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Conny from the Block: Wie viel Wahrheit in Figuren wie Gisela und Doris steckt und warum sie im öffentlichen Dienst nicht fehlen dürfen

Conny from the Block ist ein Instagramkanal, der für den öffentlichen Dienst wirbt. - Copyright: conny.fromtheblock
Conny from the Block ist ein Instagramkanal, der für den öffentlichen Dienst wirbt. - Copyright: conny.fromtheblock

Wer dieser Tage über die Flure deutscher Behörden läuft, wird um Sätze wie „Ist doch nicht schlimm Mausi“, „Bleib bei dir“ oder „Ich kenne meine Rechte!“ nicht umhinkommen. Grund dafür ist der immer bekannter werdende Instagram-Kanal @conny.fromtheblock, auf dem eine junge Frau satirische Beiträge über den öffentlichen Dienst postet. Nicht jedoch, um sich über ihn lustig zu machen.

Ganz im Gegenteil: Conny*, die im richtigen Leben selbst Beamtin ist und die mithilfe von Facefiltern in verschiedene Rollen schlüpft, lässt das Beamtentum um einiges attraktiver wirken. Nach eigener Aussage bewerben sich aufgrund ihres Kanals sogar „nachweislich“ vermehrt neue Talente im öffentlichen Sektor. Doch welche tiefere Bedeutung haben die oben genannten Sprüche ihrer Figuren? Wie wichtig sind Petra, Gisela, Doris und Dilara für den öffentlichen Dienst? Und wie viel Wahrheit steckt in ihnen?

@conny.fromtheblock – eine Hommage an den öffentlichen Dienst

*Wie Conny mit richtigem Namen heißt, bleibt ihr Geheimnis. Ihr Künstlername hilft ihr nicht nur dabei, ihre Privatsphäre zu schützen. Auch stellt sie damit sich in den Hinter- und ihre Message in den Vordergrund. Und die lautet: Der öffentliche Dienst ist zwar (noch) nicht perfekt, bietet aber mehr als attraktive Rahmenbedingungen. Dass die selbst ernannte „Amtsfluencerin“ diese Message verbreitet, liegt nicht nur daran, dass sie selbst Beamtin ist. In erster Linie ist sie Recruiterin. Talentgewinnung für den öffentlichen Dienst ist demnach ihr Job. Dass sie dafür auf die sozialen Netzwerke wie Instagram zurückgreift, sei für sie nur logisch.

Conny from the Block
Conny from the Block

Im Interview verrät sie: „Die Menge an Leuten, die man beispielsweise auf einer Berufsmesse erreicht, kann man nicht mit den Zahlen eines Postings vergleichen: Hier erreicht man gut und gerne mal eine Million Menschen. Das ist DAS neue Marketinginstrument – und dafür müsste sich die öffentliche Verwaltung öffnen.“ Über genau dieses Thema hat Conny im Übrigen auch ihre Abschlussarbeit ihres Masters geschrieben, den sie neben ihrem Beruf absolviert hat.

Entstanden aus Langeweile, fortgeführt aus Employer Branding-Gründen

Den Instagram-Kanal @conny.fromtheblock habe sie im ersten Moment jedoch nicht wegen des Employer Brandings ins Leben gerufen, also um die Arbeitgebermarke des Öffentlichen Dienstes zu schärfen. Vielmehr sei er ihrer Langeweile während des Corona-Lockdowns entsprungen. Im Interview sagt Conny zu Business Insider, dass sie damals einen Facefilter auf ihrem privaten Profil entdeckt habe. „Mit dem sah ich aus, wie man sich eine richtige Beamtin vorstellt“, so Conny. Das habe sie gepostet und gutes Feedback von ihren Freunden bekommen. Also habe sie das Ganze in ein eigenes Profil gegossen – die Geburtsstunde ihrer Hauptfigur namens Conny.

Die Arbeit im öffentlichen Dienst bringt nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile.
Die Arbeit im öffentlichen Dienst bringt nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile.

Als sie 2022 an ihrer Masterarbeit saß und viel prokrastinierte, kamen nach und nach neue Figuren hinzu. Mit dabei die grimmige Gisela, die „ihre Rechte kennt“, die dauerrauchende Doris, der trotz oft unangemessener Fragen einfach niemand böse sein kann, die Esoterikerin Petra, die jedes Problem einfach wegatmet und das Küken Dilara, die, obwohl zurückhaltend veranlagt, frischen Wind in den öffentlichen Dienst bringt.

Guckt man sich die Kurzvideos und die einzelnen Figuren genau an, könnte man meinen, sie entspringen einem gut durchdachten Drehbuch. Wie schon zuvor beim Charakter Conny habe sich die Beamtin jedoch auch bei diesen Charakteren zuvor wenige Gedanken gemacht. Conny erklärt, dass sie für eine neue Figur den Filter ausprobiere und sich erst anschließend eine Geschichte zu ihr überlege. Die Figur entwickele sich dann während des Postens. „Ich habe vorher absolut keinen Plan, was ich da mache“, so die Beamtin.

