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Der Corona-Ausbruch heizt einen jahrelangen Streit in der Tönnies-Familie neu an

Der Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb verschärft den Familienstreit. Nun fordert der Neffe den Rücktritt des Onkels.

Der Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies führt zur nächsten Runde des seit Jahren schwelenden Streits der Inhaber. Foto: dpa

Mitte Mai war Clemens Tönnies noch höchstpersönlich zur Pressekonferenz erschienen. Schließlich konnte der geschäftsführende Gesellschafter von Deutschlands größtem Schlachtkonzern nicht ohne Stolz verkünden, dass bisher so gut wie keine Coronafälle im Unternehmen aufgetreten sind. Anders als bei Konkurrenten wie Westfleisch, Vion und Müller Fleisch, die zeitweise die Produktion einstellen mussten.

Am Mittwochnachmittag dagegen blieb der 64-Jährige, der nach einem Krankenhausaufenthalt wieder arbeitet, der eilig einberufenen Pressekonferenz fern: Sein oberster Veterinär und Leiter des Corona-Krisenstabs durfte die Hiobsbotschaft verkünden. Es habe leider „eine große Ausbreitung gegeben“, sagte Gereon Schulze Althoff kleinlaut.

Am Stammsitz von Tönnies im westfälischen Rheda-Wiedenbrück war bei mindestens 730 der mehr als 6500 Mitarbeiter eine akute Corona-Infektion festgestellt worden. Allerdings waren von rund 1110 Tests, die die Behörden angeordnet hatten, noch nicht alle ausgewertet. Der Ausbruch hat gravierende Folgen: Die Behörden legten das Tönnies-Werk vorerst still. Nur Restbestände dürfen unter strengen Auflagen mit kleiner Mannschaft ausproduziert werden.

Für Großschlachter Clemens Tönnies ist das der Super-GAU, den er unbedingt vermeiden wollte. Denn nicht nur das Unternehmen ist betroffen. Der Kreis Gütersloh machte alle Schulen und Kitas dicht und stellte gut 7000 Menschen unter Quarantäne. Die Wut der Bürger ist groß. Unter dem Motto „Weinende Kinder? Verzweifelte Eltern?“ demonstrierten sie am Donnerstag vor dem Tönnies-Werk.

Noch vor Kurzem hatte sich Clemens Tönnies lautstark dagegen gewehrt, die Fleischbranche als Corona-Hotspot „unter Generalverdacht zu stellen“. Nun ließ er sich in einer Pressemeldung mit den dürren Worten zitieren: „Die Gesundheit und der Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen an erster Stelle. Es geht jetzt nicht um das Unternehmen, es geht um die Menschen und um den Kreis.“ Nicht er, sondern sein Sprecher entschuldigte sich öffentlich.

Umso heftiger reagierte sein Neffe Robert Tönnies: „Ich bin schockiert über die hohe Zahl von Corona-Neuinfektionen in unserem Unternehmen.“ Dem 42-Jährigen gehört die Hälfte des Familienunternehmens, die andere Hälfte Onkel Clemens und dessen Sohn Maximilian. Roberts Vater Bernd Tönnies hatte den Schlacht- und Zerlegebetrieb 1971 gegründet. Er verstarb 1994 infolge einer Nierentransplantation. Seitdem führte Bruder Clemens die Firma weiter und machte sie groß.

Jahrelanger Streit

Seit vielen Jahren liegen Onkel und Neffe über Führung und Unternehmensstrategie im Streit. Der wurde durch die Zwangsschließung durch Corona nun erneut angeheizt. In einem Brief an Geschäftsleitung und Beirat, der dem Handelsblatt vorliegt, forderte Robert diese – und damit auch seinen Onkel – am Mittwoch zum Rücktritt auf.

