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Corona bremst kurzfristig die Digitalisierung in der Industrie

Höpner, Axel
·Lesedauer: 4 Min.

Wegen der Corona-Pandemie fehlen vielen Unternehmen die Ressourcen für die Digitalisierung. Gerade die Autobranche stellte so manches Projekt zurück.

Die Corona-Pandemie könnte nach Einschätzung vieler Experten auf längere Sicht zu einem Digitalisierungsschub in der Industrie führen. Schließlich hat die Krise gezeigt, wie anfällig Lieferketten und Produktionsprozesse sein können. Doch noch gibt es viele Hemmnisse.

So gaben im neuen Industrie-4.0-Barometer der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Porsche-Management- und IT-Beratung MHP 31 Prozent der Unternehmen an, dass ihnen aufgrund der Corona-Pandemie derzeit die Ressourcen für Digitalisierungsprojekte fehlen.

Gerade in der Autobranche wurde manches Projekt zurückgestellt. Da die Branche derzeit an vielen Fronten gleichzeitig um Anschluss kämpfe – zum Beispiel beim Wandel hin zur Elektromobilität –, habe die Coronakrise den Unternehmen besonders stark zugesetzt, sagt Johann Kranz, Professor für Internet-Business und Internet-Services an der LMU München, dem Handelsblatt.

Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen in der Autoindustrie gaben an, dass sich Digitalisierungsprojekte wegen Corona verzögern könnten – deutlich mehr als im gesamten Industriesektor. Allerdings wurde die Umfrage teilweise auf dem Höhepunkt der Krise samt Kurzarbeit und Nachfrage-Einbruch durchgeführt. In den vergangenen Monaten berichteten viele Autobauer hingegen wieder von einer lebhafteren Nachfrage – insbesondere aus China.

Langfristig werden die Firmen im Automobilsektor nach Einschätzung der Studienautoren um weitere Digitalisierungsschritte ohnehin nicht herumkommen. Damit das Auto als Endprodukt vernetzt sein könne, müsse auch die Produktion standort- und unternehmensübergreifend digital vernetzt werden, sagt MHP-Expertin Katharina Hölck. Neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte seien eine Chance, die Produktionsprozesse intelligenter zu gestalten.

Zu den Vorreitern bei der Vernetzung von Prozessen und Werken gehört Volkswagen: Die Wolfsburger bauen derzeit gemeinsam mit Amazon und Siemens eine industrielle Cloud auf.

Fachkräftemangel bereitet etwas weniger Sorgen

Weitere Hemmnisse bei der Digitalisierung sind laut Industrie-4.0-Barometer unter anderem eine zu starke Auslastung im Tagesgeschäft (34 Prozent), historisch gewachsene Datensilos (33 Prozent) und historisch gewachsene IT-Systeme, die die Integration von neuen Anwendungen und Partnern erschwerten (34 Prozent).

Immerhin gibt es auch Lichtblicke: So bereitet der Fachkräftemangel den Unternehmen inzwischen etwas weniger Sorgen. Nur noch 21 Prozent der Firmen gaben an, dass Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiter einzustellen, die Digitalisierung hemmten. Vor einem Jahr waren es noch 38 Prozent.

Die Entwicklung könne „ein Indikator dafür sein, dass sich die Hochschulen und Universitäten mittlerweile auf die Ausbildung von Digitalisierungsexperten und -expertinnen für die Industrie fokussieren und demnach mehr Absolventen am Arbeitsmarkt verfügbar sind“, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt.

Nichtsdestotrotz kommt auch eine weitere Studie der LMU München zu dem Schluss, dass es aufgrund der Folgen von Covid-19 einen „Corona-Knick“ bei der Digitalisierung geben dürfte.

Etwa jede fünfte der mehr als 200 befragten Firmen gab zum Beispiel an, dass sie seit dem Frühjahr 2020 wegen der Pandemie Projekte zur Digitalisierung der Geschäftsprozesse reduziert hat. In den kommenden zwölf Monaten wollen dies etwa zehn Prozent der Firmen tun. Auch der Branchenverband Bitkom hatte im Herbst davon berichtet, dass viele Unternehmen in der Krise Investitionen in die Digitalisierung zurückfahren mussten.

In der neuen Studie der LMU zeigte sich ein interessanter Effekt: „Große Unternehmen sehen sich durch Covid-19 eher gezwungen, die Digitalisierung ihrer Produkte und Prozesse zurückzustellen, als kleine und mittelständische Unternehmen“, berichten die Studienautoren Thomas Hess und Philipp Barthel vom Institut für Wirtschaftsinformatik und neue Medien.

Mit Blick auf die kommenden drei Jahre will aber fast keines der befragten Unternehmen seine Digitalisierungsprojekte zurückfahren. Im Gegenteil: „In den kommenden drei Jahren wollen über 70 Prozent der Unternehmen ihre Produkte und Prozesse stärker digitalisieren und über 50 Prozent sogar die Digitalisierung ganzer Geschäftsmodelle ausweiten.“

Verschiedene Konzernbereiche müssen zusammenarbeiten

So könnte Corona die Digitalisierung kurzfristig bremsen, auf längere Sicht aber beschleunigen. Kurzfristig habe Corona vor allem Kollaborationstools im Büroumfeld zum Durchbruch verholfen, berichtet MHP-Board-Mitglied Markus Wambach. „In der Fabrikhalle zeigt sich ein anderes Bild.“ Dort habe Corona erst einmal das Tempo verzögert, da die Investitionen höher und komplexer seien.

Doch auch hier gibt es Besserung. Das zeigt zum Beispiel auch ein Blick auf die Siemens-Sparte Digitale Industrien. Im Frühjahrsquartal 2020 waren die Umsätze um sechs Prozent auf 3,7 Milliarden Euro gesunken. Doch schon im vierten Kalenderquartal legten die Erlöse wieder um vergleichbar fünf Prozent auf 3,8 Prozent bei einer starken operativen Marge von 22,5 Prozent zu. Gerade in den Automatisierungsgeschäften verzeichnete Siemens eine starke Nachfrage.

Die Pandemie, sagt Tom Huber von MHP, habe vielen Unternehmen aufgezeigt, dass die Transformation in Richtung der digitalen Fabrik „nicht nur erfolgsentscheidend, sondern überlebensnotwendig sein wird“.

Doch muss sich nach Einschätzung der Wissenschaft auch innerhalb der Unternehmen noch einiges ändern. Die Autobauer zum Beispiel seien noch immer „zu stark anhand von Funktionen und Produkten organisiert“, sagt LMU-Professor Kranz.

Digitalisierung erfordere aber die intensive Zusammenarbeit von verschiedenen Konzernbereichen. Digitale Innovationen würden „quasi einmal quer durch das Organisationschart schneiden“. Daher müssten interne Silos aufgebrochen werden. Notwendig seien bereichsübergreifende Teams aus Ingenieuren und Software-Entwicklern, „die sich sonst bei digitalen Lösungen nur gegenseitig im Wege stehen“.

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