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Corona-Krise: Die Märkte stehen am Scheideweg

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Wall Steet: Wohin des Weges nach zwei Monaten Corona-Krise? (AP Photo/Ted Shaffrey)

Der Corona-Crash ist bislang in zwei klaren Wellen verlaufen. Zunächst brachen die Märkte hemmungslos für vier Wochen ein, dann erholten sie sich für vier Wochen bemerkenswert stark. Anleger stehen nun vor der Multi-Billionen-Dollar-Frage: Wie geht es weiter? 

Man kann es eine verpasste Chance nennen. Genau vier Wochen ist es her, als der Himmel einzustürzen schien. Am 23. März notierten die Weltbörsen nach einem Monat des willenlosen Ausverkaufs auf ihren bisherigen Jahrestiefs. In der Spitze hatten Dow Jones und Dax rund 40 Prozent an Wert eingebüßt.

Die Kursverluste waren in ihrem Ausmaß historisch: So massiv hatten die Weltbörsen in gerade einmal vier Wochen noch nie in ihrer Geschichte verloren – weder in der Finanzkrise 2008 noch nach dem Platzen der Internetblase 2000 noch nach dem Schwarzen Montag von 1987. Der Vergleich mit den erdrutschartigen Verlusten der 30er-Jahre und der Großen Depression drängte sich auf.

„Kaufen, wenn die Kanonen donnern“

Vier Wochen später weiß man: Es war eine exzellente Kaufgelegenheit. Die alten Börsenweisheiten, dass “man kaufen sollte, wenn die Kanonen donnern“ oder das viel zitierte „Blut auf der Straße“ fließt, haben sich wieder einmal bewahrheitet – zumindest kurzfristig. 

In dem Moment, in dem die Panik am größten schien, notierten die Kurse auch am tiefsten. Die allerletzte Kapitulation fand zwar nicht statt, trotzdem kannten die Kurse seit vier Wochen nur eine Richtung: steil nach oben. Von den Jahrestiefs legten Dow Jones und Dax praktisch im Gleichschritt 33 bzw. 32 Prozent an Wert zu.  

Größte Krisengewinner: Amazon, Netflix & Co. 

Mit individuellen Aktien konnte man gar Kursgewinne einstreichen, die für Jahre reichen. Zoom, ein Anbieter von Videokonferenzen, hat sich seit Jahresbeginn mal eben verdoppelt. Gleiches trifft fast ebenso für den E-Commerce-Plattform-Anbieter Shopify zu, der vom deutschen CEO Tobias Lücke gegründet und geführt wird und in den vergangenen vier Wochen um 90 Prozent auf neue Allzeithochs zulegte. Mitfahrvermittler Uber hat sich nach einem schweren Absturz ebenfalls mehr als verdoppelt.

Das Gleiche gilt auch für Tesla, der nach seinem Einbruch auf 350 Dollar auf der Überholspur durchgestartet ist und vier Wochen später bei 750 Dollar gleich 115 Prozent höher notiert. Eine solche Chance, in so kurzer Zeit mit dem hoch gewetteten Elektroautobauer dreistellige Kursgewinne einzufahren, werden Aktionäre wohl kein zweites Mal erhalten.

Zu den absoluten Krisengewinnern avancierten unterdessen zwei Aktien aus dem FANG-Komplex: Amazon und Netflix. Beide Internetunternehmen profitieren als Stay-at-Home-Aktien direkt von den Folgen des Lockdowns sowie der zu Hause verbrachten Zeit und notierten in der vergangenen Woche gar mitten in der Krise auf Allzeithochs!     

Coronakrise: „Zerbrechlicher“ Zwischenerfolg

Ist die Coronakrise zwei Monate nach ihrem heftigen Ausbruch in der westlicher Welt damit nun schon wieder Geschichte? Medizinisch kann davon keine Rede sein. Trotzdem scheint sich die westliche Welt in diesen Tagen in einem Wettbewerb zu befinden, wer schneller aus der Phase des Lock- und Shutdowns wieder zur Normalität zurückkehrt.  

Wie schmal der Grat zwischen Eindämmung des Coronavirus und der Gefahr des Wiederausbruchs ist, hat Bundeskanzlerin Merkel vergangene Woche bei ihrer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz klargemacht.

Merkel nannte die erzielten Fortschritte nach den Osterferien „zerbrechlich“. Wenn die aktuell rückläufige Ansteckungsrate allerdings nur um 20 Prozent wieder ansteige, könnte das Gesundheitssystem schon im Juni an seine Grenzen stoßen.  

Sorge vor der zweiten Welle 

Entsprechend befinden sich Politik, Medizin und am Ende auch die Wirtschaft vor der bislang kniffligsten Phase der Coronakrise: Zu schnell und zu viel könnte für ein böses Erwachen im Frühsommer sorgen, eine zögerliche Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität unterdessen die Konjunktur noch weiter beschädigen.        

An der Börse dürfte nach der zuletzt ungewöhnlich ruhigen Handelswoche mit der bislang geringsten Volatilität in der Coronakrise die Nervosität zurückkehren. „Die nächsten 45 Tage könnten zur kritischsten Periode in der Finanzgeschichte der USA werden“, schwant etwa dem Vermögensverwalter Alan B. Lancz Böses

„Um 50 Prozent oder noch stärkerer Einbruch von den Februarhochs zu erwarten“

Die Märkte am Scheideweg sieht auch Godmode-Trader-Gründer Harald Weygand. „Die Erholung im Dax dürfte bald zu Ende gehen“, warnte Weygand bereits vergangene Woche. Bei der Rally in den vergangenen Wochen habe es sich „bislang um eine technische Gegenreaktion auf den Coronavirus-Crash gehandelt, mehr aber noch nicht.“

Hedgefonds-Legende Paul Singer sieht unterdessen auf die Märkte heftiges Ungemach zukommen. Anleger müssten sich nicht nur auf einen Test der bisherigen Jahrestiefstände einstellen, sondern möglicherweise auf einen noch steileren Abverkauf. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ein um 50 Prozent oder noch stärkerer Einbruch von den Februarhochs der ultimative Weg sein wird, den die globalen Aktienmärkte einschlagen“, schrieb der Gründer des Hedgefonds-Schwergewichts Elliott Management vergangene Woche in einem Brief an seine Kunden.

„Sell in May and go away?“

Auch andere Marktbeobachter verstehen aktuell den Disconnect zwischen der Entwicklung der Aktienmärkte und etwa dem Arbeitsmarkt nicht. „Während die (Technologiebörse – Anmerkung der Redaktion) Nasdaq aktuell gerade mal 10 Prozent von ihren Allzeithochs entfernt ist, hat die Arbeitslosenquote in Los Angeles gerade 50 Prozent erreicht. Einfach surreal“, twitterte der Börsenbeobachter Yuriy Matso. „Entweder erwartet der Markt die schnellste V-förmige Erholung oder er befindet sich im La La Land…“ 

Nach der erfreulichen Zwischenrally des vergangenen Monats können Anleger also nicht sagen, sie wären nicht gewarnt worden. Obendrein meint es die Saisonalität möglicherweise nicht gut, denn Ende nächster Woche meldet eine andere Börsenweisheit die Überprüfung auf ihre Richtigkeit an: „Sell in May and go away“…