Die Führung des Unternehmens müsse so schnell wie möglich einem „erfahrenen und verantwortungsbewussten Krisenmanagement übertragen werden“, verlangte Robert, der im Beirat der Gruppe sitzt. Das Unternehmen stehe vor einem „Scherbenhaufen“: enormen unkalkulierbaren Einbußen durch die Schließung der Produktion sowie einem schon nicht mehr messbaren Reputationsschaden.

Clemens Tönnies wies die Vorwürfe seines Neffen als haltlos zurück. „Die verantwortlichen Behörden attestieren uns auch heute den bestmöglichen Umgang mit der von außen hereingetragenen Situation“, schrieben er und Mitgeschäftsführer Andres Ruff in einer Replik, die dem Handelsblatt vorliegt. „Wir als Geschäftsführer verlassen auch in schwerem Sturm das Schiff nicht.“ Robert Tönnies gebe in der Öffentlichkeit unrichtige und geschäftsschädigende Kommentare und verletze damit seine Gesellschafterpflichten.

Robert Tönnies hatte Geschäftsleitung und Beirat, zu dem unter anderem die Manager Reinhold Festge und Siegfried Russwurm gehören, heftige Vorwürfe gemacht. Der Corona-Ausbruch sei das „Ergebnis ihrer Blockadehaltung bei der Abschaffung des Systems der Werkverträge und ihrer sorglosen, unverantwortlichen Haltung hinsichtlich der Risiken aus der Corona-Pandemie“. Das zwinge viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden seien.

Am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück ist jeder zweite der mehr als 6500 Beschäftigten per Werkvertrag über einen Subunternehmer angestellt. Vor allem junge Bulgaren und Rumänen schuften ein paar Jahre in deutschen Schlachthöfen, um sich danach in der Heimat etwas aufzubauen. „Beschäftigte aus Südosteuropa halten die Branche hierzulande am Laufen. Denn die Arbeit ist hart und schlecht bezahlt“, sagt Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) Detmold-Paderborn.

Robert Tönnies setze sich richtigerweise für bessere Arbeitsbedingungen und die Abschaffung der menschenunwürdigen Werkverträge mit Subunternehmern ein. Selbst wenn er sicherlich dabei auch eigene Interessen im Streit mit seinem Onkel verfolge, so Wiese.

Nachdem Schlachthöfe zu Corona-Hotspots geworden sind, will die Politik Werkverträge in der Schlachtbranche ab 2021 verbieten. Kernarbeiten wie Schlachten und Zerlegen dürfen künftig nur noch von eigenen Angestellten erledigt werden.
Das ist ganz im Sinne von Robert Tönnies. Er kritisiert, dass Geschäftsführung und Beirat seine diversen Vorstöße zur Abschaffung der Werkverträge stets ignoriert und abgeblockt hätten – obwohl die neuen Unternehmensleitsätze von 2017 diese vorsähen.

Nach langem Disput hatten sich damals die beiden Parteien Clemens und sein Sohn Max sowie Robert tränenreich versöhnt. Doch der „westfälische Friede“ hielt nicht lange. Zumal Onkel und Neffe als typische westfälische Sturköpfe gelten.
Vor einem Schiedsgericht reichte Robert Tönnies im September gegen Clemens und Max Tönnies Klage ein. Es geht Robert darum, festzustellen, dass das Verhältnis zu seinem Onkel zerrüttet sei. Denn eine Zerrüttung löst laut Einigungsvertrag einen Mechanismus aus, der einen geregelten und offenen Verkaufsprozess in Gang setzen soll. Der Streitwert beläuft sich auf 600 Millionen Euro. Bis zu einer Entscheidung könnte es Insidern zufolge drei Jahre dauern.

Robert Tönnies wendet sich lieber anderen Geschäftsmodellen zu. So hat er etwa Electrify initiiert, das E-Autos an kleine und mittelständische Firmen wie Pflegedienste verleast. Nach eigenen Angaben betreibt die Bielefelder Firma Deutschlands größte Elektroautoflotte mit mehr als 1000 Kunden. Vor 18 Monaten gründete er Wochenmarkt24.de. Der Online-Bringdienst liefert Kunden frische Lebensmittel von Hofläden aus der Region Bielefeld und soll nun in drei weiteren Städten starten.

