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Wie Corona dem Klima doch nützen könnte

Am Freitag ist Weltumwelttag: Immer mehr Experten fürchten einen Rückschlag im Kampf gegen den Klimawandel. Andere sehen in dem Coronavirus eine Chance.

Der Sihlsee ist derzeit so trocken wie selten in den letzten Jahren. Eigentlich hätte der Wasserstand des Sees ab jetzt durch das Schneeschmelzwasser steigen müssen, aber in diesem Jahr fehlt es. Foto: dpa

Wenn es nach dem Klima gehen würde, bräuchte es wohl jedes Jahr eine globale Virus-Pandemie. So wenig CO2 wie in den vergangenen Monaten hat die Welt seit zehn Jahren nicht mehr ausgestoßen. Das klingt nach guten Nachrichten zum Weltumwelttag an diesem Freitag. Gleichzeitig warnen immer mehr Experten, dass die Folgen der Pandemie der Umwelt deutlich mehr schaden als nutzen könnten. 

Denn der Wandel von einer fossilen Gesellschaft zur Green Economy (auf Deutsch: grüne Wirtschaft) ist teuer. Gut 75 Billionen US-Dollar, umgerechnet etwa 67 Billionen Euro, müssten insgesamt bis 2050 investiert werden, um die Klimaziele zu erreichen. Das haben Experten des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG) in einer aktuellen Analyse berechnet. Das Papier liegt dem Handelsblatt exklusiv vor.

„Schon vor der Krise waren wir nicht annähernd auf einem Pfad, der diese Summe angesteuert hätte. Mit der Viruskrise kommt jetzt natürlich hinzu, dass viele Staaten und Unternehmen andere Sorgen haben und die Investitionstätigkeit unter der Krise leidet“, sagt Jens Burchardt, Energieexperte bei BCG, dem Handelsblatt. 

Während die Pandemie kurzfristig einen positiven Effekt für das Weltklima hat, werden immer mehr Stimmen laut, die vor langfristigen Nachteilen für die Umwelt warnen. Laut einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten die Investitionen in erneuerbare Energien allein im Energiesektor infolge der Rezession um rund zehn Prozent zurückgehen. „Die Krise hat zu geringeren Emissionen geführt, aber aus den falschen Gründen. Wenn wir die globalen Emissionen nachhaltig reduzieren wollen, müssen die Investitionen in saubere Energie rasch zunehmen“, mahnt Fatih Birol, Chef der IEA. 

Eigentlich sollte 2020 das Jahr werden, in dem so viel Geld wie seit sechs Jahren nicht mehr in den Energiesektor fließt. Jetzt wird es das Jahr mit dem größten Rückgang. Die IEA rechnet mit bis zu 400 Milliarden Dollar weniger als noch im Vorjahr, ein Minus von 20 Prozent. 

Eine positive Entwicklung für das Klima gibt es allerdings doch: Die meisten Investitionen werden wohl im Öl- und Gassektor wegfallen. „Wir sehen, dass die Nachfrage nach fossilen Energieträgern nach der Krise geringer ist als vor der Krise“, erklärt BCG-Experte Burchardt diese Entwicklung.  

Die meisten Investitionen fallen bei Öl und Gas weg

Der britische Thinktank Carbon Tracker veröffentlicht an diesem Donnerstag einen neuen Report, in dem die Experten des Londoner Analysehauses warnen, dass sich die Gewinne durch fossile Kraftstoffe um ganze zwei Drittel reduzieren könnten. 

Schon in den ersten drei Monaten des Jahres brach der Umsatz der fünf Branchenriesen Exxon Mobil, Shell, Chevron, BP und Total im Vergleich zum Vorjahr um satte 50 Milliarden Dollar ein. Damit schmelzen auch die Gewinne. Zusammen verdient Big Oil im ersten Quartal so gerade mal etwas über eine Milliarde Dollar.

Manche wie die britische-niederländische Shell und die norwegische Equinor haben schon angekündigt, ihre Dividende in diesem Jahr zum ersten Mal seit Langem zu kürzen. Unzählige Frackingunternehmen in den USA, haben schon jetzt Konkurs angemeldet. 

„Bis sich die Ölnachfrage stabilisiert hat, wird es mindestens fünf Jahre dauern. Bis dahin sind erneuerbare Technologien aber noch günstiger, als sie es heute ohnehin schon sind. Wir glauben deshalb, dass wir den Höhepunkt der Ölnachfrage spätestens 2025 erreicht haben werden“, ist sich Carbon-Tracker-Analyst Kingsmill Bond sicher. 