Conny – die Creatorin

Ihre Conny-Figur sei inzwischen bewusst in den Hintergrund getreten. Mit ihr versuche sie „normale“ Themen zu adressieren. Sie ist die Art Creatorin des Accounts. „Quasi ich, auch wenn ich das nicht zu 100 Prozent bin.“ Zuletzt trat Conny auf dem Kanal beispielsweise auf, um das Duale Studium beim ITZ Bund zu bewerben – eine bezahlte Kooperation. Ein Beispiel dafür, dass man – und das wird Conny nicht müde zu betonen – sie auch buchen könne. Der Kanal @conny.fromtheblock erreicht heute mehr als 118.000 Follower.

Lehrerin Quereinstieg Staat
Lehrerin Quereinstieg Staat

Petra – die Entspannte

Häufiger zu sehen ist dagegen die esoterische Petra, die immer positiv denkt und gerne sagt: „Bleib bei dir“ – gefolgt von ihrem Markenzeichen, einem Räuspern am Satzende. Heilsterne, Klangschalen und Sternzeichen sind laut ihrem Steckbrief, der sich in den gespeicherten Stories des Kanals findet, ihr Ding. Sie lehnt jede Form von Diskriminierung ab, mag keinen Krieg und hört den Song „California Dreaming“ von The Mamas & The Papas in Dauerschleife. Sie ist passionierte Yoga-Lehrerin und praktiziert am liebsten Lachyoga – zur Belustigung aller. In ihrem früheren Leben sei sie ein „in sich ruhendes Pferd gewesen“.

Im Interview erklärt uns Conny, dass Petra bei ihren Zuschauern sehr beliebt sei. Sie sagt: „Menschen verbinden mit ihr das Credo: Job ist Job.“ Sie stehe für Themen wie mentale Gesundheit und appelliere an ein gesundes Verhältnis zur Arbeit. Petra erinnere die Menschen daran, auch mal durchzuatmen und zu entspannen. Und das komme so gut an, dass sich Leute sogar Petra-Memes ausdrucken und im Büro aufhängen. Dieses Mindset sei in der heutigen Welt wichtig, „vor allem bezogen auf den öffentlichen Dienst“, so Conny.

Sie erklärt: "Es gibt einen enormen Personalmangel und Menschen ertrinken halb in ihren Akten. Es gibt Behörden, die für Wochen schließen müssen, um den Rückstand aufzuarbeiten. Es gibt auch Behörden, die nicht ohne Grund Securities vor der Tür stehen haben, weil Menschen aggressiv werden." Der Job sei zum Teil nicht ohne, vor allem in Jobs der Leistungsverwaltung, dem Sozialamt oder dem Jugendamt. Petra sei vor diesem Hintergrund als eine Art Mantra zu verstehen. „Viele Zuschauer bedanken sich regelrecht bei mir für diese Petra-Stories.“

Gisela – die Gerechte

Das absolute Gegenteil zu Petra stellt Gisela dar. Wenngleich sie grimmig und stets mies gelaunt scheint, sei auch sie für die Zuschauer sehr wichtig. Ihrem Steckbrief zufolge stammt sie aus der DDR und kennt noch „das wahre Prenzlauer Berg“. Ihr Signature-Satz lautet: „Ich kenne meine Rechte!“ und bezieht sich auf ihre Mitgliedschaft im Personalrat. Genau habe sie diesen selbst gegründet. Loyalität, Zusammenhalt und eine klare Trennung von Arbeit und Privatleben sind ihr sehr wichtig. Ihr Motto? Angriff ist die beste Verteidigung. So hasse sie Männer aus Prinzip – und alle Frauen, die ihr blöd kommen. Und doch: Im Kern ist Gisela ein guter Mensch.

Conny erklärt: „Gisela steht für die 'arbeitende Bevölkerung' und kämpft für die Rechte dieser.“ In jeder Behörde gebe es demnach einen Personalrat, eine Frauenvertretung oder jemanden, der für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsteht. „Das alles verkörpert Gisela, die sich mit ihren Arbeitnehmerrechten auskennt.“ Im Kontext des öffentlichen Dienstes sei sie sehr wichtig, weil es Tarifverträge und Gewerkschaften brauche.

