Deutsche Märkte schließen in 7 Stunden 33 Minuten
  • DAX

    13.252,68
    -0,18 (-0,00%)
     
  • Euro Stoxx 50

    3.528,81
    +11,71 (+0,33%)
     
  • Dow Jones 30

    29.969,52
    +85,73 (+0,29%)
     
  • Gold

    1.845,50
    +4,40 (+0,24%)
     
  • EUR/USD

    1,2165
    +0,0016 (+0,1338%)
     
  • BTC-EUR

    15.941,72
    +85,59 (+0,54%)
     
  • CMC Crypto 200

    381,55
    +7,15 (+1,91%)
     
  • Öl (Brent)

    46,67
    +1,03 (+2,26%)
     
  • MDAX

    29.459,28
    +172,10 (+0,59%)
     
  • TecDAX

    3.095,43
    +10,10 (+0,33%)
     
  • SDAX

    13.898,86
    +56,24 (+0,41%)
     
  • Nikkei 225

    26.751,24
    -58,13 (-0,22%)
     
  • FTSE 100

    6.536,28
    +46,01 (+0,71%)
     
  • CAC 40

    5.601,13
    +26,77 (+0,48%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.377,18
    +27,82 (+0,23%)
     

Corona-Impfstoffentwicklung birgt Chancen für den Pharmastandort Deutschland

·Lesedauer: 5 Min.

Getrieben von der Covid-19-Forschung wächst die deutsche Pharmabranche in der Krise. Das könnte auch den Abstand zur globalen Konkurrenz verringern.

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie eröffnet dem Pharmastandort Chancen. Foto: dpa
Der Kampf gegen die Corona-Pandemie eröffnet dem Pharmastandort Chancen. Foto: dpa

Die Corona-Pandemie bremst das Geschäft vieler Industriezweige. Die Pharmabranche ist mit leicht steigenden Umsätzen und Produktionszahlen dabei bisher einer der wenigen Stabilitätsfaktoren der deutschen Wirtschaft. Der Kampf gegen Sars-CoV-2 könnte der Branche nun sogar Chancen eröffnen, auch im internationalen Wettbewerb wieder Boden auf die schneller wachsende Konkurrenz gutzumachen.

Darauf deuten sowohl die jüngsten Branchenzahlen als auch Einschätzungen führender Industrievertreter. Im ersten Halbjahr 2020 legte die Branche nach Daten des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) immerhin um 1,1 Prozent zu, während das verarbeitende Gewerbe einen Einbruch von rund 15 Prozent verbuchte.

Die längerfristige Bilanz der Branche fällt indes zwiespältig aus. Im innerdeutschen Branchenvergleich ist der Pharmasektor gut aufgestellt. Der Pharmaumsatz stieg demnach in den vergangenen zehn Jahren um knapp 40 Prozent auf 52 Milliarden Euro. Die Exportquote erhöhte sich um fünf Punkte auf rund 66 Prozent im Jahr 2019. Die Mitgliedsunternehmen des VFA, die auch maßgeblich in Deutschland produzieren, erwirtschafteten dabei rund die Hälfte des Branchenumsatzes.

Mit einer Steigerung des Produktionsvolumens um rund ein Viertel seit 2009 auf zuletzt 33 Milliarden Euro war die Branche etwa deutlich wachstumsstärker als die Chemie in Deutschland. Diese stagniert seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts mehr oder weniger.

Im internationalen Vergleich dagegen ist die deutsche Pharmaindustrie in diesem Zeitraum eher zurückgefallen. So weist der europäische Pharmaverband Efpia insgesamt ein Produktionswachstum von rund 37 Prozent im Zeitraum von 2010 bis 2019 aus. Insbesondere in der Schweiz, Dänemark und in Belgien entwickelte sich die Pharmabranche danach deutlich dynamischer. Global dürfte die Pharmaindustrie sogar um mehr als 50 Prozent gewachsen sein.

Schub aus der Impfstoff-Forschung

Zuversicht für den Pharmastandort Deutschland im internationalen Vergleich vermittelt vor allem die starke Präsenz junger deutscher Biotechfirmen in der Erforschung von Covid-19-Impfstoffen und ihre ambitionierten Produktionspläne. Diese Entwicklung – so die Hoffnung – wird den gesamten Standort aufwerten und international stärker ins Blickfeld rücken.

„Das bedeutet für die forschende Pharmaindustrie einen enormen Schub und könnte eine Kettenreaktion auslösen, die uns hier in Deutschland sehr hilft“, sagt Vfa-Präsident Han Steutel, früherer Deutschlandchef des US-Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb. „Die großen Impfstoffprojekte laufen darauf hinaus, dass wir hier etwas ganz Neues etablieren, was auch nachhaltig sein dürfte.“

Der Branchenverband verweist auf insgesamt vier industrielle Impfstoffprojekte, die derzeit federführend in Deutschland vorangetrieben werden. An vorderster Front agieren dabei die Mainzer Firma Biontech und die Tübinger Curevac, die beide an Covid-19-Impfstoffen auf der Basis von Boten-Nukleinsäuren (mRNA) arbeiten und dafür massiv in neuartige Produktionsstätten investieren.

