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Commerzbank-Betriebsrat geht wegen Stellenabbau auf Konfrontationskurs

Die Arbeitnehmervertreter des Instituts wollen mehr Mitsprache bei der geplanten Streichung von bis zu 11.000 Jobs – und fordern dabei Unterstützung von der SPD.

Der Vorstand des Geldhauses denkt Finanzkreisen zufolge darüber nach, jede vierte Stelle zu streichen. Auch 400 von 1000 Filialen könnten dichtgemacht werden. Foto: dpa

Dem Commerzbank-Management steht ein heißer Sommer bevor. Nach heftiger Kritik des Großaktionärs Cerberus gehen nun die mächtigen Arbeitnehmervertreter auf die Barrikaden. Sie sind beunruhigt, weil der Vorstand im Rahmen der neuen Strategie Finanzkreisen zufolge darüber nachdenkt, bis 2023 zwischen 7000 und 11.000 Arbeitsplätze zu streichen.

„Die Zahlen, die über einen möglichen Stellenabbau kursieren, sorgen in der Belegschaft für große Verunsicherung“, sagt Uwe Tschäge, der Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats, dem Handelsblatt.

„Der Stellenabbau muss sozial verträglich geschehen“, fordert Tschäge. Deutschlands zweitgrößte Privatbank müsse dafür einen angemessenen Zeitraum wählen und genügend Geld für Altersteilzeitmodelle und ähnliche Instrumente zur Verfügung stellen.

„Betriebsbedingte Kündigungen darf es nicht geben, dafür werden wir kämpfen“, sagt Tschäge, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist. „Hier erwarte ich auch vom Bund als Großaktionär Unterstützung. Gerade die SPD muss sich in der Bundesregierung dafür einsetzen, dass mit den Mitarbeitern der Commerzbank anständig umgegangen wird.“

Eine eigentlich für diesen Mittwoch geplante Aufsichtsratssitzung, bei der das Gremium über den anstehenden Umbau der Bank diskutieren wollte, hat Chefkontrolleur Stefan Schmittmann am Montagabend kurzfristig abgesagt.

Grund waren Proteste der Arbeitnehmervertreter. Sie hatten sich beschwert, dass sie entgegen sonstigen Gepflogenheiten vorab keine Unterlagen zugeschickt bekamen, um sich auf die Sitzung vorzubereiten. „Deshalb habe ich im Namen der Arbeitnehmervertreter eine Verlegung der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung gefordert“, erklärt Tschäge.

Er arbeitet seit 1983 für die Commerzbank und hat mit dem Management in den vergangenen Jahren mehrfach über Abbauprogramme verhandelt. Der Vorstand hat betriebsbedingte Kündigungen dabei nie ausgeschlossen, von diesem Instrument am Ende aber nicht Gebrauch gemacht.

Über die neue Strategie entscheidet der Commerzbank-Vorstand. Allerdings soll darüber vorher im Aufsichtsrat diskutiert werden. Tschäge will dabei nachvollziehen können, warum und wo das Management Arbeitsplätze abbauen will. „Wichtig für uns ist, dass die Bank auch nach dem Umbau stabil aufgestellt ist und sich weiterentwickeln kann.“

Jede vierte Stelle in Gefahr

Die Commerzbank beschäftigte Ende 2019 auf Vollzeitbasis 40.400 Mitarbeiter. Im September 2019 hatte das Institut zunächst angekündigt, 4300 Stellen zu streichen. Nach massiver Kritik von Investoren und der Bankenaufsicht will der Vorstand den Sparkurs nun verschärfen. Dabei könnte jeder vierte Job wegfallen.

Viele Arbeitsplätze dürften dabei im Filialgeschäft gestrichten werden. Finanzchefin Bettina Orlopp hat bereits angedeutet, dass mehr Niederlassungen geschlossen werden als im vergangenen Jahr angekündigt – auch wegen des veränderten Kundenverhaltens in der Coronakrise. In der Commerzbank gehen viele davon aus, dass am Ende rund 400 der 1000 Filialen dichtgemacht werden.

Eine Commerzbank-Sprecherin wollte sich zu den Details nicht äußern. Sie bekräftigte, dass die überarbeitete Strategie spätestens bei der Vorlage der Halbjahreszahlen am 5. August präsentiert werden soll. „Im Moment werden verschiedene Optionen geprüft“, sagte die Sprecherin. „Noch wurden keine Entscheidungen getroffen.“

Der Finanzinvestor Cerberus, der gut fünf Prozent an der Commerzbank hält, hatte den Kurs des Instituts zuletzt in zwei öffentlich gewordenen Briefen scharf kritisiert und härtere Einschnitte angemahnt.

