt die Verteilung des Corona-Impfstoffs – eine echte Mammutaufgabe. Condor, Wizz Air oder die Tui-Airlines haben sich bereits angeboten, hierbei auf der Logistikseite zu unterstützen.

Embraer prüft den Bau eines Frachters

Mittlerweile führt die hohe Nachfrage nach Frachtraum noch an anderer Stelle zu bislang kaum vorstellbaren Überlegungen. So berichtete das Fachmagazin „Air Finance Journal“ vor Kurzem, dass der brasilianische Flugzeugbauer Embraer an einem Frachter arbeitet. Die Idee soll ein Umbauprogramm für Passagierjets vom Typ E190 und E195 sein, die wegen der Coronakrise derzeit gebraucht billig zu bekommen sind. Bestätigt sind diese Informationen bislang allerdings nicht.

Und noch einen Profiteur der Krise gibt es: den Flughafen Leipzig/Halle. Er wird unter anderem von DHL und Amazon genutzt. Während die meisten deutschen Airports wegen der Coronakrise derzeit in einer tiefen Krise stecken, kann sich das Flughafenmanagement in Leipzig über eine starke Nachfrage freuen.

Laut den letzten verfügbaren Zahlen konnte der Airport den Frachtumschlag in den ersten zehn Monaten 2020 um 8,4 Prozent auf über 1,1 Millionen Tonnen steigern. Im Monat Oktober habe man sogar einen neuen Rekordwert verzeichnet, wird berichtet.

Und so wird an den Ausbauplänen am fünfgrößten Luftfrachtdrehkreuz in Europa trotz Corona nicht gerüttelt. Geplant ist eine Erweiterung des Vorfelds, um mehr Platz für die Jets zu schaffen. Das Ziel: Die Zahl der in Leipzig/Halle während der Nacht abgefertigten DHL-Frachtflugzeuge soll von 60 auf 96 Jets steigen. Die Investition: rund 500 Millionen Euro.