Clemens Tönnies dagegen denkt in anderen Dimensionen. Er will weiter mit Fleisch weltweit expandieren. Der gelernte Fleischtechniker und Kaufmann betont, dass er jeden Tag sein Stück Fleisch isst – gerade in Coronazeiten sei das zur Stärkung der Immunabwehr wichtig, sagte er kürzlich dem Handelsblatt.

In Deutschland ist die Tönnies-Gruppe mit einem Marktanteil von etwa 20 Prozent Marktführer vor Westfleisch und Vion. 2019 erreichte der Schlacht- und Zerlegekonzern mit rund 16.500 Mitarbeitern weltweit einen Rekordumsatz von 7,3 Milliarden Euro, ein Plus von zehn Prozent. Dabei half der lukrative Export nach China, wo Schweinefleisch wegen der Afrikanischen Schweinepest knapp wurde. In Deutschland dagegen schrumpft das Schlachtgeschäft.

Clemens Tönnies hat deshalb ehrgeizige Pläne im Ausland. In Chicago eröffnete er im Dezember ein Tönnies-Büro. In China plant er ein Schlacht-Joint-Venture mit der dortigen Dekon-Gruppe, das insgesamt 500 Millionen Euro investieren will. Sein Neffe fühlte sich bei der Investition übergangen. Öffentlich machte er sich Sorgen, ob sein Onkel „an Größenwahn erkrankt sein könnte“.

Rassismus-Eklat um Afrika

Die Gewerkschaft sieht das weniger emotional. „Clemens Tönnies ist ein Machtmensch, der mit allen Mitteln versucht, seine Interessen gegenüber Geschäftspartnern, Mitarbeitern und Behörden durchzusetzen“, konstatiert Gewerkschafter Wiese. Der Corona-Ausbruch zeige, dass Clemens Tönnies Profit wichtiger sei als die Gesundheit seiner Mitarbeiter. Denn Sicherheit koste Geld. „Diese Haltung rächt sich jetzt“, meint er.

Tönnies weigere sich seit Jahrzehnten, über Tarifverträge zu sprechen. Die Wettbewerber Westfleisch und Vion hätten immerhin Haustarifverträge geschlossen. Seit einigen Jahren erst gebe es bei Tönnies einen Betriebsrat. Der vertrete allerdings nur wenige Hundert Mitarbeiter und habe es schwer, so Wiese.

Die Zwangsschließung des Werks sei ein herber Schlag für Clemens Tönnies. „Er steht politisch immer mehr unter Druck – zu Recht“, sagt der NGG-Mann. Zuletzt war der leidenschaftliche Fußballfan Tönnies, seit 2001 Aufsichtsratschef von Schalke 04, öffentlich wegen ganz anderer Äußerungen unter Druck geraten. Ausgerechnet bei einem Vortrag über „Unternehmertum mit Verantwortung“ hatte er sich im August 2019 abfällig über Afrikaner geäußert.

Statt bestimmte Steuern im Kampf gegen den Klimawandel zu erhöhen, sollte der Bundesentwicklungsminister lieber jedes Jahr 20 Kraftwerke nach Afrika spendieren, sagte er. „Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren“, sagte Tönnies. Heftige Rassismusvorwürfe folgten. Clemens Tönnies ließ drei Monate sein Amt bei Schalke ruhen. Er entschuldigte sich und will sich künftig für Afrikaprojekte der Kindernothilfe engagieren.

Finanziell dürfte ihm das keine Schwierigkeiten bereiten. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ schätzt Clemens Tönnies“ Vermögen auf 2,3 Milliarden Dollar – ebenso hoch wie das seines Neffen Robert. Doch das Vermögen der beiden hängt im Familienunternehmen – und das durchlebt derzeit seine schwerste Krise.