Biontech wird voraussichtlich in naher Zukunft erste Zwischenergebnisse aus einer großen Phase-3-Studie vorlegen. Im Vorgriff auf eine mögliche Zulassung baut das Unternehmen die bestehenden Standorte in Mainz und Idar-Oberstein kräftig aus. Die Firma hat darüber hinaus jüngst ein Werk von Novartis in Marburg übernommen. Dieses soll nun zur größten Produktionsstätte für gentherapeutische Impfstoffe in Europa umgerüstet werden. Curevac plant unterdessen, die bestehenden Kapazitäten für mRNA-Impfstoffe in Tübingen weiter deutlich auszubauen.

Zwei weitere Impfstoffprojekte, die in der klinischen Erprobung allerdings weiter zurückliegen, verfolgen die Münchener Leukocare und ihre Kooperationspartner Reithera aus Italien, Univercells aus Belgien sowie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) in Kooperation mit dem Auftragsfertiger IDT Biologika.

Ausländische Unternehmen investieren

Indizien für einen möglichen Aufschwung des Impfstoffstandorts Deutschland liefern auch der Ausbau einer entsprechenden Anlage in Frankfurt sowie die Entscheidung des US-Konzerns Merck & Co., seinen neu entwickelten Ebola-Impfstoff im niedersächsischen Burgwedel zu produzieren. Merck & Co. stellt damit erstmals Human-Arzneimittel an einem deutschen Standort her.

Die Impfstoffprojekte beleuchten die wichtige und enge Verbindung zwischen Forschungsstärke und Hightech-Produktion. Diese Kombination war in der Vergangenheit nicht immer optimal austariert. Die etablierten heimischen Arzneimittelhersteller, also Firmen mit Hauptsitz in Deutschland, wie Bayer, Boehringer oder Merck, haben – nach einer Flaute in den 90er-Jahren – ihre Innovationskraft seither zwar wieder verbessert, sind in wichtigen Boomsegmenten des Pharmageschäfts wie etwa Antikörperwirkstoffe gegen Krebs und immunologische Erkrankungen bisher aber bisher noch zu schwach vertreten.

Etwas kompensiert wird das durch ausländische Pharmakonzerne und ihre in Teilen kräftig expandierende Produktion an deutschen Standorten. Umfangreiche Produktionsanlagen betreiben insbesondere Roche, Sanofi, Pfizer, Novartis, Glaxo-Smithkline und Abbvie. Ausgangspunkt dieser Aktivitäten sind dabei durchweg größere Übernahmen in der Vergangenheit. Sanofi etwa erwarb durch die Fusion mit Aventis das große Stammwerk von Hoechst in Frankfurt.

Roche übernahm in den 90er-Jahren mit Boehringer Mannheim deren Diagnostikawerk in Mannheim und ein biotechnisches Forschungs- und Produktionszentrum in Penzberg. Beide Standorte hat der Schweizer Konzern seither kräftig ausgebaut. Sie spielen nun eine zentrale Rolle für die starke Produktionserweiterung von Roche im Diagnostikabereich. Konzernchef Severin Schwan ist voll des Lobes über die Flexibilität und Zuverlässigkeit der deutschen Werke.

Andererseits gab es über die bereits präsenten Unternehmen hinaus in den vergangenen Jahrzehnten praktisch keine Neuansiedlungen ausländischer Pharmakonzerne. Zudem sind – anders als etwa in den USA – bisher keine größeren Akteure aus dem Biotechsektor in die Pharmaindustrie nachgewachsen. Was die Kapazitäten an biotechnischen Produktionsanlagen angeht, wurde Deutschland nach Daten des VfA von Südkorea auf Platz drei verdrängt. Bei klinischen Studien hat der Standort Deutschland seine europäische Spitzenposition an Großbritannien verloren.

Vor diesem Hintergrund plädiert VfA-Chef Steutel dafür, den aktuellen Schwung durch zusätzliche politische Maßnahmen zu flankieren, um den Standort für die forschende Pharmaindustrie attraktiver machen. Bereits im Sommer legte der Verband einen Siebenpunkteplan vor, der bessere Finanzierungsbedingungen für Start-ups, besseren Zugang zu Daten für Big-Data-Analysen in der Forschung und eine schnellere Genehmigung von klinischen Studien fordert.

Das Beispiel der Covid-19-Impfstoffentwicklung zeigt aus Sicht des früheren Pharmamanagers, dass man im Prinzip Dinge schnell bewegen kann. Das spreche dafür, dass man auch in anderen Bereichen noch Randbedingungen weiter verbessern kann.