Dilara – das Küken

„Wer mir persönlich auch wichtig ist, sind die nicht biodeutsche Dilara und ihre Mutter Gül“, sagt Conny. Dilara ist 26 und somit das Küken im Büro. Bevor sie den Quereinstieg in den öffentlichen Dienst wagte, studierte sie BWL. Sie kommt aus Berlin und hat türkische Wurzeln. Conny sagt: „Meine Eltern kommen auch aus der Türkei und die Fragen, die Dilara in meinen Videos teilweise beantworten muss, wurden mir in meinem Alltag schon öfter gestellt.“ So wurde Conny im echten Leben beispielsweise schon häufiger darauf angesprochen, dass sie akzentfrei Deutsch spreche. „Ja klar, ich bin auch gebürtige Berlinerin und habe hier studiert“, sagt Conny trocken. „Das ist Alltagsrassismus und auch im Jahr 2022 absolute Realität.“

Frau Lehrerin
Frau Lehrerin

Dilara ist insofern für den öffentlichen Dienst wichtig, da sie Quereinsteigerin ist und verstanden habe, dass man sich unterordnen müsse und die älteren Kollegen aufgrund des eigenen hohen Bildungsniveaus nicht direkt belehren solle. „Dilara verkörpert viel von mir persönlich und der Tatsache, dass ich mit nicht-deutschem Aussehen und Namen gefühlt immer etwas mehr geben musste als der Rest.“ Dahingehend stelle Dilara eine wichtige Brücke „zwischen ihren einst eingewanderten Eltern und ihrem sehr deutschen Alltag in einer Behörde dar.“ Conny, die einen Master of Law hat und Beamtin ist, kenne diese Brücke nur zu gut.

Doris – die Boomerin

Nicht fehlen im Ensemble darf zuletzt der Publikumsliebling Doris. Die laut ihrem Steckbrief 62 Jahre alte Westberlinerin sieht man nie ohne eine Zigarette in der Hand. Sie ist ihr ganzes Leben lang im Amt, seitdem sie dort im Jugendalter ihre Ausbildung absolvierte. Ihre Hobbys sind: Klatschblätter, Helene Fischer und ihr Mausebär (Ehemann Günther), der in der Datsche lebt – in dieser Reihenfolge. Sie steht kurz vor der Pension und legt stets ein positives Mindset an den Tag. „Doris ist unfassbar beliebt“, sagt Conny. Die Mutti vom Amt sei zwar eine echte Boomerin, aber zudem ein „super Sprachrohr, um kritische Sachen anzusprechen“.

So stelle sie häufig unangemessene Fragen. Etwa: „Ist dein Sohn schwul jetzte? Ist nicht schlimm Mausi!“. Hinterher schiebt sie einen Kussmund. Man nehme dieser Figur einfach nichts übel, sagt Conny. Und weiter: „Ich habe sie so gezeichnet, dass sie gar keine Vorurteile hat, aber einfach unwissend ist.“ Conny fühle sich bei Doris oft an eine Kantinenfrau erinnert, sie habe jedoch auch Anleihen ihrer Nachbarin, die sagt, dass sie „zum Bäcker gehen tut“. Vieles dieses Charakters habe Conny zudem aus ihren damaligen Berufsjahren in der Hotellerie entlehnt. Bevor Conny öffentliche Verwaltung studierte, arbeitete sie lange in der Hotellerie, beziehungsweise im Eventmanagement.

Wie viel Wahrheit steckt in den Figuren?

Danach gefragt, ob diese Figuren Personen aus dem echten Leben verkörpern, sagt Conny: „Keine einzige Figur ist von einer realen Person entlehnt.“ Und weiter: "Das ist viel Berlin, viele Erlebnisse aus meinen Berufsjahren aus der Hotellerie und Flugbranche. Ich habe früh damit angefangen, Menschen zu beobachten und zu kategorisieren." Gewissermaßen sei das Connys Gabe. Zudem bringe sie hier viele Dinge ein, die ihr im Arbeitsalltag immer wieder begegnen: der Ost-West-Konflikt, der Generationen-Konflikt oder LGBTQ+-Themen. Ihre Figuren seien letztlich „ein Querschnitt der Gesellschaft“.

Erfolg habe ihr Kanal gerade wegen der Vielschichtigkeit ihrer Figuren. So versuche sie ihre Charaktere meist zunächst negativ und unerträglich zu zeichnen. „Aber irgendwann bekommen sie einen Turning Point, der sie sympathisch macht.“

Wenngleich fiktiv und satirisch: Connys Instagramkanal und ihre Figuren machen den Öffentlichen Dienst sympathisch und nahbar. Sie sagt: „Nicht nur interessieren sich die Leute für den Öffentlichen Dienst und bewerben sich vermehrt. Auch die Leute, die bereits im öffentlichen Sektor arbeiten, fühlen sich endlich gehört.“ Das „Krasseste“ für Conny sei, dass sie null negatives Feedback bekomme – und das „trotz einer Doris, die oft ein überholtes Weltbild an den Tag legt“.