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Eine Coachin erzählt, wann erfolgreiche Frauen ins Straucheln kommen – und wie sie ihnen hilft

Womit haben erfolgreiche Frauen im Beruf zu kämpfen? Coachin Rana Hetzel sagt, Grenzen zu setzen, sei ein häufiges Problem. - Copyright: privat
Womit haben erfolgreiche Frauen im Beruf zu kämpfen? Coachin Rana Hetzel sagt, Grenzen zu setzen, sei ein häufiges Problem. - Copyright: privat

Rana Hetzel ist diplomierte Volkswirtin und hat mehr als zehn Jahre lang im HR-Bereich gearbeitet, bevor sie sich als Coachin selbstständig gemacht hat. Welche Probleme Mitarbeiter auf dem Herzen haben, hat sie damals als Personalerin schon sehr nah mitbekommen – denn viele kamen mit ihren Anliegen zu ihr.

In ihrer Rolle als Coachin und Mentorin begleitet sie mittlerweile vor allem erfolgreiche Frauen, die im Job ins Straucheln gekommen sind: Ihre Führungsrolle füllt sie nicht mehr aus, sie sind erschöpft oder haben sich selbst verändert, ihr Leben aber ist noch das alte. Rana Hetzel hilft ihnen dabei, das Problem einzugrenzen, limitierende Denkmuster aufzulösen und einen neuen Fokus zu setzen. Sie hat uns erzählt, womit viele erfolgreiche Frauen zu kämpfen haben – und wie ein Coaching dabei helfen kann, Belastungen zu verhindern und wieder Leichtigkeit ins Leben zu bringen.

Viele Frauen kommen zu mir – und fühlen sich einfach nur leer. Sie wissen nur, dass es so nicht weitergehen kann. Ihre Erzählungen sind sehr ähnlich: Sie stehen morgens auf und sind da schon kraftlos. Sie starten nicht mit Freude in den Tag, sondern haben das Gefühl, nur zu funktionieren.

Meist ist das ein Zeichen dafür, dass sie nicht im Einklang mit ihren Bedürfnissen leben. Wer das nicht tut, wer im Alltag nicht seine Stärken einsetzen kann und Ressourcen hat, die glücklich machen, den kostet der Job und das Privatleben enorm viel Kraft. Diesen Frauen fällt es schwer, sich zu konzentrieren und gute Arbeit zu leisten. Und das versuchen sie dann noch zu kaschieren, vor dem Chef, vor den Kollegen.

All das ist sehr anstrengend. So landen sie in einem Hamsterrad, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Sie hängen abends auf dem Sofa und sind fix und fertig. Und stehen am nächsten Morgen mit genau dem gleichen Gefühl wieder auf – weil alles von vorne losgeht.

Von außen betrachtet: ein erfolgreiches Leben

Dabei sind es erfolgreiche Frauen, die zu mir ins Coaching kommen. Frauen, die wirklich etwas geschafft haben: Sie haben einen guten Job, viel Verantwortung, ein gutes Gehalt. Auch das Privatleben ist intakt: Sie haben ein schönes Haus und verbringen tolle Urlaube. Von außen betrachtet leben sie ein gutes Leben.

Aber sie fühlen sich leer und sie kommen nicht dahinter, warum das so ist. Sie wundern sich, dass dieser Job und diese hohen Ziele, die sich gesetzt und in der Regel auch erreicht haben, dass sie das alles nicht zufrieden macht. Sie sind ratlos und irritiert, weil sie nicht mit dem Verstand greifen können, warum sie sich so fühlen. Sie denken: Das war es doch, was ich wollte. Warum geht es mir denn jetzt nicht gut?

Sie glauben, dass das Problem der Job ist. Oder das nächste Ziel. Dass sie sich etwas Neues suchen müssen. Dass sie falsch geplant haben. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem liegt in ihnen. Im Lauf der Gespräche kommen wir meist dahinter, dass ein mangelndes Selbstwertgefühl das Thema ist. Das Gefühl, sich nach den Erfordernissen und nach den Bedürfnissen anderer richten zu müssen, im Job wie im Privatleben. Weil die eigenen Bedürfnisse nicht so wichtig sind.