Commerzbank-Aufsichtsratschef Schmittmann wies die Forderung von Cerberus nach zwei Aufsichtssitzen zwar zurück. Er betonte jedoch, dass die Bank bei der neuen Strategie auf die Rückmeldungen von Cerberus und Investoren eingehen will. „Wir erwarten, dass Sie bei der Vorlage der angepassten Strategie sehen werden, dass viele Ihrer Vorschläge berücksichtigt und Bedenken adressiert wurden“, schrieb Schmittmann an Cerberus.

Viele Commerzbank-Mitarbeiter haben nun Angst, dass der Vorstand den Forderungen von Cerberus blind folgt. „Meine Befürchtung ist, dass das, was wir demnächst als Strategie des Vorstands vorgelegt bekommen, maßgeblich die Handschrift von Cerberus trägt“, sagt Stefan Wittmann, der als Vertreter der Gewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat der Bank sitzt. „Doch ein Investor, der kurzfristig Erfolge braucht und dem die Beschäftigten offensichtlich völlig egal sind, darf nicht ausschlaggebend für die Strategie der Commerzbank sein.“

Verdi droht mit Widerstand

Verdi fordert deshalb wie Betriebsratschef Tschäge Unterstützung vom Staat, der nach der Rettung der Bank in der Finanzkrise 15,6 Prozent an dem Institut hält und damit größter Aktionär ist.

„Das SPD-geführte Finanzministerium darf sich nicht von einem Finanzinvestor vor den Karren spannen lassen, sondern muss die Interessen der Arbeitnehmer im Blick haben“, fordert Wittmann. „Wenn dies nicht geschieht, werden wir uns mit allen Kräften wehren – wie im vergangenen Jahr bei der auch von Berlin vorangetriebenen Fusion mit der Deutschen Bank.“

Diese Drohung nehmen auch Investoren ernst, die das Wirken der Arbeitnehmervertreter kritisch beäugen – schließlich hat der Betriebsrat bei der Commerzbank mehr Einfluss als in vielen anderen Geldhäusern. Laut Wittmann sind 30 Prozent der Belegschaft Verdi-Mitglieder.

Im vergangenen Jahr hatte Verdi gegen eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank gekämpft und bei Streiks mehrere Hundert Mitarbeiter mobilisiert. Damit machte die Gewerkschaft dem Management deutlich, dass ein mit dem Zusammenschluss verbundener Stellenabbau für die Institute langwierig und teuer werden dürfte. Am Ende bliesen die Vorstände die deutsche Großbankenhochzeit ab.

Die Bundesregierung ist mit der Entwicklung der Commerzbank Finanzkreisen zufolge jedoch nicht zufrieden und hat Veränderungen angemahnt. Wittmann fürchtet, dass Cerberus und der Bund die Bank gemeinsam unter Druck setzen. „Mich beunruhigt, dass Vertreter von Cerberus laut Auszügen aus dem Besuchsregister zuletzt offenbar mehrfach bei Finanzstaatssekretär Jörg Kukies zu Besuch waren“, sagt Wittmann.

Eine Sprecherin des Finanzministeriums erklärte dazu: „Der Bundesregierung liegen keine konkreten Pläne in Bezug auf Sparmaßnahmen und Geschäftsmodellanpassungen der Commerzbank vor.“ Für die geschäftspolitischen Entscheidungen sei der Vorstand des Instituts verantwortlich. Grundsätzlich sei die Bundesregierung an einer starken und zukunftsfähigen Commerzbank interessiert.

Im Umfeld von Cerberus hieß es, es gebe keine Abstimmung mit anderen Aktionären über den künftigen Kurs der Commerzbank. In den nächsten Wochen wollen die Amerikaner nach Informationen des Handelsblatts jedoch versuchen, andere Investoren mit der Veröffentlichung von Analysen und Präsentationen zur Entwicklung der Commerzbank und anderer Banken auf ihre Seite zu ziehen.

Cerberus hat unabhängig von den noch ausstehenden Details zum Umbau des Instituts Zweifel, ob das Commerzbank-Management die Strategie anschließend konsequent umsetzt und die ausgegebenen Ziele erreicht. Im Rahmen der letzten Strategie „Commerzbank 4.0“ hat der Vorstand schließlich viele wesentliche Ziele kassiert.

Cerberus pocht deshalb auf einen Umbau des Aufsichtsrats, um damit perspektivisch auch Veränderungen im Vorstand herbeiführen zu können. Als Ultima Ratio könnte Cerberus eine außerordentliche Hauptversammlung beantragen und es dort zu einer Kampfabstimmung kommen lassen.

Die kommenden Wochen und Monate könnten für die Commerzbank-Spitze also sehr unangenehm werden.

Mitarbeit: Jan Hildebrand

ARCHIV - Eine Filiale der Commerzbank, aufgenommen am 09.01.2012 in Berlin am Kurfürstendamm. Foto: Jens Kalaene/dpa (zu dpa