Bislang gingen Experten davon aus, dass die Nachfrage nach dem fossilen Rohstoff bis 2030 oder gar 2035 steigen könnte und dann stagniert. Der ehemalige Analyst glaubt jedoch, dass sich die Nachfrage nach fossilen Energien nicht wie bei der Finanzkrise 2008 wie ein V wieder auf das Vorkrisenniveau einpendeln wird, sondern auf der Hälfte stehen bleibt. „Grüne Technologien sind 2020 deutlich günstiger als vor zwölf Jahren. Heute investiert man nicht mehr in erneuerbare Energien, weil es nett aussieht, sondern weil es sich rechnet“, ist Experte Bond überzeugt.   

Tatsächlich zeigte eine erst am Dienstag veröffentlichte Studie des Londoner Imperial College gemeinsam mit der IEA, dass sich mit Anlagen in Erneuerbare-Energie-Unternehmen über die vergangenen zehn Jahre mehr Rendite machen ließ als mit Investitionen in Öl- und Gaskonzerne.

So seien nachhaltige US-Wertpapiere sogar während der Covid-19-Krise im Schnitt um 2,2 US-Cent gestiegen, während die der Öl- und Gaskonzerne im selben Zeitraum um 40,4 Cent gefallen seien, schreiben die Autoren. Die Studie wertete die Aktienkursverläufe von zahlreichen Unternehmen aus der Branche der erneuerbaren Energien und fossilen Unternehmen über einen Gesamtzeitraum von zehn Jahren aus. Das Ergebnis: Grüne Aktien haben besser performt.

Mehr Rendite mit grünen Aktien

„Obwohl die meisten Erneuerbaren-Energie-Unternehmen nicht an der Börse notiert sind, haben die Portfolios für gelistete Unternehmen in den untersuchten Ländern USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland im Schnitt bessere Ergebnisse erzielt und waren weniger volatil als die Aktien im Öl- und Gasbereich“, erklärt Lena-Katharina Gerdes, eine der Autorinnen der Studie im Gespräch mit dem Handelsblatt. 

Die allgemeine Meinung, dass Investitionen in fossile Brennstoffe rentabler sind als in grüne Energieunternehmen, sei deswegen falsch, schlussfolgert Gerdes. „Viele Investoren halten trotzdem noch an dieser Idee fest, hohe Renditen bei Öl- und Gasprojekten zu erzielen. Wir sehen, dass das Investitionsvolumen noch lange nicht ausreicht, um die Eindämmung des Klimawandels zu bewältigen.“

Obwohl immer mehr Staaten und auch Unternehmen ihre Klimaziele verschärfen und Investitionen in erneuerbare Energien ankündigen, rechnen viele mit einem Rückgang der Gelder im Kampf gegen die Erderwärmung. „Länder nehmen gerade noch nie da gewesene Summen in die Hand, um die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln. Und genau dieses Geld muss jetzt gezielt eingesetzt werden, um die Transformation in Richtung Erneuerbare zu beschleunigen“, fordert deswegen BCG-Experte Burchardt. Dann könne die Krise auch eine Chance sein. 

Andere zeigen sich zuversichtlich, dass Corona den Kampf gegen den Klimawandel nicht verlangsamen, sondern ihm sogar Aufschwung geben könnte. „Vor fünf Jahren hätte so eine Krise verheerende Auswirkungen gehabt. Nachhaltigkeit und Wirtschaft waren unvereinbar. In den letzten Jahren hat sich die Sichtweise auf das Thema aber stark verändert. Nachhaltigkeit und Energieeffizienz gelten als durchaus wirtschaftliche Treiber“, erklärt Mathias Lelievre, CEO von Engie Impact, seinen Optimismus. Deswegen werde die Viruskrise diese Entwicklung auch nicht aufhalten. 

Die Tochterfirma des französischen Energieriesen berät und unterstützt andere Konzerne bei allen Themen rund um die Nachhaltigkeit. Lelievre glaubt daran, dass die aktuelle Krise das Momentum des Klimawandels sogar noch verstärken könnte. „Die Technologie ist da, und es gibt einen Business-Case. Unternehmen machen das nicht wegen der Außenwirkung, sondern weil es sich rechnet. Das treibt die Transformation massiv voran“, ist er überzeugt. 

Selbst während der vergangenen Monate haben Firmen wie Ikea, Intel und P & E neue ambitioniertere Klimaziele gefordert. Und Tech-Unternehmen wie Google und Co. treiben das Thema Nachhaltigkeit zusätzlich voran. Auch aus der Finanzindustrie mehren sich Ankündigungen von Allianz, Munich Re und anderen, dass umweltfreundliche Investments in Zukunft bevorzugt und klimaschädliche Anlagen wie Kohleunternehmen eher gemieden werden sollen.  

Trotzdem bleibt es bisweilen oft bei losen Versprechungen. Schließlich gehen immer noch zwei Drittel der weltweiten Investitionen in fossile Energien. „Wir sehen gute Signale, aber es ist noch nicht genug“, gibt auch Lelievre zu bedenken. Noch steigt der CO2-Ausstoß, anstatt zu sinken. Daran ändert auch Corona in Zukunft nichts.