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Condor-Chef glaubt an die Erholung: „Wir werden wieder ein gesundes Unternehmen sein“

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Ein Jahr nach der Pleite der Muttergesellschaft Thomas Cook sieht Ralf Teckentrup Condor durch den Schutzschirm gut gerüstet. Ein neuer Investor ist aber noch nicht in Sicht.

Der Condor-Chef sieht die Airline durch das Schutzschirmverfahren besser als andere für die Pandemie gerüstet. Foto: dpa
Der Condor-Chef sieht die Airline durch das Schutzschirmverfahren besser als andere für die Pandemie gerüstet. Foto: dpa

Ende November wird es wohl so weit sein. Dann kann die bekannte Ferienfluggesellschaft Condor das sogenannte Schutzschirmverfahren verlassen. Es war notwendig geworden, weil die Muttergesellschaft Thomas Cook vor einem Jahr Insolvenz anmelden und die Airline mit damals rund 4900 Mitarbeitern und etwa 50 Jets gesichert werden musste. Flankierend gewährten der Bund und das Land Hessen 380 Millionen Euro als Bürgschaftskredit.

Doch so richtig entspannt wird Ralf Teckentrup auch künftig nicht sein. „Nach dem Ende des Schutzschirmverfahrens werden wir wieder ein normales und vor allem gesundes Unternehmen sein und uns mit den Themen beschäftigen, mit denen sich alle beschäftigen: Wann kommt die Nachfrage zurück, wie sieht unsere Flottenplanung aus und so weiter“, sagte der Condor-Chef im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die Corona-Pandemie beschäftigt auch Condor massiv. „Im Moment fliegen wir zwischen 25 und 30 Prozent unserer ursprünglichen Kapazität. Aber anders als viele andere Airlines fliegen wir die Strecken, die sich lohnen“, beschreibt der erfahrene Luftfahrtmanager die Situation: „Das heißt nicht, dass sie immer profitabel sind, aber zumindest die Kosten sind gedeckt.“

Der kommende Winter werde aber sehr schwierig werden. „Die Menschen sind verunsichert und buchen nicht, weil völlig unklar ist, welche Maßnahmen die Regierungen kurzfristig ergreifen werden. Ich gehe davon aus, dass wir nur eine Kapazität von zehn bis 15 Prozent erreichen werden.“

Erst die Pleite der Muttergesellschaft, dann die heftigen Coronafolgen – der Gedanke liegt nahe, dass so etwas eine eher kleine Airline umwirft. Doch Teckentrup zeichnet ein anderes Bild. „Das Schutzschirmverfahren war anstrengend für alle. Wir spürten das noch in unseren Knochen, als Corona kam“, räumt der 63-Jährige ein. Dennoch sei der Schutzschirm gut gewesen, denn er habe Condor auf die Folgen der Pandemie vorbereitet. „Alle haben gelernt, dass es nur darum geht, das Unternehmen nach Cash zu steuern, der Umsatz nicht mehr im Vordergrund steht.“ Die Sicherung der flüssigen Mittel sei das vorrangige Ziel auch in der Pandemie.

Schutzschirm als Vorbereitung auf die Pandemie

Und nicht nur beim Thema Cash hat der Schutzschirm geholfen, bei dem das Management zwar weiter operativ verantwortlich ist, aber einen Sachwalter zur Seite gestellt bekommt. Man habe dadurch auch bei den Fixkosten deutliche Einsparungen erreicht, so Teckentrup: „Ein Beispiel: Wir haben unseren noch drei Jahre laufenden Mietvertrag für die Zentrale in Gateway Gardens kurzfristig kündigen können und haben durch den Umzug nun Mietkosten von 700.000 statt drei Millionen Euro im Jahr.“

Dennoch musste auch das Condor-Management wegen Corona zusätzlich an die Kosten ran, etwa beim Thema Personal. Aber man habe mit den Arbeitnehmervertretern gute Lösungen vereinbaren können, so Teckentrup: „Falls wir nach dem Ende der Kurzarbeit zu viele Mitarbeiter an Bord haben und ein Abbau nötig wird, gilt dann zum Beispiel der Sozialplan des aktuellen Schutzschirmverfahrens.“ Das bedeute zwar eine niedrigere Abfindung, aber auch die Chance, den Job jetzt zu behalten. „Unsere Sozialpartner haben verstanden, dass wir mit dem Geld des Staates extrem sparsam umgehen müssen.“

Die Gespräche seien natürlich nicht einfach, dafür aber intensiv gewesen, sagte der Condor-Chef: „Es hat sicherlich geholfen, dass wir gegenüber den Mitarbeitern und auch den Sozialpartnern schon in den vergangenen Jahren immer sehr transparent gemacht haben, wie es um Condor steht, auch in guten Zeiten.“ 170 Stellen wurden bisher direkt bei der Airline gestrichen, weitere in Bereichen, in denen Aufgaben für andere Gesellschaften von Thomas Cook übernommen wurden. Wie bei allen Fluggesellschaften ist der größte Teil der Condor-Belegschaft zudem in Kurzarbeit.

