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Claire Williams erklärt: Darum wollte sie nicht Teamchefin bleiben

Heiko Stritzke
·Lesedauer: 4 Min.

Es ist nicht dasselbe in Mugello. Die Familie Williams, essenzieller Bestandteil der Formel 1 seit 1969, fehlt. Nicht vorübergehend wegen geschäftlicher oder persönlicher Belange, sondern komplett, für immer. Die 51 Jahre alte Tradition ist zu Ende, Mugello markiert Rennwochenende Nummer eins einer völlig neuen Ära. Doch was wird nun aus Claire Williams?

Der Öffentlichkeit wird sie als Claire Williams in Erinnerung bleiben, doch Claire Harris, wie ihr eigentlicher Name seit 2017 lautet, freut sich auf ein neues Leben außerhalb der Formel 1. Nachdem sie das Team seit März 2013 als De-facto-Teamchefin geführt hat (offizieller Teamchef war bis zuletzt Frank), freut sie sich nun darauf, eine Welt außerhalb des Formel-1-Zirkus kennenzulernen.

Williams ist mit sich im Reinen. "Ich bin sehr gespannt darauf, zu erfahren, wer ich ohne das Ganze hier bin", sagt sie bei 'Sky'. "Nicht mehr Claire Williams zu sein, sondern Claire Harris. Ich will einfach sehen, was die wirkliche Welt da draußen ist außerhalb der geschlossenen Formel-1-Blase. Da bin ich sehr gespannt drauf."

Gender-Aspekt erst im Laufe der Zeit erkannt

Der neue Eigentümer des Teams, Dorilton Capital, hätte die 44-Jährige gerne an Bord behalten. "Das war allein meine Entscheidung. Das möchte ich klarstellen", betont sie und wirbt um Verständnis. "Ich liebe dieses Team und habe es immer geliebt. Ich hoffe, dass es die Menschen verstehen werden, dass es für mich enorm schwierig gewesen wäre, für jemand anderen zu arbeiten."

"Ich habe dieses Team als mein Team für sieben Jahre geführt. Blut, Schweiß und Tränen investiert. Das ist ein knallhartes Geschäft. Ich habe alles gegeben. Das Team ist wie meine Tochter, die ich schützen musste. Und ich hatte das Gefühl, dass es meine Pflicht gewesen ist. Jetzt, wo es nicht mehr unser Team ist, habe ich nicht das Gefühl, dieselbe Menge an Energie hineininvestieren zu können."

Gemeinsam mit Monisha Kaltenborn stand Williams Mitte der 2010er-Jahr auch für eine neue Managergeneration Pate, in der Frauen Führungsrollen in einer absoluten Männerdomäne besetzten. Beide sind nun nicht mehr da. Bleibt trotzdem etwas?

Claire Harris erklärt, dass ihr Geschlecht für sie anfangs nie eine Rolle gespielt habe. Es sei einfach die logische Pflicht gewesen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. "Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, aber habe es über die vergangenen Jahre umso intensiver getan."

"Ich habe versucht, diese Rolle anzunehmen und mehr Frauen in den Sport zu bringen. Denn es sollte ein Sport mit einer viel höheren Geschlechtervielfalt sein. Wenn ich nur eine Frau dazu gebracht haben sollte, sich in diesem Sport zu engagieren, macht mich das unglaublich glücklich."

Der Sieg blieb ihr verwehrt

Dass sie nach sieben Jahren sieglos die Bühne der Formel 1 verlässt, schmeckt ihr dann doch nicht so ganz: "Ich wollte so viel mehr in diesem Sport erreichen. Leider ist sich das für mich nicht ausgegangen. Aber ich kann mich mit dem Wissen verabschieden, dass ich ein paar gute Dinge in die Wege geleitet habe. Ich habe nicht alles richtig gemacht. Aber ich kann mich - hoffentlich - erhobenen Hauptes aus diesem Sport verabschieden."

Und so spricht sie bei der Frage, was ihr Vermächtnis sein wird, auch lieber über das ihres Vaters: "Was er in diesem Sport erreicht hat, ist monumental. Absolut außergewöhnlich. Er hatte nichts. Man vergisst schnell, woher dieses Team kommt. Mein Vater kam buchstäblich aus dem Nichts mit einem kleinen Traum."

"Er hat dafür gekämpft, dieses Team dorthin zu bringen, wo es jetzt ist. Er hat trotz seines schrecklichen Unfalls 16 Weltmeisterschaften gewonnen. Ihn hat der Unfall nicht aus der Bahn geworfen, er hat immer weitergekämpft. Für mich ist mein Vater der insprierendste Mensch schlechthin. Und vielleicht die inspirierendste Persönlichkeit, die dieser Sport jemals hervorgebracht hat."

Faul auf die Couch? "Kann es nicht erwarten!"

"Ich habe es geliebt", betont sie noch einmal. "Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dieses Leben gelebt zu haben. Es hat mir viel gegeben. Ich habe es geliebt, diesen Job zu machen. Bereue ich irgendetwas? Wahrscheinlich schon. Aber ich bin stolz darauf, was wir erreicht haben und was unsere Familie in diesem Sport erreicht hat."

Was sie nun tun wird? Das ist noch nicht klar. Auf die Frage, dass man es sich schwer vorstellen könne, dass sie von nun an faul auf der Couch sitzen würde, antwortet sie nur lachend: "Das kriege ich immer wieder zu hören! Aber ganz ehrlich, ich kann es gar nicht erwarten, mich mal einen ruhigen Tag hinzusetzen!"

Diesen wird sie nun haben, wenn sie sich den Großen Preis der Toskana vom heimischen Sofa aus verfolgen kann. Die Formel-1-Welt dreht sich auch ohne Familie Williams weiter. Doch sie ist nicht mehr dieselbe.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.