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Corona beschert der Hygiene-Branche ungeahnte Wachstumsperspektiven

Höpner, Axel
·Lesedauer: 4 Min.

Die noch kleine Firma Bio-Gate profitiert von der hohen Nachfrage nach Desinfizier- und Imprägnierlösungen. Experten prognostizieren, dass der Markt nachhaltig wächst.

Das Unternehmen profitiert in der Corona-Pandemie von der gestiegenen Nachfrage nach Hygieneprodukten. Foto: dpa
Das Unternehmen profitiert in der Corona-Pandemie von der gestiegenen Nachfrage nach Hygieneprodukten. Foto: dpa

Eigentlich hatte Bio-Gate für 2020 vor allem andere Wachstumsthemen im Blick. Das Geschäft mit ultradünnen, keimresistenten Plasmabeschichtungen für Implantate für Tiere lief zum Beispiel bereits gut und sollte stärker auf den Humanbereich ausgeweitet werden. Doch dann kam Corona – und bescherte dem noch kleinen Unternehmen ganz neue Perspektiven.

„Es war ein ideales Timing, dass wir die passenden Produkte in der Pipeline hatten“, sagte Vorstandschef Marc Lloret Grau dem Handelsblatt. Denn die Hygiene- und Imprägniersprays, die die Firma entwickelt hatte, wirken nicht nur gegen Bakterien, sondern auch gegen Viren, und das teilweise über mehrere Tage und Wochen.

In diesen Tagen kommt ein neues antivirales Hygienespray für Masken in die Filialen eines großen Supermarkt-Discounters. Nach Angaben des Unternehmens wurde das Produkt auch erfolgreich auf FFP2-Masken getestet.

Bio-Gate war über Jahre ein eher forschungsgetriebenes Unternehmen. Der 43-jährige Kaufmann Lloret Grau, seit 2017 CEO, sollte die Technologien, die vor allem auf Silberpartikeln beruhen, in die Anwendung bringen.

Schon 2020 stiegen die Umsätze des Unternehmens, das mit noch wenigen marktreifen Produkten in früheren Jahren länger vor sich hin dümpelte, um 45 Prozent auf mehr als fünf Millionen Euro. Das lag größtenteils noch nicht an Corona, sondern an den übrigen Geschäften. Zum Beispiel bietet Bio-Gates Beschichtungen für Stühle in Krankenhaus-Wartesälen an.

Neues Hygienebewusstsein dürfte auch nach Corona anhalten

Die Sprays, mit denen neuerdings die Nürnberger Verkehrsbetriebe, Arztpraxen und Kindergärten zum Beispiel Türgriffe und Tische imprägnieren, und so über Tage bis Wochen keimarm halten, kamen erst im Lauf des Jahres schrittweise auf den Markt.

Die Perspektiven sind daher günstig. „Wir wollen das hohe Wachstumstempo beibehalten“, sagt Lloret Grau. „Unsere Strategie geht auf.“ Denn Studien zeigten, dass die antibakteriellen Mittel des Unternehmens auch gegen Viren wirken – das ist nicht bei allen Produkten auf dem Markt der Fall. Manche Handgels etwa schützen nur gegen Bakterien.

Auch der Sagrotan-Hersteller Reckitt Benckiser hatte von lebhaften Geschäften berichtet und für 2020 zuletzt prozentual zweistelliges Wachstum angekündigt. Die Hygienesparte legte in den vergangenen Monaten überproportional zu.

Experten glauben, dass das neue Hygienebewusstsein auch nach Corona anhalten wird. Laut Hand Sanitizer Report von Statista dürfte deshalb zum Beispiel allein der Markt mit Handdesinfektionsmitteln in Deutschland im vergangenen Jahr von 37 auf 64 Millionen Euro gestiegen sein. Bis 2025 könnten es den Prognosen zufolge 90 Millionen Euro sein.

Auch international sind die Perspektiven gut. Laut den Experten von Grand View Research dürfte der Weltmarkt, der im Jahr 2019 noch bei 2,7 Milliarden Dollar lag, bis 2027 im Schnitt um jährlich knapp 23 Prozent wachsen.

Dass die Nachfrage laut Prognosen derart stark anziehen wird, hat mehrere Gründe: Hygieneprodukte dürften nicht nur stärker gefragt sein, wenn nach den Lockdowns Läden und Gastronomie wieder öffnen. Auch Nahverkehrsbetriebe setzen zunehmen zum Beispiel Desinfektionsmittel ein. Zudem bieten die großen Konzerne verstärkt sogenannte Convenience-Produkte wie Tücher und Gels für Privatkunden an.

Dabei dürfte es sich den Experten zufolge nicht um einen vorübergehenden Corona-Effekt handeln. Das Bewusstsein für Hygiene ist mit der Angst vor Viren gestiegen. Nicht nur der Deutsche Hausärzteverband hat darauf verwiesen, dass auch viele leichte Infektionskrankheiten durch Abstandsregeln und verstärktes Hygieneverhalten verhindert wurden. Es lohne sich, viele davon auch in der Zeit nach Corona beizubehalten.

Große Möglichkeiten auf dem Implantate-Markt

Oft helfen schon Lüften und Abstandhalten, nicht alles muss immer desinfiziert werden. Dennoch dürfte der Markt in den kommenden Jahren überproportional wachsen.

In der Branche sind große Player wie 3M aktiv. Die deutsche Hartmann-Gruppe mit ihren Milliardenumsätzen bietet seit mehr als 55 Jahren unter der Marke Sterillium Handdesinfektionslösungen an, und hat zum Beispiel auch Lösungen für die Flächendesinfektion entwickelt.

Doch Bio-Gate ist zuversichtlich, mit seinen Technologien, die durch 90 Patente geschützt sind, im Konzert der Großen mitspielen zu können. Lloret Grau hat die Produktionskapazitäten unter anderem in Bremen ausgebaut und den Vertrieb ins europäische Ausland und nach Asien verstärkt.

Die Mittel für die weiteren Investitionen sicherte sich das Unternehmen im Januar mit einer Kapitalerhöhung, die einen Bruttoerlös von 2,5 Millionen Euro brachte.

Mehrheitseigentümer ist der österreichische Investor Synthos mit 51 Prozent. Durch die Kapitalerhöhung stieg der Streubesitz der bislang nur wenig gehandelten Aktie zumindest auf knapp 17 Prozent.

Unabhängig vom Corona-Boom sieht Lloret Grau weiter große Möglichkeiten im Implantate-Markt. Bei unbeschichteten Veterinär-Implantaten komme es in 15 bis 20 Prozent der Fälle zu Infektionen. Wegen multiresistenter Keime sind diese besonders gefährlich. Durch Beschichtungen könne dieser Anteil auf unter ein Prozent gesenkt werden.

Für große Tierimplantat-Hersteller wie Veterinary Orthopedic Implants (VOI) beschichtet das Unternehmen bereits etwa 85.000 Implantate. Im Humanbereich gibt es noch keine volle Zulassung.

Bei mehreren Dutzend Patienten, die zum Beispiel mit multiresistenten Keimen kämpfen, sind aber bereits beschichtete Implantate im Einsatz. „Das wird ein strategisch sehr entscheidender Bereich für uns“, sagt Lloret Grau, „wir denken, dass wir hier technologisch führend sind.“