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Corona-Hilfen kommen nur langsam bei den Start-ups an

Der Rettungsschirm für Gründer ist noch nicht gespannt. Doch das Interesse ist schon jetzt groß – andere bezweifeln, ob die Hilfen wirklich notwendig sind.

Peter Jungen klingt aufrichtig empört. „Das Restaurant um die Ecke hat innerhalb eines Wochenendes Soforthilfen bekommen und kann seine Mitarbeiter auch noch in Kurzarbeit schicken“, sagt der 80-jährige ehemalige Strabag-Chef dem Handelsblatt. Das sei ja ganz prima. Aber die jüngsten Hoffnungsträger, nämlich die erst in diesem Jahr gegründeten Start-ups gingen in seinem Bundesland leer aus – schließlich zähle in NRW formal für Hilfen die Zahl der Mitarbeiter am Stichtag 31. Dezember 2019.

„Wir signalisieren hier doch jungen Gründern, dass sie uns egal sind“, warnt der Kölner. „Dabei ist eine solche Krise gleich zu Anfang eine Katastrophe.“ Der Wirtschaftskenner ist bereits seit zwei Jahrzehnten als Mentor für Gründer unterwegs – und als ein Geldgeber. Mit dem von ihm mit ins Leben gegründeten Business-Angel-Verband wirbt er bei der Politik um Hilfe.

Ungehört geblieben ist der Ruf der Gründerszene eigentlich nicht – im Gegenteil. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat zwei Milliarden Euro spezielle Coronahilfen für Start-ups zugesagt. Doch obwohl sich Wirtschafts- und Finanzministerium nach einigem Hickhack bereits vor zwei Wochen auf die Grundzüge geeinigt haben, zieht sich die Umsetzung hin.

Eine Säule richtet sich auch an solche Gründer, wie sie Jungen im Auge hat: 800 Millionen Euro aus dem Paket sollen an Start-ups fließen, die bislang noch keinen Risikokapital-Fonds hinter sich haben. Doch dieses Geld braucht besonders lange. Grund dafür ist der Föderalismus: Das Geld soll über ein Globaldarlehen an die Förderbanken der Länder fließen. Die wiederum müssen die Förderung in ihre jeweiligen Start-up-Programme einpflegen – der berüchtigte föderale Flickenteppich.

Derzeit laufen noch Workshops per Video-Call zwischen der KfW und den Förderbanken, mit dabei ist auch der Verband der Öffentlichen Banken (VÖB). Es geht etwa darum, ob Hilfen direkt an Gründer oder eher über ihre Geldgeber wie Family Offices und Angel-Investoren fließen sollen. Mit einer Umsetzung noch im Mai sei nicht zu rechnen, heißt es aus dem Umfeld der Förderbanken. Ziemlich sicher sei jedoch, dass jedes Bundesland seinen eigenen Weg gehen kann.

Glück haben diejenigen Gründer, die in einem Land sitzen, das bereits eigene Start-up-Hilfen auf den Weg gebracht hat, ohne auf Berlin zu warten. Weit vorn ist etwa Hamburg. Unternehmen, die nicht älter als acht Jahre sind und nicht mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen, bekommen dort zusätzlich zu den übrigen Corona-Hilfen bis zu 100.000 Euro Soforthilfe. Zurückgezahlt werden muss mit fünf Prozent Zinsen bei einem Verkauf des Start-ups an einen Investor innerhalb der nächsten Jahre.

Kein Geld sollen Unternehmen bekommen, die schon vor der Krise notleidend waren. Zudem müssen die Start-ups als eine Art Qualitätssiegel eine frühere Förderung etwa durch ein Gründerstipendium oder einen Business-Angel nachweisen.

Dieses Konzept der Hamburger Investitions- und Förderbank IFB könnte ein Vorbild für andere Länder sein, die bislang Start-ups weniger berücksichtigt haben. Die Start-up-Metropole Berlin, Vorreiter bei hohen Zuschüssen für Soloselbstständige, hat beispielsweise bislang eher maue Hilfen für Gründer angekündigt: Der Stadtstaat will deutlich mehr Stipendien vergeben – hilft damit aber kaum bestehenden Start-ups.

Großes Interesse bei Risikokapitalgebern

Bei der zweiten Säule der Bundeshilfen geht es schneller voran. Dabei geht es um solche Wachstumsunternehmen, die bereits Geld von Risikokapital-Fonds bekommen. Finanzierungsrunden in den kommenden Monaten soll die Förderbank KfW Capital aufstocken. Aus deren Umfeld heißt es, das Programm werde wohl bereits Ende Mai stehen.

Das Interesse der Risikokapitalgeber ist groß. „Einige unserer Start-ups sind durch die Coronakrise massiv betroffen“, sagt etwa Jan Miczaika, Partner bei Holtzbrinck Ventures.

Der Investor hinter Reise-Start-ups wie Flixbus und Tourlane prüft, ob er künftige Finanzierungsrunden aus dem Programm aufstocken lässt. „Das Start-up-Schutzschild der Bundesregierung ist eine sinnvolle Ergänzung der KfW-Programme, die für junge Unternehmen typischerweise nicht greifen. Gleichzeitig fehlen uns noch wichtige Details, um abschließend zu sagen, ob das Programm wirklich marktfähig ist“, sagt Miczaika. Ähnlich beurteilt der Münchener Tech-Investor Target Partners die Lage.

Auch Olaf Jacobi von Capnamic Ventures sieht die angekündigten Co-Investements positiv – obwohl Bedingung ist, dass Fonds alle weiteren Investments im Jahr 2020 für die KfW Capital öffnen müssen. Schließlich verhindere die Vorgabe, dass Fonds Risiken auf den Staat verlagern. „Allzu viel Angst muss man sowieso nicht haben, dass den falschen Start-ups geholfen wird – schließlich investiert kein Risikokapitalfonds in kaputte Geschäftsmodelle.“

Noch gibt es regelmäßige Finanzierungsrunden

Vor allem für mittelalte Fonds mit bestehenden Investments und beschränktem Spielraum für Nach-Investitionen sei das geplante Instrument sinnvoll, sagt er. „Viele Fonds rechnen gerade, ob sie das in Anspruch nehmen“, sagt Jacobi.

Auch für Capnamic könne das sinnvoll sein. Anders als Jungen sieht Jacobi jedoch gerade junge Gründungen wenig betroffen von der Coronakrise – schließlich machten Entwickler in der Anfangsphase sowieso keine nennenswerten Umsätze, verzeichneten also auch keinen Einbruch. Er verwirft auch die Warnung des Start-up-Verbands, 70 Prozent der Start-ups seien durch Corona in der Existenz bedroht. Die Branche rechne auch in normalen Zeiten damit, dass ein erheblicher Teil der Start-ups keinen Erfolg hat.

Tatsächlich ist noch offen, wie hart das Ökosystem von der Krise getroffen wird. Noch glänzt die Szene mit regelmäßigen Finanzierungsrunden für Start-ups. Selbst neue Fonds werden in der Krise aufgelegt – vergangene Woche etwa der Münchener Tech-Fonds Vsquarded mit einem Zielvolumen von 65 Millionen Euro.

Laut einer Studie von Europeanstartups.co sind 65 Prozent der europäischen Gründer von der Krise nicht betroffen oder profitierten sogar davon. Entsprechend sorgt die Politik einer Überforderung vor: Die Bundesregierung legt sich noch nicht fest, ob sie das Zwei-Milliarden-Hilfspaket von bereits beschlossene künftigen Förderprogrammen abknappst.