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Corona-Notstand verschärft Japans Sushi-Krise

Kölling, Martin
·Lesedauer: 4 Min.

Aufgrund der dritten Infektionswelle verhängt die Regierung erneut strikte Maßnahmen. Besonders betroffen ist die Gastronomie – was sich auf den Thunfisch niederschlägt.

Thunfisch ist nicht nur der Rohstoff für edelstes Sushi, sondern auch das erste Stimmungsbarometer für die japanische Wirtschaft. Der größte Fischmarkt der Welt in Tokio beginnt traditionell jedes Jahr mit einer besonderen Auktion: Ein Händler ersteigert den ersten Blauflossenthun des Jahres zu einem exorbitanten Preisen, um für sein Geschäft zu werben.

Doch der Preis in diesem Jahr zeigt, wie stark den Japanern in der Coronakrise die Feierlaune vergangen ist. Yukitaka Yamaguchi, Chef des Fischgroßhändlers Yamayuki, erstand in dieser Woche für magere 166.000 Euro das 208 Kilogramm schwere Prachtstück, dessen beste fettige Stücke roh genossen auf der Zunge schmelzen.

Das ist zwar noch immer ein Vielfaches des normalen Preises, den die Großhändler für gewöhnlichen Thunfisch bezahlen. Aber Yamaguchi nannte das Ergebnis „vernünftig“. Denn er musste nur einen Bruchteil der Fantasiepreise zahlen, die vor der Pandemie in den letzten Jahren des längsten Aufschwungs der japanischen Geschichte üblich geworden sind.

2019 bot der Chef der bekannten Restaurantkette Sushi Zanmai umgerechnet rund 2,6 Millionen Euro für einen allerdings deutlich größeren Fang. 2020 zahlte Kiyoshi Kimura immer noch 1,5 Millionen Euro für den vermeintlich besten Neujahrsthun und zerlegte ihn dann mit langen Messern fachgerecht eigenhändig vor laufenden TV-Kameras in einem seiner Geschäfte.

Auch dieses Jahr kündigte er an, erneut zuzuschlagen. „Wir wollen unsere Kunden begeistern, indem wir den schmackhaftesten Thunfisch zu günstigen Preisen servieren“, versprach er. Immerhin haben die Japaner den weltweit größten Appetit auf den Fisch. Nach Angaben der Welternährungsorganisation hat das Land vor der Pandemie 90 Prozent des Weltmarkts von frischem und gefrorenem Blauflossenthun kontrolliert.

Doch die Kritik der anderen Großhändler, die ihm Angeberei und Preistreiberei vorwerfen, und wahrscheinlich auch die Coronakrise veranlassten ihn dann offenbar, dem Fischhändler Yamaguchi den Vortritt zu lassen. Und das war wahrscheinlich eine gute Entscheidung. Bei aller Liebe zu Sushi goutieren Japaner es nicht, wenn ein Händler obszöne Preise zahlt, während die Branche leidet.

Durch die Aufforderung der Regierung, Feiern einzuschränken, ist der Markt schon im vergangenen Jahr kollabiert. Selbst der Sushikonzern von Kimura hat plötzlich kein Geld mehr zum Prassen. Im Ende September abgelaufenen Bilanzjahr ist der Umsatz seines Unternehmens Kiyomura, das immerhin 58 Läden führt, um 35 Prozent auf knapp 150 Millionen Euro eingebrochen. Der Gewinn sank sogar um 84 Prozent auf etwa 5,5 Millionen Euro.

Lukratives Nachtgeschäft der Restaurants fällt weg

Und gerade jetzt flammt die Coronakrise erneut auf und droht vor allem das schon geschwächte Gaststättengewerbe erneut in Mitleidenschaft zu ziehen. Bereits am Auktionstag war klar, dass Japans Regierung diese Woche wieder zum zweiten Mal seit dem Frühjahr 2020 den Corona-Notstand ausrufen würde.

Doch dieses Mal konzentrieren sich die Maßnahmen vor allem auf Restaurants im Großraum Tokio mit seinen 38 Millionen Einwohnern, den der Fischmarkt im Stadtteil Toyosu beliefert. Denn Gelage mit Kollegen und private Restaurantbesuche gelten als die schlimmsten Verstärker der dritten Virenwelle.

Am Donnerstag erklärte die Regierung nun die neuen Regeln, die seit Freitag für mindestens einen Monat gelten: Die rund 150.000 Restaurants in Tokio und den benachbarten Präfekturen Chiba, Kanagawa und Saitama werden aufgefordert, um 20 Uhr zu schließen. Danach dürfen sie nur noch Essen ausliefern oder Essen zum Mitnehmen verkaufen.

Der Verzicht aufs feuchtfröhliche wie lukrative Nachtgeschäft, bei dem Gäste gerne zu rohem Thunfisch greifen, könnte für viele Restaurants das Aus bedeuten. Die Lage ist so schlimm, dass einige Barbesitzer bereit sind, gegen amtlichen und sozialen Druck aufzubegehren.

Im Kneipen- und Nachtklubviertel des Stadtteils Shinjuku wollen sich nach einer Umfrage der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ sogar mehr als zehn Prozent der gesetzlich nicht bindenden Aufforderung der Regierung widersetzen und länger öffnen. Doch anders als im ersten Ausnahmezustand werden sie sich dann nicht nur gegen den großen Druck der Nachbarschaft wehren müssen.

Regierungschef Yoshihide Suga will durch eine Gesetzesänderung dem Staat erstmals auch das Recht zugestehen, Verstöße mit Strafgeldern zu ahnden. Denn die Regierung verfolgt ein größeres, nationales Ziel: die Durchführung der verschobenen Olympischen Spiele im Sommer. „Ich bin entschlossen, sichere Olympische Spiele abzuhalten, indem ich alle möglichen Präventivmaßnahmen durchführe“, gelobte Suga am Donnerstag.

Der Fänger des Neujahrsthunfischs, der 65-jährige Minoru Tanaka aus dem nordjapanischen Oma, nahm die Sache mit Humor. Seine Fischereigenossenschaft war zwar nicht in Hochstimmung, weil es dieses Mal keinen Millionenbetrag zu feiern gab. Aber Tanaka witzelte: „Sobald ich die Schulden auf mein Boot abbezahlt und etwas Sake getrunken habe, ist die Feier vorbei.“