Das Problem ist nicht die Situation – sondern die Reaktion darauf

Wer das glaubt, geht schnell über die eigenen Grenzen hinweg und ignoriert die ureigensten Bedürfnisse. Die Bitte, Aufgaben vom Chef zu übernehmen, ist für diese Frauen nichts, worüber sie lange nachdenken. Sie machen es einfach. Es ist nicht so, dass sie nicht schaffen würden zu sagen: „Das ist mir zu viel“ oder „Nein, das möchte ich nicht“. Das Problem ist, dass sie ihre Grenzen gar nicht spüren. Dass sie nicht für sich einstehen, weil ihre Bedürfnisse keine Priorität haben.

Wenn sie zu mir kommen, arbeiten wir meist acht Wochen zusammen, jede Woche anderthalb Stunden. Und ich gebe meinen Klienten auch Tools oder Hausaufgaben an die Hand für die Zeit zwischen den Sessions. Das sind intensive zwei Monate. Eine Veränderung passiert nicht von heute auf morgen, sie braucht Zeit. Und erstmal gilt es ja zu verstehen – und sich einzugestehen –, dass das Problem nicht bestimmten Situationen liegt, sondern darin, wie man in diesen Situationen reagiert.

Wir fangen damit an, typische Beispiele zu analysieren: die Bitte des Chefs, seine Aufgaben zu übernehmen zum Beispiel, oder Gespräche mit einem Kollegen, die immer schieflaufen. Sortiert man diese Situationen gut, dann zeigt sich am Ende: Man kann den Chef mit seiner Anspruchshaltung nicht ändern, und auch nicht den ewig nörgelnden Kollegen. Das kann ich auch im Coaching nicht machen. Was man aber verändern kann, ist die Reaktion auf den Chef oder den Kollegen. Wenn man die Situation also verändern möchte, ist die Frage: Was muss man dafür tun?

Passt mein derzeitiges Leben zu mir?

Neben der Arbeit an solchen konkreten Situationen gehen wir aber auch in die Tiefe. Dabei geht es um die grundlegenden Fragen: Passt mein derzeitiges Leben überhaupt zu mir? Falls das nicht der Fall ist: Wie sieht ein Leben aus, das im Einklang mit meinen Bedürfnissen steht – und was muss ich demzufolge in meinem Alltag verändern? Welche Art von Menschen tut mir gut – und bin ich von denen umgeben? Falls nein: Was muss ich im Kontakt mit anderen verändern? Welche Dinge geben mir Kraft – und wie oft mache ich diese Dinge?

Das sind Fragen, die jeder Mensch gut beantworten kann, und aus denen sich recht klar ergibt, welche Veränderungen nötig sind. Die Antworten können unterschiedlich ausfallen: Dem einen hilft Musik dabei, sich gut zu fühlen, dem anderen eine wöchentliche Massage oder Sport. Nach und nach holen wir dann kleine Veränderungen ins Leben der Frauen und schauen, was passiert.

Gleichzeitig bespreche ich mit meinen Klientinnen, welche massiven Auswirkungen ihre Gedanken haben. Darauf, wie sie sich fühlen und wie sie handeln. Es ist wichtig zu wissen, dass wir Dinge erschaffen mit unseren Gedanken, die nicht unbedingt der Realität entsprechen. Ein Gedanke ist erst mal nur ein Gedanke. Man muss ihn nicht sofort glauben.

Bedürfnisse und Ressourcen kennen

Was ich sehr gerne mache ich meinem Coaching sind Vision Boards, wo jeder bildhaft die eigenen Ziele darstellen kann, beziehungsweise die Veränderung, die er oder sie sich für das eigene Leben wünscht. Ich versuche damit, die Frauen ein bisschen ins Träumen zu bringen, was vielleicht erstmal paradox klingt, wenn es um Veränderung in der Realität geht. Aber mir geht es dabei darum, das Gefühl anzusprechen, nicht den Verstand.

Dabei kann so etwas herauskommen wie: Ich mag meinen Job, aber er ist sehr anstrengend. Mich entspannt wandern sehr – und deswegen plane ich jetzt viermal im Jahr ein verlängertes Wochenende zum Wandern, das mir Spaß macht und Kraft gibt.

