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CO2-Ausstoß steigt - Autoherstellern drohen hohe Strafen

Die Autoindustrie braucht ein Elektrowunder, zeigt eine neue Studie. Sonst könnten die Hersteller an den CO2-Vorgaben der EU scheitern – mit teuren Folgen.

Fast alle Hersteller dürften Schwierigkeiten bekommen, die Vorgaben der EU zu erfüllen. Foto: dpa

Mercedes selbst scheint mittlerweile den Glauben verloren zu haben, die CO2-Ziele der EU noch zu erreichen. „Mit dieser Unsicherheit, was im Markt passiert, können wir nicht ausschließen, dass wir da nicht konform sind mit den Zielen“, sagte Daimler-Chef Ola Källenius auf der IAA in Frankfurt, Mitte 2019.

Bis 2021 soll der durchschnittliche Flottenausstoß in der Europäischen Union auf 95 Gramm pro Kilometer sinken. Das ist das Ziel. Für die Hersteller gelten aber jeweils individuelle Ziele, die sich an der Zahl ihrer verkauften Fahrzeuge und ihren bisherigen Flottenschnitt orientieren. So muss PSA bis 2021 einen Flottenschnitt von 91,6 Gramm erreichen, während die Flotte von Jaguar Land Rover mindestens 130,6 Gramm erreichen müssen.

Doch trotz dieser variablen Ziele drohen fast alle Hersteller, die Ziele zu verfehlen. Die Unternehmensberatung PA Consulting rechnet damit, dass auf die Hersteller Strafen von über 14,5 Milliarden Euro zukommen, sollte sich die Abgasbilanz nicht schlagartig verbessern.

Das allerdings ist bei kaum einem Hersteller zu erwarten. Trotz aller Effizienzfortschritte sorgen mehrere Entwicklungen am Automarkt dafür, dass der durchschnittliche CO-Ausstoß der Hersteller sogar wieder steigt: Da ist zum einen der Trend zu stark-motorisierten Fahrzeugen. Die durchschnittliche PS-Zahl eines Neuwagens steigt seit Jahren. Zum anderen kaufen Kunden vermehrt die in der Kritik stehenden SUV-Modelle.

Die Autohersteller befinden sich hinsichtlich der SUVs in einer Zwickmühle. Denn einerseits wirft die Fahrzeugklasse so hohe Margen ab und findet so viele Käufer, wie kaum eine andere. Dementsprechend planen fast alle Hersteller mit neuen SUV-Modellen. Andererseits sind SUVs tendenziell schwerer als Limousinen oder Kombis, was zu höheren Verbräuchen und somit zu höherem CO2-Ausstoß führt.

Und auch die Dieselkrise hat Spuren in der Statistik hinterlassen. Da der Anteil des Diesels an den Verkäufen europaweit deutlich gesunken ist und Autokäufer stattdessen auf Kohlenstoffdioxid emittierende Benzinmotoren zurückgreifen, steigt der Ausstoß der Flotten weiter.

Für VW, Daimler & Co. kann diese Gemengelage zu empfindlichen Strafen führen, wie PA Consulting vorrechnet. VW beispielsweise muss bis 2021 seinen Flottenschnitt auf 96,6 Gramm senken, laut den Analysten jedoch wird der CO2-Ausstoß beim größten Autobauer der Welt bis dahin bei über 109 Gramm liegen. Umgerechnet würde auf VW damit eine Strafzahlung in Höhe von über 4,5 Milliarden Euro zukommen. Bei BMW rechnet PA Consulting mit Strafen in Höhe von 754 Millionen Euro, bei Daimler mit knapp einer Milliarde Euro.

Am besten im Ranking schneidet Toyota ab. Für Japaner rechnen die Unternehmensberater mit einer Strafzahlung von 18 Millionen Euro.

Elektroautos müssen günstiger werden

Um Strafen abzuwenden bräuchten die Autohersteller PA Consulting zufolge ein „Elektro-Wunder“. Demnach müssten 2020 rund 2,5 Millionen Elektrofahrzeuge verkauft werden – eine Steigerung von 1280 Prozent im Vergleich zum Status quo.

Wie unrealistisch das Unterfangen ist, zeigen auch VWs Produktionsziele bei der Elektroserie ID. Im laufenden Jahr rechnen die Wolfsburger mit der Auslieferung von 100.000 ID3 – und mit diesem Ziel gehört VW zur Spitze. In diesem Volumenbereich mischt höchstens noch Tesla mit. Es müssten jedoch 26 weitere Hersteller mindestens annähernd so viele Elektroautos im kommenden Jahr herstellen, um die CO2-Ziele zu erreichen.

Dennoch gäbe es laut Michael Schweikl, Autoexperte bei PA Consulting noch Möglichkeiten für die Autohersteller, Emissionen zu reduzieren und künftige Strafen zu minimieren. „Aber die Dringlichkeit der Situation bedeutet, dass sie schnell handeln müssen“, sagt Schweikl.

Vor allem müssten Elektro- und Hybridfahrzeuge günstiger werden. Meist kosten diese noch mehr als Autos mit Verbrennungsmotor. Fusionen von Autoherstellern können ebenfalls helfen, wie zum Beispiel die von Fiat Chrysler und PSA. Bereits vor den Fusionsplänen hatte FCA ein Abkommen mit Tesla geschlossen, um offiziellen CO2-Flottenwerte in Europa zu dämpfen.

Volkswagen wiederum habe den Studienautoren zufolge mit der Entwicklung offener Plattformen wie dem modularen Elektrobaukasten einen richtigen Weg einschlagen. Damit könnte Herstellern, die die Elektromobilität verschlafen haben oder die sich die Entwicklungskosten nicht leisten können, der Markteinstieg erleichtert werden.

Allerdings sind die CO2-Zielvorgaben für das Jahr 2021 erst der Anfang. Denn in der EU muss der Flottenverbrauch bereits 2025 gegenüber den im Jahr 2021 geltenden 95 Gramm CO2 pro Kilometer um weitere 15 Prozent und 2030 um 37,5 Prozent auf dann nur noch 59,4 Gramm sinken. Für die Autohersteller gilt es daher, die Strafzahlungen 2021 so gering wie möglich zu halten und bereits jetzt nach Antworten auf das CO2-Problem in fünf Jahren zu suchen.