Eigentlich hatte Condor Anfang des Jahres bereits eine Übernahme durch die polnische PGL, die Muttergesellschaft der Airline Lot, ausgehandelt. Doch wegen der Pandemie sagte PGL den Deal im Frühjahr ab. Selbst für den erfahrenen Sanierungsexperten und Condor-Sachwalter Lucas Flöther ein einmaliger Vorgang, wie er kürzlich auf einem Kongress der Fachpublikation FVW sagte. Er sei aber zuversichtlich, dass Condor das Schutzschirmverfahren „ganz schnell verlassen“ könne.

Weil PGL absagte, musste der Staat der Airline erneut unter die Arme greifen. Der Kreditrahmen wurde auf 550 Millionen Euro erweitert. Das ist ausreichend, glaubt Teckentrup: „Das Thema Liquidität bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Wir fliegen nur die Strecken, die sich für uns lohnen. Wenn die Nachfrage im kommenden Sommer zurückkommt, werden wir sehr schnell wieder Geld verdienen.“

Der Condor-Chef setzt auf den nächsten Sommer. „Vieles hängt natürlich davon ab, ob es einen Impfstoff geben wird und wie sich die Infektionszahlen entwickeln werden. Aber ich denke, dass wir dann wieder bis zu 70 Prozent unseres normalen Angebots fliegen werden.“ Die Menschen wollten verreisen. Viele hätten gemerkt, dass Urlaub in der Heimat nur sehr begrenzt eine Alternative sei und es auch nicht sinnvoll sein könne, wenn die Strände etwa an der Nord- und Ostsee völlig überlaufen seien.

„Ich hoffe, die Nachfrage erholt sich bald, sodass wir zeigen können, zu was die Condorianer fähig sind“, sagte Teckentrup. „Die Mitarbeiter haben ein Jahr voller Auf und Abs mit vielen Emotionen und extrem harter Arbeit hinter sich. Sie hätten es verdient, dass das Geschäft bald wieder anzieht.“

In der Branche gehen nahezu alle Experten davon aus, dass als Erstes die Buchungszahlen der Privatreisenden wieder anziehen werden. „Die Nachfrage nach Urlaubsreisen erholt sich deutlich schneller als die nach Geschäftsreisen“, sagte Harry Hohmeister, Vorstand von Lufthansa, in der vergangenen Woche.

Deshalb baut auch die „Hansa“ ihr touristisches Angebot aus. Nicht nur die Kernmarke Lufthansa bietet gezielt neue Urlaubsverbindungen an. Auch mit der neuen Plattform „Ocean“ will der Konzern seine Marktstellung in diesem Geschäft ausbauen – über Mittel- und Langstreckenangebote an den beiden Drehkreuzen Frankfurt und München.

Condor-Chef Teckentrup verfolgt die Pläne mit Interesse, macht sich aber keine großen Sorgen: „Es ist nachvollziehbar, dass jetzt jeder den Tourismus für sich entdeckt. Und Wettbewerber wie etwa Lufthansa muss man immer ernst nehmen“, so der Manager.

Condor habe viele Jahre Erfahrung im Tourismusgeschäft, man habe den Zugang zu den Partnern, die Prozesse und Strukturen und eine sehr niedrige Kostenbasis. „Das Unternehmen ist durch das Muskeltraining erst beim Schutzschirmverfahren und jetzt durch Corona so fit, dass mir um die Zukunft von Condor nicht bange ist.“

Eine große Herausforderung wartet allerdings noch auf den Luftfahrtmanager: Er muss einen neuen Investor für das Unternehmen finden. Dabei hat die staatseigene Bank KfW ein Wörtchen mitzureden. An sie wurden im Zuge der Staatshilfen die Anteile des Unternehmens verpfändet. „Es gibt keinen Zeitdruck bei der Suche nach einem Investor. Ich rechne hier in den nächsten zwölf Monaten nicht mit der Wiederaufnahme des Investorenprozesses“, machte Teckentrup deutlich.

Als mögliche Bieter kommen andere Fluggesellschaften infrage, aber auch Finanzinvestoren. Bei der ersten Verkaufsrunde vor Beginn der Pandemie waren neben PGL auch die beiden Finanzinvestoren Apollo und Greybull als Interessenten dabei. Für solche Investoren könnte es zum Beispiel interessant sein, Condor als Kristallisationspunkt für eine Konsolidierung bei den Airlines zu nutzen. Corona wird den Markt so nachhaltig durcheinanderwirbeln, dass es zu weiteren Insolvenzen, aber auch zu Verkäufen und Zukäufen kommen wird.