Im Laufe dieser zwei Monate Coaching verändern sich oft die Gesichter der Frauen. Statt Energielosigkeit und müder Augenringe sehe ich dann jemanden, der aufblüht, der wieder zuversichtlich in die Zukunft schaut und an sich glaubt. Die Frauen kennen dann ihre Bedürfnisse, ihre Ressourcen und wissen, wie sie beides gut kombinieren.

Was Chefs tun können

Das alles zu wissen, ist aber nicht nur für die Frauen selbst wichtig, sondern auch für Menschen, die eine Mitverantwortung für andere haben. Führungskräfte gehören dazu. Wenn die Klientinnen zu mir kommen, ist in der Regel ein Schmerzpunkt erreicht, an dem sie selbst nicht weiterkommen. So wie Menschen meist auch erst zum Arzt gehen, wenn der körperliche Schmerz nicht mehr erträglich ist.

Oft spielt mangelnde Wertschätzung im Job dabei eine große Rolle. Man verbringt die meiste Zeit seines Lebens auf und mit der Arbeit. Wer hier das Gefühl hat, nicht gesehen zu werden, mit seiner Persönlichkeit und seinen Leistungen, der leidet darunter. Deswegen ist es wichtig, dass Chefs Wertschätzung priorisieren. Dass sie mit ihren Mitarbeitern sprechen, dass sie sie gut kennen, sich anfeuern, dass sie Erfolge zusammen feiern und Scheitern zusammen tragen.

Das muss nicht immer viel Zeit kosten. Ein einfaches „Dankeschön“ oder „Gut gemacht!“ reicht oft schon. Aber natürlich ist Zeit eine wichtige Ressource, und Mitarbeiter wissen es sehr zu schätzen, wenn ihr Vorgesetzter sich Zeit nimmt, für einen Kaffee oder ein kurzes Feedbackgespräch. In meinem alten Job hat mein Chef damals zum Beispiel zu Weihnachten jedem einzelnen Mitarbeiter eine persönliche Karte geschrieben, per Hand. Das war wunderschön und besonders, weil alle wussten: Das hat ihn Zeit gekostet.

Wo Chancen und Grenzen des Coachings liegen

Ein Coaching kann für viele Menschen den Impuls zur Veränderung geben. Aber nicht für alle bin ich der richtige Ansprechpartner. Wenn ich in den Vorgesprächen merke, dass Menschen zu viel Ballast aus der Kindheit mitnehmen, sie ein extremes Burnout haben oder eine sehr ungesunde Beziehung zu Essen, bin ich vorsichtig. Oder auch, wenn jemand unter starken körperlichen Schmerzen leidet, dessen Ursache unklar ist – viele psychischen Befindlichkeiten äußern sich ja im Körperlichen. In all diesen Fällen ist eine Psychotherapie besser angebracht.

Denn im Coaching ist das Ziel nicht, Probleme bis aufs Kleinste zu analysieren. Coaching ist lösungsorientiert und faktenorientiert. Es geht dabei darum, die Gegenwart zu betrachten und nach vorne zu blicken. Ich kann im Coaching niemanden retten. Ich kann nur die Menschen dabei unterstützen, dass sie sich selbst helfen. Ich zeige ihnen, wie sie Blockaden lösen können, gebe Hilfestellungen und zeige vielleicht mal eine Abkürzung, auf die sie allein gerade nicht kommen.

Und wenn das klappt, dann haben die Frauen, die bei mir im Coaching waren, am Ende nicht nur ihr Vision Board und Träume, sondern ändern konkret etwas. Sie nehmen sich ein Sabbatical und gehen ein Jahr ins Ausland, sie studieren vielleicht noch einmal und geben dafür ihre Führungsposition auf. Oder sie lassen neue Menschen in ihr Leben und dafür andere gehen. Am Ende ist nicht entscheidend, wie groß oder klein die Veränderung objektiv gesehen ist. Sondern wie viel Bedeutung sie für denjenigen hat, der sie angestoßen hat.